Aus­wei­tung statt Rück­zug in Af­gha­nis­tan

Bun­des­tag ver­län­gert Aus­bil­dungs­mis­si­on der Bun­des­wehr

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Sa­bi­ne Lenn­artz

BER­LIN - Es ist kei­ne gu­te Nach­richt, dass der Bun­des­tag das Af­gha­nis­tanMan­dat ver­län­gert, be­zie­hungs­wei­se die Nach­fol­ge­mis­si­on Re­so­lu­te Sup­port. Die Na­to hat­te we­gen der sich ver­schlech­tern­den Si­cher­heits­la­ge von ih­ren Plä­nen Ab­stand ge­nom­men, die Trup­pen zu ver­rin­gern. Der end­gül­ti­ge Ab­zug aus dem Land am Hin­du­kusch rückt da­mit in wei­te Fer­ne.

„Wir müs­sen nichts schön­re­den“, sagt der SPD-Au­ßen­po­li­ti­ker Niels An­nen. Die zwi­schen­zeit­li­che Ero­be­rung von Kun­dus durch die Ta­li­ban sei ein rich­ti­ger Schock ge­we­sen. In Kun­dus war das Feld­la­ger der Deut­schen. An der Rück­er­obe­rung be­tei­lig­ten sich in­ter­na­tio­na­le Streit­kräf­te. Laut An­nen kann es aber auch kei­ne Op­ti­on sein, das Land sei­nem Schick­sal zu über­las­sen. Die Bot­schaft sei, dass Deutsch­land zur Ver­ant­wor­tung ste­he, die Men­schen jetzt nicht al­lei­ne zu las­sen. Lin­ke da­ge­gen „Sie nen­nen es Be­ra­tung, wir nen­nen das Be­tei­li­gung am Krieg“, schleu­dert die Lin­ke Chris­ti­ne Buch­holz der Re­gie­rung ent­ge­gen, der sie vor­wirft, es ge­he ihr auch um den Ein­fluss Deutsch­lands. An­fang De­zem­ber hat­te die Na­to be­reits be­schlos­sen, den Af­gha­nis­tan-Ein­satz zu ver­län­gern. Sie bleibt mit 12 000 Sol­da­ten im Land, 9000 da­von stel­len die USA. Deutsch­land will jetzt sei­ne Zahl von 850 auf 980 Sol­da­ten auf­sto­cken.

„2015 war ein har­tes Jahr“, ge­steht Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en (CDU) ein, die erst letz­te Wo­che in Af­gha­nis­tan war. Sie be- Ei­gent­lich war er schon be­en­det, der Af­gha­nis­tan- Ein­satz der Bun­des­wehr. Seit En­de 2014 liegt kein Kampf­auf­trag mehr vor, die Na­to be­schränkt sich auf Aus­bil­dung und Be­ra­tung der ein­hei­mi­schen Streit­kräf­te. Schon seit 15 Jah­ren ist die Bun­des­wehr am Hin­du­kusch. Nach den Ter­ror- An­schlä­gen des 11. Sep­tem­ber be­schloss der Bun­des­tag En­de 2001 den Af­gha­nis­tan- Ein­satz der Bun­des­wehr. Vor fünf Jah­ren wa­ren über 5000 deut­sche Sol­da­ten in Af­gha­nis­tan, ins­ge­samt 55 ka­men dort ums Le­ben. Jetzt hat der Bun­des­tag den Ein­satz ver­län­gert: 2016 sol­len 980 deut­sche Sol­da­ten in Af­gha­nis­tan hel­fen. ( sal) rich­tet aber auch von ei­nem Ge­spräch mit jun­gen Stu­den­ten, de­ren En­thu­si­as­mus zei­ge, dass es sich loh­ne, in das Land zu in­ves­tie­ren. Doch man ha­be auch die Lek­tio­nen ge­lernt. Man ha­be sich zu früh zu­rück­ge­zo­gen. „Der ur­sprüng­li­che Plan war zu ehr­gei­zig“, so von der Ley­en. Flo­ri­an Hahn, Ver­tei­di­gungs­ex­per­te der CSU, wird noch deut­li­cher: „Die öf­fent­li­che Ab­zugs­de­bat­te war ein Feh­ler.“

