Fan­tas­ti­sche Aben­teu­er

Chris­ti­an Pol­té­ra und das Mün­che­ner Kam­mer­or­ches­ter un­ter Dia­na Tish­chen­ko im Ra­vens­bur­ger Kon­zert­haus

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Wer­ner M. Grimmel

RA­VENS­BURG - Ein rei­nes Strei­cher­pro­gramm bot das Mün­che­ner Kam­mer­or­ches­ter (MKO) bei sei­nem jüngs­ten Auf­tritt im Ra­vens­bur­ger Kon­zert­haus. Kom­po­si­tio­nen aus der Zeit vor und nach dem Zwei­ten Welt­krieg um­rahm­ten zwei kon­zer­tan­te Wer­ke aus dem 18. Jahr­hun­dert. Als So­list be­geis­ter­te der Cel­list Chris­ti­an Pol­té­ra. Ge­lei­tet wur­de das oh­ne Di­ri­gent spie­len­de Orches­ter von der jun­gen Kon­zert­meis­te­rin Dia­na Tish­chen­ko, die als Gei­ge­rin ´auch so­lis­tisch auf­trat.

Zum Auf­takt er­klang von der pol­ni­schen Kom­po­nis­tin Gra­zy­na Bace­wicz (1909-1969) das 1948 ent­stan­de­ne Kon­zert für Streich­or­ches­ter. Ne­o­ba­ro­cke und neo­klas­si­zis­ti­sche Sti­lis­tik ver­bin­det sich im Kopf­satz mit mar­kan­ten Rhyth­men und pa­cken­dem Groo­ve. Das zen­tra­le An­dan­te be­schwört die gan­ze Klang­pa­let­te von zart flir­ren­den Strei­cher­ge­spins­ten bis zu ge­wal­ti­gem Dröh­nen. Ei­nen wir­beln­den Sturm syn­ko­pi­scher Ak­zen­te und Takt­wech­sel ent­fal­tet das ful­mi­nan­te Schluss-Ron­do. Es wur­de bril­lant be­wäl­tigt.

Bei Vi­val­dis Dop­pel­kon­zert B-Dur für Vio­li­ne, Vio­lon­cel­lo, Strei­cher und Ge­ne­ral­bass­be­glei­tung (Cem­ba­lo: Ol­ga Watts) de­mons­trier­te Chris­ti­an Pol­té­ra sou­ve­rä­ne Si­cher­heit in der Gestal­tung sei­nes hoch­vir­tuo­sen So­lo­parts, wäh­rend Tish­chen­ko im Dia­log mit ihm ge­le­gent­lich et­was has­tig se­kun­dier­te. An ih­rer tech­ni­schen Bra­vour ließ die 1990 auf der In­sel Krim ge­bo­re­ne Gei­ge­rin gleich­wohl kei­nen Zwei­fel. Be­son­ders in den ra­san­ten Eck­sät­zen sporn­ten sich die bei­den So­lis­ten und das Orches­ter ge­gen­sei­tig zu vi­ta­lem Kon­zer­tie­ren an.

Pol­té­ra ist bei Ko­ry­phä­en sei­nes Fachs wie Bo­ris Per­ga­men­schi­kow und Hein­rich Schiff in die Leh­re ge­gan­gen. Als „Nach­fol­ger“Schiffs hat er vor drei Jah­ren das be­rühm­te Stra­di­va­ri-Vio­lon­cel­lo „Ma­ra“von 1711 leih­wei­se er­hal­ten. Des­sen wech­sel­vol­le Ge­schich­te ist Ge­gen­stand ei­ner No­vel­le des Dich­ters Wolf Wond­rat­schek. Nach all den dort ge­schil­der­ten fan­tas­ti­schen Aben­teu­ern hat die­ses wert­vol­le In­stru­ment nun mit Pol­té­ra auch in Ra­vens­burg Sta­ti­on ge­macht. Hals­bre­che­ri­sche Ka­denz Zu Be­ginn von Boc­cheri­nis Vio­lon­cel­lo­kon­zert D-Dur klan­gen ex­po­nier­te Tö­ne des So­lo­parts et­was scharf. Pol­té­ra kämpf­te mit In­to­na­ti­ons­pro­ble­men. Auch das Tem­po lief ihm aus dem Ru­der. Bald je­doch hat­te er sich ge­fan­gen. Mit stu­pen­der Per­fek­ti­on meis­ter­te er die hals­bre­che­ri­sche Ka­denz. Die Ad­a­gio-Kan­ti­le­ne des Mit­tel­sat­zes führte er bis in tiefs­te Re­gio­nen. Ei­nem ar­tis­ti­schen Tanz in schwin­del­er­re­gen­der Hö­he glich sein Spiel beim raf­fi­nier­ten Fi­nal­satz.

Nach der Pau­se wur­de klar, dass Vi­val­di und Boc­cher­i­ni in die­sem Kon­zert ei­ne Rück­schau auf je­ne Epo­chen ge­bo­ten hat­ten, die im 20. Jahr­hun­dert ne­o­ba­ro­cke und neo­klas­si­zis­ti­sche An­sät­ze be­flü­gelt ha­ben. Trans­for­mier­te Ele­men­te des Spät­ba­rock und der Früh­klas­sik fin­den sich nicht nur in der ori­gi­nel­len Mu­sik von Bace­wicz, son­dern auch bei Paul Hin­de­mith (1995-1963) und Karl Ama­de­us Hart­mann (19051963). Phä­no­me­na­le Kan­ta­bi­li­tät ze­le­brier­te Pol­té­ra bei Hin­de­miths „Trau­er­mu­sik“für Vio­lon­cel­lo und Strei­cher. Auch tie­fe La­gen von „Ma­ra“ka­men hier so­nor zur Gel­tung.

Hart­mann hat wäh­rend der Na­ziDik­ta­tur für die Schub­la­de kom­po­niert und nach dem Zwei­ten Welt­krieg die Münch­ner „Mu­si­ca vi­va“Kon­zert­rei­he be­grün­det. Sei­ne in Ra­vens­burg prä­sen­tier­te Vier­te be­wies er­neut, dass er zu­recht als ei­ner der be­deu­tends­ten Sin­fo­ni­ker des letz­ten Jahr­hun­derts im deutsch­spra­chi­gen Raum gilt. Mehr als ei­ne hal­be St­un­de lang fes­sel­te das 1948 voll­ende­te Werk mit wir­kungs­vol­ler Be­schwö­rung ex­pres­si­ver Trau­er, rhyth­mi­scher Ag­gres­si­on und lei­den­schaft li­cher Kraft. Man soll­te es öf­ter spie­len.

FOTO: DOROTHEE FAL­KE

Dia­na Tish­chen­ko lei­te­te das Orches­ter vom Kon­zert­meis­ter­pult aus.

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