„Ein ge­lang­weil­tes Ge­hirn greift auf Mu­sik zu­rück“

Mu­sik­wis­sen­schaft­ler Jan Hem­ming er­klärt, war­um Weih­nachts­lie­der oft zu Ohr­wür­mern wer­den

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - JOURNAL -

KAS­SEL (KNA) - Je­der kennt das: Da träl­lert je­mand ei­ne ein­gän­gi­ge Me­lo­die. Und schon ist er da, der Ohr­wurm. Ge­ra­de in der Ad­vents­zeit be­steht ein ho­hes Ri­si­ko, in Kauf­häu­sern oder auf Weih­nachts­märk­ten in­fi­ziert zu wer­den. War­um das so ist und was man da­ge­gen tun kann, hat der Kas­se­ler Mu­sik­wis­sen­schaft­ler Jan Hem­ming er­forscht. Im Interview mit Chris­toph Arens gibt er wert­vol­le Tipps. Herr Hem­ming, in Kauf­häu­sern und auf Weih­nachts­märk­ten du­deln der­zeit im­mer die glei­chen Weih­nachts­lie­der. Sind Kun­den und Weih­nachts­markt­ge­nie­ßer da­mit an­fäl­lig für Ohr­wür­mer? Wir ha­ben ge­nau die­se Fra­ge im ver­gan­ge­nen Jahr auf dem Kas­se­ler Weih­nachts­markt un­ter­sucht. Ohr­wür­mer sind ein schwie­ri­ges For- schungs­ob­jekt, aber ich wür­de die Fra­ge mal mit Ja be­ant­wor­ten. Bei „Jing­le Bells“und „Whi­te Christ­mas“be­steht schon ei­ne ho­he In­fek­ti­ons­ge­fahr. Und war­um? Nüch­tern be­trach­tet ist ein Ohr­wurm ei­ne Ge­dächt­nis­leis­tung, die un­be­wusst ab­ge­spei­chert und auch un­be­wusst ab­ge­ru­fen wird. Ob aus ei­ner Me­lo­die ein Ohr­wurm ent­steht, hängt da­bei von ganz un­ter­schied­li­chen Fak­to­ren ab. Ei­ner da­von ist, dass wir ja ei­ner Me­lo­die erst­mal aus­ge­setzt sein müs­sen, um sie ab­spei­chern zu kön­nen. Und da bie­ten Käuf­häu­ser und Weih­nachts­märk­te vie­le sti­mu­lie­ren­de Rei­ze. Ein an­de­rer Fak­tor ist, dass Mu­sik be­vor­zugt dann ins Ge­dächt­nis ge­langt, wenn sie po­si­tiv oder ne­ga­tiv emo­tio­nal be­setzt ist. Erst da­nach kann sie ja zum Ohr­wurm zu wer­den. Ist denn die Häu­fig­keit, mit der wir ei­ne Me­lo­die hö­ren, ein Fak­tor? Nach bis­he­ri­gen Er­kennt­nis­sen nicht. Ohr­wür­mer ent­ste­hen auch nach dem ers­ten Hö­ren ei­ner Me­lo­die. Die rei­ne Wie­der­ho­lung reicht nicht. Und wann wer­den Ohr­wür­mer be­vor­zugt ab­ge­ru­fen? Vor al­lem in Leer­lauf­pha­sen, wenn das Ge­hirn sich lang­weilt, et­wa beim Ge­schirr­spü­len oder Wan­dern. Ei­ne ganz neue Theo­rie, die ich auch für plau­si­bel hal­te, be­sagt, dass Ohr­wür­mer auch in star­ken Stress­pha­sen ab­ge­ru­fen wer­den. So­wohl bei Un­te­rals auch bei Über­for­de­rung sucht das Ge­hirn nach die­ser Theo­rie nach Stra­te­gi­en, um die un­an­ge­neh­me Si­tua­ti­on zu ver­än­dern. Ganz un­will­kür­lich scrollt das Ge­hirn dann durch die Ge­dächt­nis­in­hal­te und greift auf Mu­sik zu­rück. Und wie wird man Ohr­wür­mer wie­der los? In­dem man sich auf an­de­res kon­zen­triert, et­wa auf die Steu­er­er­klä­rung, die Haus­auf­ga­ben oder an­de­re Mu­sik. Neu­es­te Be­fun­de aus En­g­land le­gen na­he, dass auch das Kau­gum­mikau­en hel­fen kann. Das ist ei­gent­lich auch ganz lo­gisch, denn durch die Kon­zen­tra­ti­on auf das Kau­en wird die so­ge­nann­te Sub­vo­ka­li­sa­ti­on un­ter­bun­den. Un­se­re Ten­denz, die Ohr­wurm­me­lo­die laut mit­zu­sum­men oder uns im Rhyth­mus da­zu zu be­we­gen, wird un­ter­bun­den. Kann man Ohr­wür­mer be­wusst pro­du­zie­ren und her­vor­ru­fen? Das wä­re na­tür­lich im In­ter­es­se der Mu­sik­in­dus­trie. Vie­le Kom­po­nis­ten ha­ben das schon ver­sucht, et­wa durch die mehr­fa­che Wie­der­ho­lung von be­stimm­ten Me­lo­die­stü­cken. Aber Wie­der­ho­lung reicht nicht aus.

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