Soll es im Netz ei­ne kos­ten­pflich­ti­ge Über­hol­spur ge­ben?

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIRTSCHAFT -

Wenn es um „ihr“In­ter­net geht, wer­den Netz­ak­ti­vis­ten sehr schnell ideo­lo­gisch. Dass im In­ter­net al­le gleich sind, glaubt et­wa der Er­fin­der des World Wi­de Web, Tim Ber­ners-Lee, noch heu­te. Dass im Fal­le ei­nes Da­ten­staus je­mand Vor­fahrt ha­ben könn­te – für ihn un­denk­bar, schließ­lich ver­bie­tet das die so­ge­nann­te Netz­neu­tra­li­tät, al­so die stren­ge Gleich­be­hand­lung al­ler Da­ten­pa­ke­te. Was die Apo­lo­ge­ten der Netz­neu­tra­li­tät da­bei über­se­hen: Mit Frei­heit, Gleich­heit und Brü­der­lich­keit kön­nen Netz­be­trei­ber kei­ne Rech­nun­gen be­zah­len. Denn die tris­te Blei­wüs­te aus der Pio­nier­zeit des In­ter­nets ist längst zu ei­nem lau­ten Markt­platz der Kon­zer­ne ge­wor­den. Face­book und Goog­le bie­ten hier ih­re di­gi­ta­len In­hal­te als Wa­ren an. Und de­ren Über­tra­gung kos­tet Geld. Soll et­wa ein Vi­deo schnell und stö­rungs­frei beim Nut­zer an­kom­men, muss auch die ent­spre­chen­de In­fra­struk­tur da­für vor­han­den sein – wie beim nor­ma­len Wa­ren­ver­kehr auch. Viel­nut­zer über ei­ne Maut am Aus­bau der di­gi­ta­len Au­to­bahn zu be­tei­li­gen, wä­re nur fair. Denn war­um soll­te die Oma, die ab und zu ei­ne kur­ze E-Mail ver­schickt, ge­nau­so viel be­zah­len wie der Halb­star­ke, der im­mer wie­der mit On­li­ne-Spie­len und Vi­deo-Strea­m­ing auf der Über­hol­spur drän­gelt?

sagt Si­mon Haas

s.haas@schwa­ebi­sche.de

Das ging ja schnell, ei­ne et­was län­ge­re An­stands­frist hät­te man den In­ter­net­an­bie­tern da schon zu­ge­traut: Kaum hat das Eu­ro­pa­par­la­ment die Netz­neu­tra­li­tät qua­si ab­ge­schafft, prescht die Te­le­kom nach vor­ne und denkt laut über ei­ne In­ter­net-Maut nach. Un­ter­neh­men sol­len „Spe­zi­al­diens­te“da­zu bu­chen kön­nen, da­mit ih­re In­hal­te schnel­ler zum Kun­den kom­men. Na­tür­lich geht es um Geld, um sehr viel Geld so­gar. „Nach un­se­ren Vor­stel­lun­gen be­zah­len sie da­für im Rah­men ei­ner Um­satz­be­tei­li­gung von ein paar Pro­zent“, schreibt Ti­mo­theus Hött­ges, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Te­le­kom. Ein paar Pro­zen­te vom Um­satz, den der Strea­m­in­gdi­enst Net­flix (2014: 5,5 Mil­li­ar­den Dol­lar) oder Googles Vi­deo­por­tal Youtube (2014: Vier Mil­li­ar­den Dol­lar) ma­chen – da kommt schnell or­dent­lich was zu­sam­men. Na­tür­lich wer­den die gro­ßen Kon­zer­ne ver­su­chen, ent­ste­hen­de Kos­ten auf den End­kun­den ab­zu­wäl­zen. Das Abo für Net­flix oder für World of War­craft dürf­te teu­rer wer­den. Was dar­über hin­aus är­ger­lich ist: Die An­bie­ter ver­kün­den nun, das zu­sätz­li­che Geld wür­de in den Breit­band­aus­bau ge­steckt wer­den, der Kun­de letzt­lich al­so pro­fi­tie­ren. Wer’s glaubt! Wir im länd­li­chen Raum war­ten doch seit Jah­ren auf schnel­les In­ter­net. Das Geld da­für wä­re auch frü­her schon vor­han­den ge­we­sen.

„Viel­nut­zer stär­ker am Netz­aus­bau be­tei­li­gen“, „Die Kos­ten be­zahlt der klei­ne User“,

sagt Ro­bert Kolm

r.kolm@schwa­ebi­sche.de

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