Er­fah­run­gen aus Ja­pan leh­ren Deut­sche das Fürch­ten

Ei­ne lan­ge Pha­se nied­ri­ger Zin­sen scha­det der Wirt­schaft – Sym­po­si­um in Stuttgart

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIRTSCHAFT - Von Stef­fen Ran­ge

STUTTGART - Ja­pan ist für Öko­no­men ei­ne gru­se­li­ge In­sel. Dort gibt es Zom­bie-Ban­ken und Zom­bie-Un­ter­neh­men. Ge­meint sind Fi­nanz­in­sti­tu­te und Fir­men, die mit bil­li­gem Geld künst­lich am Le­ben er­hal­ten wer­den, ob­wohl sie längst am En­de sind. Das Land im fer­nen Os­ten gilt vie­len Öko­no­men als ab­schre­cken­des Bei­spiel, wie ei­ne Wirt­schaft durch Ver­zicht auf Zin­sen und ei­ne Geld­schwem­me rui­niert wer­den kann.

Prof. Gun­ther Schnabl, Di­rek­tor des In­sti­tuts für Wirt­schafts­po­li­tik an der Uni­ver­si­tät Leipzig, hat viel ge­forscht über die ja­pa­ni­sche Fi­nanz­kri­se, die nun schon zwei Jahr­zehn­te dau­ert. Sei­ner Mei­nung nach hat die deut­sche Wirt­schaft viel Ähn­lich­keit mit der Si­tua­ti­on in Ja­pan in den 1980er-Jah­ren. Da­mals bau­te sich in Ja­pan ei­ne Bla­se auf: Ak­ti­en­kur­se zo­gen an und auch Im­mo­bi­li­en ver­teu­er­ten sich, be­feu­ert durch Spe­ku­lan­ten. „In Deutsch­land ist ent­ge­gen des vor­herr­schen­den Ein­drucks kei­nes­wegs al­les in Ord­nung“, sag­te er bei ei­ner Ver­an­stal­tung der Spar­kas­sen und Ge­nos­sen­schafts­ban­ken am Frei­tag in Stuttgart.

Zum Welt­spar­tag rich­te­ten die bei­den be­deu­tends­ten ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Ban­ken­ver­bän­de erst­mals ge­mein­sam ein Sym­po­si­um aus. Sie woll­ten aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln klä­ren, was dau­er­haft nied­ri­ge Zin­sen be­wir­ken und ob die deut­sche Spar­kul­tur Scha­den nimmt. Schnabl will Ab­kehr vom Null­zins Pro­fes­sor Schnabl be­wer­te­te die Po­li­tik des bil­li­gen Gel­des pes­si­mis­tisch: „Ich for­de­re ei­ne Ab­kehr vom Null­zins.“Nied­ri­ge Zin­sen er­mun­ter­ten zu ri­si­ko­be­haf­te­ten Ge­schäf­ten und trü­gen da­zu bei, Un­ter­neh­men trä­ge zu ma­chen. Das tra­di­tio­nel­le Bank­ge­schäft – Geld ein­zu­sam­meln und ge­gen Zin­sen zu ver­lei­hen – wer­de un­ter­gra­ben. Die pri­va­te Al­ters­vor­sor­ge wer­de aus­ge­höhlt. „Die Nied­rig­zins­po­li­tik sta­bi­li­siert kurz­fris­tig, zieht aber lang­fris­tig ein­schnei­den­de Kos­ten nach sich.“

Der Ver­tre­ter der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB), Ul­rich Bind­seil, ver­tei­dig­te die Ent­schei­dung, die Zin­sen nied­rig zu hal­ten. Die Zen­tral­bank sei zu­nächst der Geld­wert­sta­bi­li­tät ver­pflich­tet. Schlim­mer als die nied­ri­gen Zin­sen sei für die Ver­brau­cher bei­spiels­wei­se ei­ne In­fla­ti­on. Ob die nied­ri­gen Zin­sen an­de­re Fol­gen zei­ti­ge – Um­ver­tei­lung von Ver­mö­gen et­wa oder auch ei­ne Re­du­zie­rung der Staats­schul­den – sei kein Kri­te­ri­um für die EZB, ihr In­ter­es­se gel­te ein­zig und al­lein dem wert­be­stän­di­gen Geld.

An die­ser Hal­tung stör­te sich der Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te Pe­ter Si­mon (SPD) aus Mann­heim. Volks­wir­te ver­schanz­ten sich hin­ter ma­the­ma­ti­schen Mo­del­len, han­tier­ten viel mit Sta­tis­ti­ken, doch sie igno­rier­ten da­bei die Men­schen. Die Hö­he der Zin­sen spie­le für die Be­völ­ke­rung sehr wohl ei­ne Rol­le

Dem pflich­te­te Ro­man Gla­ser bei. Der Prä­si­dent des ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Ge­nos­sen­schafts­ver­bands warn­te, dass nied­ri­ge Zin­sen ri­si­ko­rei­che An­la­gen be­güns­tig­ten und un­ge­sun­der Spe­ku­la­ti­on Tür und Tor öff­ne­ten. „Nied­ri­ge Leit­zin­sen lö­sen kei­ne Pro­ble­me, es wird die Grund­la­ge für neue Pro­ble­me ge­schaf­fen.“Pe­ter Schnei­der, Prä­si­dent des Spar­kas­sen­ver­bands Ba­denWürt­tem­berg, sorgt sich um die Spar­kul­tur in Deutsch­land: „Wenn die Zin­sen feh­len, fehlt ein wich­ti­ger An­reiz für die Wer­tig­keit des Spa­rens.“Bil­li­ges Geld wer­de von den Men­schen nicht als Se­gen, „son­dern als Be­dro­hung, so­gar als Fluch“emp­fun­den.

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