„Po­li­ti­sche Füh­rung muss Mut ma­chen“

Man­fred We­ber, EVP-Frak­ti­ons­chef im EU-Par­la­ment, for­dert in Flücht­lings­kri­se ge­mein­sa­mes Vor­ge­hen Eu­ro­pas

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND -

RA­VENS­BURG - Als Chef der kon­ser­va­ti­ven EVP-Frak­ti­on im Eu­ro­pa­par­la­ment, ei­ner Par­tei­en­fa­mi­lie, zu der die CDU ge­nau­so ge­hört wie die un­ga­ri­sche Fi­desz des um­strit­te­nen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Vik­tor Or­ban, muss Man­fred We­ber (CSU) Di­plo­mat sein. Und auch im Ge­spräch mit Hen­drik Groth, Klaus Nach­baur und Mar­kus Riedl wagt der Nie­der­bay­er in der Flücht­lings­kri­se den Spa­gat zwi­schen der Po­si­ti­on von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) und dem CSU-Par­tei­chef Horst See­ho­fer. Sein Cre­do: Ein Land al­lei­ne kann die ak­tu­el­len Kri­sen nicht be­wäl­ti­gen. Herr We­ber, be­kommt die EU die Flücht­lings­kri­se in den Griff? Die Auf­ga­be ist ei­ne his­to­ri­sche, aber wir müs­sen und wir wer­den das schaf­fen. Ist die Flücht­lings­kri­se här­ter als die Eu­ro­kri­se? Die Staats­schul­den­kri­se war für die EU ei­ne an die Sub­stanz ge­hen­de Kri­se und wir ha­ben sie ge­meis­tert. Die Flücht­lings­kri­se ist kei­ne Fra­ge, die sich bin­nen Ta­gen oder Wo­chen­frist lö­sen lässt. Ent­schei­dend ist, zu ver­ste­hen, dass es ein Land al­lei­ne de­fi­ni­tiv nicht mehr schaf­fen kann. Eu­ro­pa muss ge­mein­sa­me Ant­wor­ten dar­auf ge­ben. Brau­chen wir mehr Op­ti­mis­mus? Wenn man vor gro­ßen Auf­ga­ben steht, muss po­li­ti­sche Füh­rung Mut und nicht Angst ma­chen. Das ver­kör­pert die Bun­des­kanz­le­rin. Ich glau­be, dass wir Eu­ro­pä­er uns be­wusst ma­chen soll­ten, was wir schon er­reicht ha­ben. In der Staats­schul­den- und Fi­nanz­kri­se ha­ben wir mit ge­mein­sa­men An­stren­gun­gen und mit viel Geld Ban­ken und Staa­ten ge­ret­tet und im ver­gan­ge­nen Jahr hat die­ser Kon­ti­nent 1,6 Mil­lio­nen we­ni­ger Ar­beits­lo­se in der Eu­ro­zo­ne ge­habt als im Jahr da­vor. Wir sind stär­ker aus der Kri­se her­aus­ge­kom­men als wir rein­ge­gan­gen sind. Vor ei­ni­gen Jah­ren war das zen­tra­le The­ma, wie Eu­ro­pa ge­stal­tet wer­den soll. Jetzt wer­den nur noch Kri­sen ver­wal­tet. Wo bleibt die eu­ro­päi­sche In­te­gra­ti­on? Die po­li­ti­sche Ta­ges­ord­nung wird uns nun mal von den Her­aus­for­de­ret­ten run­gen dik­tiert, und ja: wir sind im Kri­sen­mo­dus. Die Bür­ger er­war­ten von uns, dass Po­li­tik or­dent­li­ches Ma­nage­ment macht. Wir Eu­ro­pä­er sind heu­te sie­ben Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung, und im Jahr 2050 wer­den das nur noch vier Pro­zent sein. Im Jahr 2050 wird, wenn es nach der Wirt­schafts­kraft geht, kein Eu­ro­pä­er mehr an den G-7-Gip­feln teil­neh­men. Wenn man sich die­sen Glo­ba­li­sie­rungs­schub ver­ge­gen­wär­tigt, den wir er­le­ben, dann brau­chen wir mehr Mut zu ei­nem star­ken Eu­ro­pa. Sonst wer­den wir un­se­ren Wohl­stand nicht hal­ten kön­nen. Vie­le Men­schen ha­ben aber das Ge­fühl, dass es der­zeit kein star­kes Eu­ro­pa mehr gibt, son­dern al­les völ­lig will­kür­lich ab­läuft, dass es kei­ne So­li­da­ri­tät gibt, dass das Schen­gen-Ab­kom­men nicht um­ge­setzt wird. Wie kriegt die EU das wie­der ge­dreht? Wir ha­ben in die­sem Jahr ei­ni­ges auf den Weg ge­bracht. Bei­spiels­wei­se wir im Mit­tel­meer auch mit deut­schen Kriegs­schif­fen Men­schen­le­ben. Wir ha­ben ei­nen Ver­teil­me­cha­nis­mus für 160.000 Flücht­lin­ge in Eu­ro­pa be­schlos­sen, der Ein­stieg in ei­ne ge­rech­te Las­ten­ver­tei­lung ist ge­schafft. Es ist oft müh­sam, aber Eu­ro­pa be­ginnt zu lie­fern. Vor ein paar Ta­gen kam die Mel­dung, es sei­en beim Las­ten­aus­gleich bis­lang ge­ra­de 19 Flücht­lin­ge in Eu­ro­pa ver­teilt wor­den. Das braucht Zeit, aber wir ha­ben den Ein­stieg po­li­tisch