Von der Ley­en sagt, es sei nö­tig, das Füh­rungs­ver­hal­ten zu ver­bes­sern, eben­so die Zu­sam­men­ar­beit mit der Po­li­zei. Sie for­der­te die af­gha­ni­sche Re­gie­rung auf, end­lich Wirt­schafts­re­for­men um­zu­set­zen. Denn es kön­ne nicht sein, dass die Bun­des­wehr über Jah­re hin­weg Trup­pen hin­schi­cke und die wohl­ha­ben­den Af­gha­nen das Land ver­lie­ßen. Ganz so schwarz wie vie­le Red­ner will von der Ley­en die La­ge ins­ge­samt aber nicht ma­len. Es ge­be auch sta­bi­le­re Re­gio­nen in Af­gha­nis­tan.

Die Lin­ken stim­men ge­schlos­sen ge­gen den Ein­satz, die Grü­nen sind mehr­heit­lich da­ge­gen. Doch auch die Ver­tei­di­gungs­ex­per­tin Agnies­z­ka Brugger von den Grü­nen räumt Fort­schrit­te ein, vie­len Mäd­chen sei der Zu­gang zu Bil­dung ver­schafft wor­den. Aber das Fa­zit des Ein­sat­zes sei, dass es nicht ge­lun­gen sei, die Ta­li­ban mi­li­tä­risch zu be­sie­gen. Brugger kri­ti­siert das Aus­bil­dungs­man­dat als zu un­be­stimmt. Sie be­fürch­tet ei­nen Rutsch­bah­nef­fekt, von der Hil­fe bei der Aus­bil­dung hin zu ei­nem doch mehr mi­li­tä­risch ge­präg­ten Ein­satz. Dar­über hin­aus hat sie Angst, dass die Bun­des­wehr in in­ne­raf­gha­ni­sche Kon­flik­te hin­ein­ge­zo­gen wer­den könn­te. 200 000 zi­vi­le Op­fer Bei den Grü­nen gibt es aber auch ei­ni­ge Ja-Stim­men. Dar­un­ter ist Ma­rielui­se Beck. Sie er­in­nert an den lang­jäh­ri­gen grü­nen Ver­tei­di­gungs­ex­per­ten Win­fried Nach­wei, der oft in Af­gha­nis­tan ge­we­sen sei, und die Ge­mein­sam­keit von mi­li­tä­ri­schem Ein­satz und zi­vi­lem Auf­bau be­tont ha­be. Nach­wei hat emp­foh­len, die Be­ra­tungs­funk­ti­on aus­zu­wei­ten und zu ver­bes­sern. Ma­rielui­se Beck er­in­nert dar­an, dass von den 200 000 zi­vi­len Op­fern des Krie­ges in Af­gha­nis­tan vie­le auf das Kon­to der Ta­li­ban ge­hen. Und sie gibt zu be­den­ken: „Nie­mand kann sa­gen, wie vie­le Op­fer wir hät­ten, wenn wir nicht Ein­halt ge­bo­ten hät­ten.“

Auch Jür­gen Hardt, au­ßen­po­li­ti­scher Spre­cher der Uni­ons­frak­ti­on, nennt es „klug und rich­tig“, vom ur­sprüng­li­chen Zeit­plan ab­zu­wei­chen. Wie manch an­de­rer Red­ner in der De­bat­te kurz vor der Weih­nachts­pau­se ver­gisst er nicht, den der­zeit 3200 Bun­des­wehr­sol­da­ten in Ein­satz­ge­bie­ten ein ge­seg­ne­tes Weih­nachts­fest und ei­ne glück­li­che Heim­kehr zu wün­schen.

FOTO: DPA

„ Der Plan war zu ehr­gei­zig“: Die Bun­des­wehr­sol­da­ten wer­den bis auf Wei­te­res am Hin­du­kusch blei­ben.

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