Sprachmäch­ti­ger Bil­dungs­ro­man

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Chris­ti­ne King

Die Ge­schich­te spielt im heu­ti­gen Man­tua. Zwei Er­eig­nis­se aus der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit wer­den im Ro­man zu­sam­men­ge­bracht. Das sind die bei­den in­ein­an­der ver­schlun­ge­nen Ske­let­te, die man 2007 bei Aus­gra­bun­gen ge­fun­den hat und die – meh­re­re Tau­send Jah­re alt – als „Die Lie­ben­den von Man­tua“be­kannt wur­den. Zum an­de­ren gibt es das Erd­be­ben, das 2012 die ita­lie­ni­sche Stadt hef­tig er­schüt­tert und vie­le ih­rer his­to­ri­schen Bau­ten und Ge­mäl­de schwer be­schä­digt hat. Ralph Dut­li ver­knüpft bei­des und lässt zwei Freun­de zu­sam­men­tref­fen: den Schrift­stel­ler Ma­nu, be­ses­sen vom ske­let­tier­ten St­ein­zeit­pär­chen, und Raf­fa, der die Fol­gen des Be­bens für Kul­tur und Men­schen er­for­schen soll. Die bei­den tref­fen sich zu­fäl­lig. Zu ei­ner wei­te­ren Ver­ab­re­dung kommt Ma­nu nicht. Er wur­de ent­führt, von ei­nem du­bio­sen Gra­fen, der mit­hil­fe des Schrift­stel­lers ei­ne neue Re­li­gi­on ins Le­ben ru­fen möch­te. Nicht mit dem Ge­kreu­zig­ten als Sym­bol, son­dern mit den „Lie­ben­den von Man­tua“.

Dut­li hat ei­nen Bil­dungs­ro­man ge­schrie­ben, in dem Ver­se des la­tei­ni­schen Dich­ters Ver­gil zi­tiert und Kunst­wer­ke des Re­nais­sance­ma­lers Man­te­ga in­ter­pre­tiert wer­den. Das Al­te bleibt aber nicht al­lei­ne ste­hen. Es wird mit Mo­der­nem ver­bun­den. Und zwar gro­ßer Sprach­ge­walt. Da ist die Re­de von ei­ner „ent­setz­lich will­kom­me­nen Haut“oder von „den Bli­cken in die je­wei­li­gen Blick­fal­len“. Re­li­gi­on ist ein zen­tra­les The­ma und vi­el­leicht mehr noch die Lie­be. Auch bei­de Män­ner ha­ben Lie­bes­ge­schich­ten, der ei­ne in der Ver­gan­gen­heit, der an­de­re in der Ge­gen­wart. Alt und mo­dern ist ei­ne Kom­bi­na­ti­on, die Dut­li wun­der­bar ge­lingt. Der Ro­man ge­währt Ein­bli­cke in Dut­lis phi­lo­so­s­phisch-poe­ti­sche Ge­dan­ken­welt, die vol­ler Über­ra­schun­gen ist. Gleich­zei­tig wird ei­ne span­nen­de Ge­schich­te er­zählt. Das Buch macht neu­gie­rig auf Kunst, auf Poe­sie, auf Re­li­gi­on und nicht zu­letzt auf Man­tua. Völ­lig zu­recht stand der Ro­man auf der dies­jäh­ri­gen Lon­glist des Deut­schen Buch­prei­ses. Ralph Dut­li: Die Lie­ben­den von Man­tua, Wall­stein Ver­lag, Göt­tin­gen 2015, 276 Sei­ten, 19,90 Eu­ro.

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