Kas­trier­ter Kom­pak­ter

BMW schickt den neu­en 118i mit nur noch drei Zy­lin­dern auf die Stra­ße – Sport­lich­keit lei­det nicht

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - AUTO & VERKEHR - Von Dirk Uh­len­bruch

ie Hor­ror­nach­rich­ten rei­ßen ein­fach nicht ab. Zu­erst das Som­mer­mär­chen, das 2006 wie ge­schmiert über die Büh­ne ge­gan­gen ist: even­tu­ell ge­kauft. Dann der Ab­gas-Skan­dal bei VW: Die Ge­schich­te des um­welt­freund­li­chen Die­sel­mo­tors aus Wolfsburg muss nun in Tei­len um­ge­schrie­ben wer­den. Und jetzt zu al­lem Über­fluss auch noch die Baye­ri­schen Mo­to­ren Wer­ke: Nein, kei­ne Schum­mel­soft­ware. Viel schlim­mer. Die Hü­ter der sport­li­chen Ka­ros­sen ha­ben das sprit­spa­ren­de Down­si­zing (sprich „Daunsei­sing“) ent­deckt und schi­cken den mo­dell­ge­pfleg­ten 1er als 116i und 118i neu­er­dings mit nur noch drei Zy­lin­dern auf den As­phalt. Tra­di­tio­na­lis­ten, die beim Früh­stück das Bröt­chen gern mit ei­nem Täss­chen Da­ten und Prei­se Mo­tor und Ge­trie­be: Drei­zy­lin­derBen­zin­mo­tor mit TwinPo­wer Tur­bo Tech­no­lo­gie, 1499 ccm Hu­b­raum, 136 PS, ma­xi­ma­les Dreh­mo­ment 220 Nm bei 1250-4000 U/min, Sechs­gang-Hand­schalt­ge­trie­be, Hin­ter­rad­an­trieb Fahr­leis­tun­gen: 0 auf 100 km/h in 8,5 Se­kun­den, Höchst­ge­schwin­dig­keit 210 km/h Ge­wicht: 1300 kg, zul. Ge­samt­ge­wicht 1865 kg Ver­brauch: 5,0 bis 5,4 l je nach Rei­fen­grö­ße (Werks­an­ga­be), 6,6 l im SZ-Test CO2 -Aus­stoß: 116 bis 126 g/km je nach Rei­fen­grö­ße, EU6 Ver­si­che­rung: HP16/TK20/VK20 Ben­zin run­ter­spü­len, wen­den sich an die­ser Stel­le wei­nend mit Grau­sen und grei­fen ge­wiss zu ei­nem an­de­ren der ins­ge­samt neun Ag­gre­ga­te. Der kas­trier­te Kom­pak­te macht je­den­falls im Au­to­quar­tett kei­nen Stich mehr.

Zu Un­recht, wie wir nach zwei Wo­chen im BMW 118i fin­den. Und um der Wahr­heit voll­ends die Eh­re zu ge­ben: Wir wa­ren an­fangs so­gar stark im Zwei­fel, ob wir tat­säch­lich nur in ei­nem Drei­zy­lin­der un­ter­wegs sind, schließ­lich wur­de das gu­te Stück bis zum 1. Ju­li noch mit vier Töp­fen und glei­cher Leis­tung an den Mann und die Frau ge­bracht. Ge­nau hin­ge­hört al­so: o.k., im un­te­ren Dreh­zahl­be­reich neigt das Ben­zin­motör­chen mit sei­nen 136 Pferd­chen zu ei­ner ge­wis­sen Brum­mig­keit, die wir aber im­mer wie­der auch man­chem Vier­zy­lin­der at­tes­tie­ren müs­sen. Ab­mes­sun­gen: 4,33 m lang, 1,77 m breit, 1,42 m hoch La­de­raum: 360 l, er­wei­ter­bar auf 1200 l Grund­preis: 27 250 Eu­ro als drei­tü­ri­ger Sport Li­ne in der an­ge­ge­be­nen Mo­to­ri­sie­rung, SZ-Tes­twa­gen mit um­fang­rei­cher Son­der­aus­stat­tung (u. a. ad­ap­ti­ves M-Fahr­werk, ad­ap­ti­ve LED-Schein­wer­fer, Par­kas­sis­tent, Na­vi­ga­ti­ons­sys­tem Pro­fes­sio­nal, di­ver­se As­sis­tenz­sys­te­me, Rück­fahr­ka­me­ra, elek­tri­sche Sitz­ver­stel­lung, Kom­fort­zu­gang) rund 43 000 Eu­ro Der Au­tor fuhr den von BMW zur Ver­fü­gung ge­stell­ten Tes­twa­gen zwei Wo­chen lang. Nichts zu mä­keln gibt es hin­ge­gen an Durch­zugs­kraft, Sprit­zig­keit und Kur­ven­fahrt des 1,3 Ton­nen leich­ten Ve­hi­kels. Ja, was denn nun? Da hilft wohl nur der Blick in den Fahr­zeug­schein: 1499 Ku­bik­zen­ti­me­ter Hu­b­raum sind dort ver­merkt, knapp 100 we­ni­ger als im al­ten Vier­zy­lin­der des 118i. Pro­blem ge­löst, kei­ne Fra­gen mehr of­fen, wer le­sen kann, ist ein­deu­tig im Vor­teil. Und dan­ke üb­ri­gens, dass die Sport­lich­keit so we­nig un­ter dem Down­si­zing lei­den muss­te.

