„Wir kön­nen so­gar Kri­se“

Win­fried Kret­sch­mann spricht über Gui­do Wolf, Flücht­lin­ge, die Grü­nen und Weih­nach­ten

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIR IM SÜDEN -

STUTTGART - Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann ist zu­ver­sicht­lich, mit Grün-Rot die Land­tags­wahl 2016 zu ge­win­nen und freut sich auf weih­nacht­li­che Mu­ße. Über sei­nen CDU-Her­aus­for­de­rer Gui­do Wolf är­gert sich der Spit­zen­kan­di­dat der Grü­nen aber mäch­tig. Hen­drik Groth, Katja Korf und Klaus Wie­sche­mey­er spra­chen mit dem Re­gie­rungs­chef. Herr Kret­sch­mann, die Bun­des­kanz­le­rin hat sich beim Bun­des­par­tei­tag der CDU zu ei­ner „spür­ba­ren Re­du­zie­rung“der Flücht­lings­zah­len be­kannt. Ge­hen Sie da mit? Si­cher. Wir müs­sen die Flücht­lings­zah­len re­du­ziert be­kom­men, sonst kön­nen wir das Pro­blem ir­gend­wann nicht mehr lö­sen. Das Wich­tigs­te ist, die Flücht­lings­la­ger im Li­ba­non, in der Tür­kei und in Jor­da­ni­en zu sta­bi­li­sie­ren. Wir ha­ben als Land ei­ne Pa­ten­schaft mit der Re­gi­on Do­huk im Irak ge­schlos­sen. Wir schau­en, dass die Leu­te vor Ort or­dent­lich ver­sorgt sind und die Kin­der zur Schu­le ge­hen kön­nen und nicht sprich­wört­lich im Dreck hau­sen müs­sen. Es ist mir völ­lig un­be­greif­lich, wie die Staa­ten­ge­mein­schaft die dra­ma­ti­sche Un­ter­fi­nan­zie­rung der Flücht­lings­la­ger zu­las­sen konn­te. Hilft das bei den ak­tu­el­len Flücht­lings­zah­len wirk­lich? Zu­sam­men mit den Maß­nah­men zur bes­se­ren Kon­trol­le und Ord­nung an den eu­ro­päi­schen Au­ßen­gren­zen ist das ei­ne ent­schei­den­de Maß­nah­me. Zu­dem ha­ben wir in Ber­lin ei­nen Asyl­kom­pro­miss ge­schlos­sen. Die Maß­nah­men, die wir er­grif­fen ha­ben, wir­ken. Doch letzt­lich muss die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft die Flucht­ur­sa­chen be­sei­ti­gen. Wir müs­sen ge­dul­dig sein, die eu­ro­päi­sche So­li­da­ri­tät muss erst noch her­ge­stellt wer­den, da hat die Kanz­le­rin mei­ne vol­le Un­ter­stüt­zung. Eu­ro­pa kann die­se gro­ße Her­aus­for­de­rung lö­sen. Man braucht Ge­duld und Be­harr­lich­keit. Es wird nicht schnell ge­hen, aber von ei­ner Re­du­zie­rung der Flücht­lings­zah­len ge­he ich mo­men­tan aus. Ihr Her­aus­for­de­rer Gui­do Wolf sprach beim CDU-Bun­des­par­tei­tag da­von, dass Ba­den-Würt­tem­berg bei der Um­set­zung des in Ber­lin ge­schlos­se­nen Asyl­kom­pro­mis­ses nicht mit­zieht. Ich fin­de es un­ver­ant­wort­lich, wenn man im be­gin­nen­den Wahl­kampf ein­fach wis­sent­lich mit fal­schen Be­haup­tun­gen ar­bei­tet. Um­so mehr bei ei­nem solch sen­si­blen The­ma. Ich kann nur noch­mal mit al­ler Ent­schie­den­heit da­für plä­die­ren, sich an die Fak­ten zu hal­ten. Wir ha­ben je­der­zeit kon­struk­tiv an al­len Asyl­kom­pro­mis­sen mit­ge­ar­bei­tet. Es