Be­feh­le aus Bay­ern ins All

Vor 30 Jah­ren star­te­te ers­te deut­sche Raum­fahrt-Mis­si­on

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - JOURNAL - Von Ro­land Böhm

STUTTGART (dpa) - Das baye­ri­sche Hous­ton: Die­sen Ti­tel ver­dien­te sich Ober­pfaf­fen­ho­fen vor 30 Jah­ren, am 30. Ok­to­ber 1985. Da­mals star­te­te die US-Raum­fäh­re Chal­len­ger in die Wei­ten des Wel­talls. Der Flug der Ra­ke­te wur­de zwar aus Hous­ton über­wacht, doch ein­mal im All, ka­men die An­wei­sun­gen für die acht As­tro­nau­ten aus dem Kon­troll­zen­trum west­lich von München. Was al­le Be­tei­lig­ten erst spä­ter er­fuh­ren: Die Mis­si­on ent­ging knapp ei­ner Ka­ta­stro­phe.

Han­sul­rich Steim­le (76), den da­ma­li­gen Pro­jekt­lei­ter, wun­dert noch im­mer, dass die Ame­ri­ka­ner nicht nur zwei deut­sche As­tro­nau­ten und das in Deutsch­land pro­du­zier­te Raum­la­bor ak­zep­tier­ten, son­dern auch die Steue­rung aus Bay­ern. Be­son­ders stolz ma­che ihn, dass man mit dem Bud­get von 300 Mil­lio­nen Mark aus­ge­kom­men sei. „Da bin ich Schwa­be“, sagt Steim­le.

Kopf des Ex­pe­ri­men­tier­be­triebs im Kon­troll­zen­trum Ober­pfaf­fen­ho­fen ist Ulf Mer­bold (74), der zwei Jah­re zu­vor mit der Na­sa als ers­ter West­deut­scher ins All ge­flo­gen war. „Wir wa­ren völ­lig eu­pho­risch“, er­in­nert sich Mer­bold spä­ter.

Wäh­rend Mer­bold und Steim­le den Flug aus Ober­pfaf­fen­ho­fen aus len­ken und die Ex­pe­ri­men­te be­auf­sich­ti­gen, sitzt Ernst Mes­ser­schmid (70) aus Reut­lin­gen an Bord der Chal­len­ger.

Er ist mit dem Ver­las­sen der Erd­at­mo­sphä­re nach dem DDR-Kos­mo­nau­ten Sig­mund Jähn (1978) und Mer­bold (1983) der drit­te Deut­sche im All. „Aber auch nur, weil ich zu­fäl­lig ein Stück wei­ter vor­ne saß“, scherzt er. Di­rekt hin­ter ihm saß Rein­hard Fur­rer (1940-1995), der zwei­te Deut­sche der Mis­si­on. Au­ßer­dem sind fünf Ame­ri­ka­ner und ein Nie­der­län­der an Bord. „Es hät­te auch uns tref­fen kön­nen“Zu die­sem Zeit­punkt wis­sen die Män­ner im All nicht, wie viel Glück sie ge­habt ha­ben. Beim nächs­ten Ab­flug der Chal­len­ger, kei­ne drei Mo­na­te spä­ter, ex­plo­diert die Ra­ke­te 73 Se­kun­den nach dem Start. Sie­ben Men­schen ster­ben im Feu­er­ball am Him­mel. „Es hät­te ge­nau­so uns tref­fen kön­nen“, sagt Mes­ser­schmid heu­te. Wie sich spä­ter her­aus­ge­stellt, sind auch beim deut­schen Flug je­ne Dich­tungs­rin­ge teils durch­ge­schmort, die als Ur­sa­che für die Space-Shut­tleKa­ta­stro­phe aus­ge­macht wer­den. Kei­ne Zeit für Angst Et­was Angst sei bei so ei­nem Start da­bei, er­zählt er mit Blick auf den Ab­flug von Ca­pe Ca­na­veral in Flo­ri­da. „Um ei­nen her­um ist hoch­ex­plo­si­ver Treib­stoff.“Doch As­tro­nau­ten hät­ten ge­ne­rell gro­ßes Ver­trau­en in dieTech­nik. Au­ßer­dem sei für Angst kaum Zeit ge­we­sen.

In 165 St­un­den im All ar­bei­ten die Män­ner 80 Ex­pe­ri­men­te ab. Un­ter an­de­rem for­schen sie an Atom­uh­ren, die zur Grund­la­ge für die GPS-Tech­nik und die Na­vi­ga­ti­on wur­den.

112-Mal um­kreist die Chal­len­ger in sie­ben Ta­gen die Er­de. Die er­hoff­te Initi­al­zün­dung für die be­mann­te Raum­fahrt in Deutsch­land wird die Mis­si­on aber nicht. Die D2-Mis­si­on fin­det erst 1993 statt, ei­ne ge­plan­te D3-Mis­si­on wird ge­stri­chen – aus Kos­ten­grün­den.

FOTO: DPA

Ernst Mes­ser­schmidt ( links) und Ulf Mer­bold

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