Chi­na re­agiert auf die Ba­by­flau­te

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MEINUNG & DIALOG - Von Andre­as Land­wehr, Pe­king

ach mehr als drei Jahr­zehn­ten hat Chi­na die um­strit­te­ne Ein-Kind-Po­li­tik ab­ge­schafft. Künf­tig wer­den al­len Paa­ren zwei Kin­der er­laubt. Die über­ra­schen­de Wen­de in der staat­lich ver­ord­ne­ten Fa­mi­li­en­po­li­tik er­folgt als Re­ak­ti­on auf die schnel­le Al­te­rung des Mil­li­ar­den­vol­kes und die rück­läu­fi­ge Ge­bur­ten­ra­te.

Die Volks­re­pu­blik zählt heu­te mehr als 1,3 Mil­li­ar­den Men­schen. Be­reits En­de 2013 gab es ei­ne Lo­cke­rung der Ein-Kind-Po­li­tik. Da­nach durf­ten Paa­re, von de­nen be­reits ei­ner der Part­ner ein Ein­zel­kind ist, schon zwei Kin­der ha­ben. Der Schritt hat­te nicht zu ei­nem Ba­by- boom ge­führt. An­ge­sichts ho­her Mie­ten und teu­rer Schul­bil­dung fürch­ten vie­le Paa­re in den Me­tro­po­len oh­ne­hin, dass sie sich kein zwei­tes Kind leis­ten kön­nen. „Nur wenn auch die Kos­ten, ein Kind auf­zu­zie­hen, ge­senkt wer­den kön­nen, wird die­se neue Po­li­tik funk­tio­nie­ren“, hieß es un­ter an­de­rem in spon­ta­nen Re­ak­tio­nen in In­ter­net­fo­ren.

Die Ein-Kind-Po­li­tik war we­gen ih­rer stren­gen Um­set­zung mit Zwangs­ab­trei­bun­gen bis spät in der Schwan­ger­schaft und an­de­rer Zwangs­maß­nah­men im­mer hef­tig um­strit­ten. Die in­ter­na­tio­na­le Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Hu­man Rights Watch be­grüß­te die Ab­schaf­fung auch als „Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung“.

Die Ein-Kind-Po­li­tik war 1979 ein­ge­führt wor­den. Das wach­sen­de Rie­sen­volk muss­te er­nährt und die knap­pen Res­sour­cen ge­schützt wer­den. Oh­ne die strik­te Fa­mi­li­en­po­li­tik wür­den heu­te in Chi­na nach of­fi­zi­el­len An­ga­ben schät­zungs­wei­se 300 Mil­lio­nen Men­schen mehr le­ben. Mit vie­len Aus­nah­men für Min­der­hei­ten oder Bau­ern be­tra­fen die Re­geln aber nach An­ga­ben von Ex­per­ten nur noch ein Drit­tel der Paa­re. Je Frau we­ni­ger als 1,6 Kin­der Chi­nas Aka­de­mie der So­zi­al­wis­sen­schaf­ten hat­te schon im Som­mer laut Me­dien­be­rich­ten ei­ne Zwei-Kin­dLö­sung als Ant­wort auf die äl­ter wer­den­den Ge­sell­schaft und die ge­rin­ge Ge­bur­ten­freu­dig­keit vor­ge­schla­gen. Je­de Chi­ne­sin be­kommt dem­nach im Schnitt we­ni­ger als 1,6 Kin­der. Für ei­ne sta­bi­le Be­völ­ke­rungs­ent­wick­lung sei ei­ne Quo­te von 2,1 nö­tig, hieß es wei­ter.

Über die Jah­re war die Ein-Kin­dPo­li­tik schon zu­neh­mend ge­lo­ckert wor­den. We­gen der tra­di­tio­nel­len Be­vor­zu­gung von Jun­gen durf­ten Bau­ern, die als ers­tes ein Mäd­chen be­kom­men hat­ten, noch mal ver­su­chen, ei­nen männ­li­chen Stamm­hal­ter zu be­kom­men.

Ge­witz­te Chi­ne­sen fan­den auch We­ge, die Be­schrän­kun­gen zu um­ge­hen. Wer ge­nug Geld hat, zahl­te häu­fig ein­fach die Stra­fen, die bei ei­nem zwei­ten Kind ver­hängt wur­den. Die Hö­he war je nach Re­gi­on un­ter­schied­lich.

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