Hät­te an­sons­ten auch ganz und gar nicht mit dem op­ti­schen Auf­tritt har­mo­niert. Kraft­voll und trotz­dem ele­gant rollt er näm­lich da­her, der Drei­tü­rer (Fünf­tü­rer: Auf­preis 750 Eu­ro) in der Aus­stat­tungs­li­nie Sport Li­ne: die Schnau­ze – ganz BMW-ty­pisch – weit nach vorn in den Fahrt­wind ge­streckt, die Seitenansicht dank der leicht nach hin­ten ab­fal­len­den Dach­li­nie an ein Cou­pé er­in­nernd, die hin­te­ren Rad­häu­ser üp­pig aus­ge­stellt. Die Luft­ein­läs­se sind beim Face­lift ge­wach­sen, die Nie­ren ste­hen auf­rech­ter, die Schein­wer­fer sind da­für fla­cher ge­wor­den. Ei­nen wild ent­schlos­se­nen Aus­druck ha­ben die De­si­gner dem neu­en 1er ins Ge­sicht ge­zau­bert – ei­ne Mi­mik, die an sei­ne gro­ßen Brü­der aus der BMW-Fa­mi­lie er­in­nert. Re­spekt, wirk­lich gu­te Ar­beit.

Sel­bi­ge ist auch im edel an­mu­ten­den In­nen­raum ge­leis­tet wor­den, der vier Er­wach­se­nen, wohl­wol­lend be­ur­teilt, aus­rei­chend Platz bie­tet, wo­bei Er­freu­lich sprit­zig für ei­nen Drei­zy­lin­der, ge­lun­ge­nes De­sign, fei­ne Stra­ßen­la­ge die Rück­bank – aus­nahms­wei­se ganz oh­ne Auf­preis – mit zwei oder drei Sitz­ge­le­gen­hei­ten ge­or­dert wer­den darf. Be­son­ders an­ge­tan ha­ben es uns je­doch das vor­züg­li­che, wie maß­ge­schnei­dert wir­ken­de Sport­ge­stühl mit op­ti­ma­lem Sei­ten­halt, das grif­fi­ge Sport-Le­der­lenk­rad so­wie die in Schwarz hoch­glän­zen­den In­te­ri­eur­leis­ten mit ih­ren ro­ten Ein­la­gen. Das macht Spaß beim Fah­ren, das hat Stil. Wer wird denn da noch eng­stir­nig nach der An­zahl der Zy­lin­der fra­gen?

Spar­füch­se – so­fern sich sol­che über­haupt zu BMW ver­ir­ren soll­ten – wohl kaum. Schließ­lich ver­spre­chen die Münch­ner ei­ne Ver­brauchs­re­du­zie­rung von knapp ei­nem hal­ben Li­ter durch den Wech­sel auf den Drei­zy­lin­der – bei un­ver­än­der­ten 136 PS. 5,3 Li­ter hät­te un­ser 118i des­halb schlu­cken dür­fen. Was ihm aber selbst­ver­ständ­lich nicht ge­reicht hat. 6,6 Li­ter wa­ren im Öko-Fahr­mo­dus mit un­end­lich vie­len Strei­chel­ein­hei­ten fürs Gas­pe­dal ein­fach nicht zu un­ter­bie­ten.

Ba­n­au­sen, die aufs Kli­ma pfei­fen, schal­ten oh­ne­hin lie­ber in den Sport­Mo­dus, nut­zen die Vor­zü­ge des fein ab­ge­stimm­ten, (lo­gisch) auf­preis­pflich­ti­gen, ad­ap­ti­ven Fahr­werks, das wil­de und ge­müt­li­che Na­tu­ren glei­cher­ma­ßen ver­wöh­nen kann – und tan­ken dann eben nach 100 Ki­lo­me­tern gut und gern neun Li­ter nach. Un­ver­nunft und Spaß ha­ben ih­ren Preis.

Apro­pos: Rund 1000 Eu­ro ist der 1er nach der Mo­dell­pfle­ge teu­rer ge­wor­den. Kli­ma­au­to­ma­tik, Ra­dio, au­to­ma­ti­scher No­t­ruf dank fest ver­bau­ter Sim-Kar­te, das Be­dien­sys­tem iD­ri­ve nebst 6,5 Zoll gro­ßem Bild­schirm so­wie Sen­so­ren für Schei­ben­wi­scher und Licht sind da­für neu­er­dings se­ri­en­mä­ßig an Bord. Hüb­sche Ex­tras wie LED-Schein­wer­fer oder Ein­park­funk­ti­on und über­flüs­si­ge Hel­fer­lein wie bei­spiels­wei­se der Spur­hal­teas­sis­tent kos­ten auch in der Pre­mi­um-Kom­pakt­klas­se ex­tra.

Al­les in But­ter al­so beim 1er mit der Kraft der drei Her­zen? Noch! Denn nach wie vor trei­ben die Hin­ter­rä­der den Kom­pak­ten an, was dy­na­mi­sche Ge­mü­ter über­aus zu schät­zen wis­sen. Das aber ist beim nächs­ten Ge­ne­ra­ti­ons­wech­sel Ver­gan­gen­heit. Front­an­trieb in ei­nem wei­te­ren Ve­hi­kel der Baye­ri­schen Mo­to­ren Wer­ke? Tra­di­tio­na­lis­ten grei­fen da schon jetzt zum Ta­schen­tuch.

FOTO: TOM KIRKPATRICK

Wild ent­schlos­sen: Die De­si­gner ha­ben den 1er noch dy­na­mi­scher ge­zeich­net.

Elend lan­ge Auf­preis­lis­te, et­was brum­mig im nie­de­ren Dreh­zahl­be­reich

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