Al­lein ge­gen Bay­er

Ei­ne jun­ge Frau er­lei­det ei­ne le­bens­be­droh­li­che Em­bo­lie – Nun will sie ei­ne An­ti-Ba­by-Pil­le des Phar­ma­rie­sen ver­bie­ten las­sen

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Clau­dia Kling

WALDS­HUT-TI­EN­GEN - Es hät­te so per­fekt sein kön­nen. Die 25-jäh­ri­ge Felicitas Roh­rer, die da­mals noch in Bad Sä­ckin­gen wohn­te, stand kurz vor dem Ab­schluss ih­res Stu­di­ums als Tier­ärz­tin – und war frisch ver­liebt. Des­halb ließ sie sich im Ok­to­ber 2008 die Pil­le ver­schrei­ben – zum ers­ten Mal in ih­rem Le­ben. Acht­ein­halb Mo­na­te spä­ter war in ih­rem Le­ben nichts mehr so, wie es vor­her war. Die jun­ge sport­li­che Frau hat­te ei­nen Herz­still­stand – in­fol­ge ei­ner un­ent­deck­ten dop­pel­sei­ti­gen Lun­gen­em­bo­lie. Für Felicitas Roh­rer ist klar: Hät­te sie da­mals um das er­höh­te Throm­bo­se-Ri­si­ko der An­tiBa­by-Pil­le „Yas­mi­nel­le“ge­wusst, wä­re ihr Le­ben an­ders ver­lau­fen. Jetzt ver­han­delt das Land­ge­richt Walds­hut-Ti­en­gen über ih­re Kla­ge ge­gen den Che­mie- und Arz­nei­mit­tel­rie­sen Bay­er. Es ist der ers­te Pro­zess die­ser Art in Deutsch­land.

Felicitas Roh­rer

119 000 Mit­ar­bei­ter, 42,2 Mil­li­ar­den Eu­ro Jah­res­um­satz, 768 Mil­lio­nen Eu­ro Um­satz al­lein mit den so­ge­nann­ten Yaz-An­ti-Ba­by-Pil­len, 8,8 Mil­li­ar­den Eu­ro Ge­winn – die­se Zah­len könn­ten ei­nem Angst ma­chen. Aber Felicitas Roh­rer, die ge­ra­de ih­re Krank­heits­ge­schich­te der ver­gan­ge­nen Jah­re er­zählt hat, sieht al­les an­de­re als furcht­sam aus. Die 31-Jäh­ri­ge mit den hoch­ge­steck­ten blon­den Haa­ren und den leuch­ten­den blau­en Au­gen strahlt in die Ka­me­ras. Vor we­ni­gen Mi­nu­ten hat der Vor­sit­zen­de Rich­ter Jo­han­nes Daun kund­ge­tan, dass das Ver­fah­ren ge­gen Bay­er we­gen ei­ner mög­li­chen Ge­sund­heits­ge­fahr durch die An­ti-Ba­by-Pil­le „Yas­mi­nel­le“fort­ge­setzt wird – auch „von Amts we­gen“. Kon­kret be­deu­tet das: Das Ge­richt wird An­fang kom­men­den Jah­res Sach­ver­stän­di­ge be­auf­tra­gen, dann kann auf der Grund­la­ge ih­rer Ein­schät­zung wei­ter dar­über ver­han­delt wer­den, ob Bay­er der jun­gen Klä­ge­rin Schmer­zens­geld und Scha­den­er­satz in Hö­he von rund 200 000 Eu­ro zah­len muss.

Für Felicitas Roh­rer, die in­zwi­schen in Will­stätt wohnt, und ih­ren An­walt Mar­tin Jensch ist der Be­schluss der Ers­ten Kam­mer be­reits ein Er­folg. „Wir sind heu­te ei­nen er- heb­li­chen Schritt wei­ter­ge­kom­men“, sagt Jensch, Fach­an­walt für Me­di­zin­recht und Fa­mi­li­en­recht, nach der Ver­hand­lung am Don­ners­tag. „Of­fen­sicht­lich konn­ten wir un­se­ren An­spruch plau­si­bel und schlüs­sig dar­le­gen.“Das Ziel sei­ner Man­dan­tin ist ehr­gei­zig: Es geht ihr nicht nur um Schmer­zens­geld und Scha­den­er­satz, letzt­lich will sie, dass An­ti-Ba­by-Pil­len mit dem Wirk­stoff Dro­s­pi­re­non ih­re Zu­las­sung ver­lie­ren. 300 Er­fah­rungs­be­rich­te von Frau­en mit ei­nem ähn­li­chen Schick­sal wie dem ih­ren hat sie be­reits auf ih­rer Web­site ver­öf­fent­licht. „Und ich will nicht, dass noch mehr Frau­en das er­le­ben müs­sen, was ich erlebt ha­be.“