ge­schafft. Und was das Wich­tigs­te ist: Die EU-Kom­mis­si­on führt. Kom­mis­si­ons­chef Je­anClau­de Juncker hat weit­rei­chen­de Ge­setz­ge­bungs­vor­schlä­ge auf den Tisch ge­legt, et­wa ei­nen per­ma­nen­ten Quo­ten­me­cha­nis­mus oder ei­ne De­fi­ni­ti­on von si­che­ren Her­kunfts­staa­ten, da­mit die Ver­fah­ren be­schleu­nigt wer­den. Wir als EVP wol­len auch, dass die Tür­kei als si­che­rer Her­kunfts­staat de­fi­niert wird. Dann ha­ben wir in we­ni­gen Ta­gen den Gip­fel von Val­let­ta auf Mal­ta, wo die Eu­ro­pä­er mit al­len afri­ka­ni­schen Staats­chefs zu­sam­men­kom­men und Kl­ar­text re­den müs­sen nach dem Mot­to: Wir ge­ben ger­ne Ent­wick­lungs­hil­fe, wir wol­len, dass Afri­ka ei­ne gu­te Ent­wick­lung nimmt. Aber das be­deu­tet auch, dass ihr ko­ope­rie­ren müsst. Ihr müsst ab­ge­lehn­te Be­wer­ber aus eu­ren Staa­ten zu­rück­neh­men. Nach Jah­ren der Selbstori­en­tie­rung müs­sen wir ver­ste­hen, dass die Pro­ble­me in je­dem baye­ri­schen oder ba­den­würt­tem­ber­gi­schen Dorf an­kom­men, wenn wir nicht in Au­ßen- und Ent­wick­lungs­po­li­tik in­ves­tie­ren. Vie­le ha­ben den Ein­druck, dass sich in Eu­ro­pa in nächt­li­chen Gip­feln über das Recht hin­weg­ge­setzt wird. Brau­chen wir mehr Re­spekt vor dem Recht in Eu­ro­pa? Eu­ro­pa ist ei­ne Rechts­ge­mein­schaft, das Recht muss um­ge­setzt wer­den. Die EU-Kom­mis­si­on hat in der Flücht­lings­po­li­tik mitt­ler­wei­le 43 Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren ge­gen Mit­glieds­staa­ten ein­ge­lei­tet – auch ge­gen Deutsch­land, weil die Ab­schie­bun­gen nicht or­dent­lich or­ga­ni­siert sind. Für die Zu­kunft braucht die Kom­mis­si­on aber mehr di­rek­te Mög­lich­kei­ten, das be­ste­hen­de Recht auch zu voll­zie­hen. Was sa­gen Sie Bür­gern, die be­fürch­ten, dass die über­wie­gend mus­li­mi­sche Zu­wan­de­rung zu kul­tu­rel­len Kon­flik­ten füh­ren wird? Wir müs­sen die­se Sor­gen ex­trem ernst neh­men. Wir soll­ten nicht na­iv um­ge­hen mit der Fra­ge, wer zu uns kommt. Das sind auch Men­schen aus Kul­tur­krei­sen, in de­nen vie­le der Prin­zi­pi­en, die uns heu­te wich­tig sind, nicht selbst­ver­ständ­lich sind. Wenn Men­schen um Hil­fe vor Krieg und Ter­ror bit­ten, müs­sen wir als Eu­ro­pä­er Tü­ren auf­ma­chen. Wenn die Men­schen dann aber hier sind, müs­sen wir Kl­ar­text re­den bei der Fra­ge, was wir von ih­nen er­war­ten. De­nen, die un­se­re Spiel­re­geln nicht ak­zep­tie­ren, müs­sen wir sa­gen: Sie kön­nen nicht hier­blei­ben. Ge­nau­so braucht es ei­nen star­ken EU-Au­ßen­gren­zen­schutz und die Bot­schaft, es kann nicht je­der zu uns kom­men, der nach Eu­ro­pa will. CSU-Par­tei­chef Horst See­ho­fer hat vor den Ko­ali­ti­ons­ge­sprä­chen zur Flücht­lings­kri­se ei­ne Droh­ku­lis­se auf­ge­baut. Wel­chen Kurs fährt er? Das ist kei­ne Droh­ge­bär­de, son­dern ein Hil­fe­ruf. In Bay­ern ha­ben wir ei­nen enor­men prak­ti­schen All­tags­druck, mit den täg­lich 5000 bis 10 000 Men­schen um­zu­ge­hen, die an­kom­men. Wir brau­chen des­halb ei­ne Li­mi­tie­rung der Flücht­lings­zah­len. Der Frei­staat Bay­ern hat für das nächs­te Haus­halts­jahr ei­ne hal­be Mil­li­ar­de Eu­ro be­reit­ge­stellt, um zum Bei­spiel fast 3000 neue Stel­len für die In­te­gra­ti­on zu schaf­fen. Bay­ern leis­tet viel – wie an­de­re Deut­sche auch. Aber ge­ra­de, weil wir in Bay­ern viel leis­ten, neh­men wir auch in An­spruch, kri­ti­sche Fra­gen zu stel­len, wie es wei­ter­ge­hen soll. Und dar­auf muss Berlin – aber auch Brüs­sel – jetzt Ant­wor­ten ge­ben. Mehr zur Flücht­lings­kri­se Sie auch im In­ter­net un­ter schwa­ebi­sche.de/asyl

fin­den

FOTO: DA­NI­EL DRE­SCHER

Ge­spräch über Eu­ro­pa: EVP-Frak­ti­ons­chef Man­fred We­ber (CSU, links) mit Hen­drik Groth, Chef­re­dak­teur der „Schwä­bi­schen Zei­tung“.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.