Stu­di­en hät­ten er­wie­sen, dass das Throm­bo­se-Ri­si­ko von Pil­len mit dem Wirk­stoff Dro­s­pi­re­non, den auch „Yas­mi­nel­le“ent­hält, dop­pelt so hoch sei im Ver­gleich zu schon län­ger zu­ge­las­se­nen An­ti-Ba­by-Pil­len, sagt ihr An­walt Jensch. „Wenn wir vor Ge­richt ge­win­nen, muss die Zu­las­sung für ,Yas­mi­nel­le’ im Grun­de wi­der­ru­fen wer­den.“Bay­er ar­gu­men­tiert hin­ge­gen, dass die Yaz-Pro­duk­te in mehr als 100 Län­dern von Mil­lio­nen Frau­en ein­ge­nom­men wür­den – und bei kor­rek­ter Ein­nah­me kei­ne Ge­fahr von ih­nen aus­ge­he. Doch zu­rück zur mensch­li­chen Ge- schich­te hin­ter dem ju­ris­ti­schen Streit: Als Felicitas Roh­rer im Ok­to­ber 2008 ih­re ers­te An­ti-Ba­by-Pil­le von ih­rer Frau­en­ärz­tin aus­ge­hän­digt be­kommt, freut sie sich über die hüb­sche Ver­pa­ckung mit Etui und Spie­gel und über die po­si­ti­ven Ef­fek­te, die die­se neue Pil­le ha­ben soll. Das Ver­spre­chen ei­nes gu­ten Haut­bilds, kei­ner Ge­wichts­zu­nah­me und na­tür­lich der Ver­hü­tung mach­ten das Pro­dukt für die jun­ge Frau gleich drei­fach ver­lo­ckend. „Gut ver­träg­lich“„Und mei­ne Frau­en­ärz­tin sag­te mir, dass die­se Pil­le ge­ra­de für jun­ge Frau­en be­son­ders gut ver­träg­lich sei.“Auch der Blick in den Bei­pack­zet­tel ließ sie nicht zwei­feln. Dar­in stand zwar zu le­sen, dass das Throm­bo­se-Ri­si­ko ins­be­son­de­re bei Rau­che­rin­nen, Frau­en mit Über­ge­wicht und mit zu­neh­men­den Al­ter er­höht sei. „Ich dach­te aber, als jun­ge, ge­sun­de, sport­li­che Frau bin ich auf der si­che­ren Sei­te“, sagt Roh­rer vor Ge­richt. Als es ihr we­ni­ge Mo­na­te nach der ers­ten Ein­nah­me kör­per­lich im­mer schlech­ter ging, hat­te sie nicht „Yas­mi­nel­le“im Ver­dacht, son­dern gab dem Stress an der Uni­ver­si­tät und den Fol­gen ei­ner Er­käl­tung die Schuld. Auch die Ärz­te, die sie schließ­lich im Kran­ken­haus Bad Sä­ckin­gen be­han­del­ten, wa­ren nicht auf der fal­schen Spur. Sie dia­gnos­ti­zier­ten ei­ne Rip­pen­fell­ent­zün­dung und ver­schrie­ben ihr An­ti­bio­ti­ka ge­gen ih­re Atem­not und die da­mit ver­bun­de­nen Schmer­zen. Der Haus­arzt, bei dem sie an­schlie­ßend in Be­hand­lung war, gab ihr zu­dem den Rat „run­ter­zu­kom­men“.

Vier Ta­ge spä­ter, am 11. Ju­li 2009, lag Felicitas Roh­rer mit ge­öff­ne­tem Brust­korb in der Uni­k­li­nik Frei­burg: Throm­bo­se im lin­ken Bein, dop­pel­sei­ti­ge Lun­gen­em­bo­lie, Herz­still­stand, kli­nisch tot.

Ih­re schwe­re Krank­heits­ge­schich­te sieht man der jun­gen Frau nicht auf den ers­ten Blick an. Doch wer ei­nen Blick auf ihr De­kol­le­té wagt, schaut auf ei­ne lan­ge Nar­be, die sich an ih­rem Brust­bein ent­lang­zieht. Wei­te­re Nar­ben ha­be sie im Bauch­raum und auf den Leis­ten, sagt Roh­rer. Und dann zählt sie auf, was sich seit die­sem Tag in ih­rem Le­ben ver­än­dert hat: Sie muss­te sich ei­nen neu­en Be­ruf su­chen, weil sie Tier­ärz­tin kör­per­lich nicht mehr ge­schafft hät­te. Sie kann nicht mehr den Sport ma­chen, den sie frü­her gern ge­macht hat, ihr lin­kes Bein ist we­gen der Throm­bo­se auf Dau­er ge­schä­digt, sie lei­det nach wie vor an ei­ner post­trau­ma­ti­schen Be­las­tungs­stö­rung und muss blut­ver­dün­nen­de Me­di­ka­men­te ein­neh­men. Des­halb soll­te sie nicht schwan­ger wer­den.

„Ei­gent­lich woll­te ich mit 29 Jah­ren Ma­ma wer­den. Ei­ne Fa­mi­lie ge­hör­te zu mei­nem Le­bens­plan“, sagt Felicitas Roh­rer – und jetzt lau­fen ihr die Trä­nen übers Ge­sicht.

„Und ich will nicht, dass noch mehr Frau­en das er­le­ben müs­sen, was ich erlebt ha­be.“ „Ei­gent­lich woll­te ich mit 29 Ma­ma wer­den. Ei­ne Fa­mi­lie ge­hör­te zu mei­nem Le­bens­plan.“

Felicitas Roh­rer

Dass An­ti-Ba­by-Pil­len Throm­bo­sen ver­ur­sa­chen kön­nen, be­strei­tet auch das Un­ter­neh­men Bay­er nicht, das vor Ge­richt von Rechts­an­walt Hen­ning Mo­el­le ver­tre­ten wird. Den­noch hält der Che­mie- und Arz­nei­mit­tel­kon­zern die Kla­ge für un­be­grün­det. Denn nicht die An­ti-Ba­by­Pil­le „Yas­mi­nel­le“, son­dern die Fehl­bil­dung ei­ner Hohl­ve­ne im lin­ken Bein von Felicitas Roh­rer sei die Ur­sa­che der Throm­bo­se mit all ih­ren Fol­gen, ar­gu­men­tiert das Un­ter­neh­men. Ei­ne au­ßer­ge­richt­li­che Ei­ni­gung er­scheint in wei­ter Fer­ne.

„Ich bin auf ei­nen jah­re­lan­gen Kampf ein­ge­stellt“, sagt Felicitas Roh­rer nach dem ers­ten Pro­zess­tag. Dass es sich loh­nen kann, die­sen Weg zu ge­hen, ha­ben be­reits meh­re­re Tau­send Frau­en in den USA ge­zeigt. Dort zahl­te der Kon­zern Bay­er in­zwi­schen knapp zwei Mil­li­ar­den US-Dol­lar an Frau­en, die sich Sam­mel­kla­gen an­ge­schlos­sen hat­ten – je­doch oh­ne ei­ne ju­ris­tisch wirk­sa­me Ver­ant­wor­tung an­zu­er­ken­nen. An­ders da­ge­gen in der Schweiz: Dort wies das Bun­des­ge­richt die Kla­ge der Fa­mi­li­en ei­ner jun­gen Frau zu­rück. Die da­mals 16-Jäh­ri­ge hat­te nach der Ein­nah­me der An­ti-Ba­by­Pil­le „Yaz“eben­falls ei­ne Lun­gen­em­bo­lie er­lit­ten und ist seit­her schwer­be­hin­dert.

FOTOS: DPA

Felicitas Roh­rer im Land­ge­richt in Walds­hut- Ti­en­gen. Die 31- Jäh­ri­ge stellt sich auf ei­nen jah­re­lan­gen Kampf mit dem Bay­er- Kon­zern ein.

Knapp zwei Mil­li­ar­den Dol­lar hat Bay­er in den USA schon an Frau­en ge­zahlt, die nach der Ein­nah­me von „ Yas­mi­nel­le“ge­klagt hat­ten.

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