wä­re doch wi­der­sin­nig, wenn wir das, was wir mit be­schlos­sen ha­ben, nicht auch um­set­zen wür­den. Brem­sen Sie et­wa nicht beim Um­stieg vom Geld- zum Sach­leis­tungs­prin­zip? Im Ge­gen­teil. Wir füh­ren das Sach­leis­tungs­prin­zip so­gar in­tel­li­gent und mit we­nig Ver­wal­tungs­auf­wand ein, mit ei­ner bar­geld­lo­sen Leis­tungs­kar­te. Da­zu gibt es ei­nen Ka­bi­netts­be­schluss. Blo­ckie­ren Sie Ab­schie­bun­gen? Das ha­ben wir noch nie ge­macht. Jüngst wur­de auf Grund­la­ge des Asyl­kom­pro­mis­ses der Ar­beits­stab Rück­kehr­ma­nage­ment ein­ge­setzt, da­durch for­cie­ren wir die Rück­füh­rung wei­ter. So­wohl bei der frei­wil­li­gen Rück­kehr als auch den Ab­schie­bun­gen wer­den wir noch er­folg­rei­cher. Vor ei­nem Jahr ha­be ich be­reits vom Bund ge­for­dert, dass Flücht­lin­ge oh­ne Pass schnell Er­satz­pa­pie­re aus­ge­stellt be­kom­men. Denn oh­ne Pa­pie­re kann nicht rück­ge­führt wer­den. Das kommt jetzt end­lich in die Gän­ge. Aber die­se Pro­ble­me la­gen nicht bei uns, son­dern zu­stän­dig ist da­für der Bund. Sie wir­ken ernst­haft ver­är­gert … Ich lie­be es, über po­li­ti­sche Lö­sun­gen zu dis­ku­tie­ren und zu strei­ten. Da darf es auch gern mal et­was här­ter zur Sa­che ge­hen. Wir soll­ten aber bei den Tat­sa­chen blei­ben. Es blei­ben auch so ge­nug Dif­fe­ren­zen für den Wahl­kampf üb­rig, da muss man nicht die Tat­sa­chen ver­dre­hen. Wie ge­fähr­det ist der Kon­sens im Land­tag, das The­ma Flücht­lin­ge nicht in den Wahl­kampf zu zie­hen? Bis­her hält er. Ich kann auch nur da­vor war­nen, mit Ängs­ten zu spie­len: Na­tür­lich darf und muss man sich sach­lich über das The­ma Asyl aus­ein­an­der­set­zen. Aber ich war­ne vor je­der po­pu­lis­ti­schen Ver­füh­rung. Das nützt nur den Rechts­po­pu­lis­ten. Wie er­klä­ren Sie es sich, dass Herr Wolf ja aus Ih­rer Sicht be­wusst wahr­heits­wid­rig ar­gu­men­tiert? Ich muss das nicht ver­ste­hen, son­dern for­de­re al­le auf, bei den Tat­sa­chen zu blei­ben. Ich bin da ir­gend­wie alt­mo­disch. Die Men­schen sol­len bei der Wahl zwi­schen un­ter­schied­li­chen po­li­ti­schen Kon­zep­ten ent­schei­den kön­nen. Viel­leicht ist die CDU ver­är­gert, dass Sie die Grü­nen zu ih­rem Er­ben, zur neu­en Ba­den-Würt­tem­berg-Par­tei, er­nannt ha­ben. Ist da ei­ne Por­ti­on Grö­ßen­wahn da­bei? Wir ha­ben seit Lan­gem ho­he Zu­stim­mungs­ra­ten für un­se­re Po­li­tik, mehr als 60 Pro­zent sind bei Um­fra­gen mit un­se­rer Ar­beit zu­frie­den. Un­ser Mo­der­ni­sie­rungs­kurs wird gou­tiert. Wir ge­hen die gro­ßen Fra­gen un­se­res Lan­des kraft­voll an. Wir küm­mern uns um die Be­lan­ge der Men­schen und för­dern ih­re Be­tei­li­gung bei po­li­ti­schen Fra­gen. Ich fin­de, die Be­zeich­nung passt. Jetzt ma­chen Sie den größ­ten Wahl­fak­tor der Grü­nen, sich selbst, aber klein. Die Um­fra­ge­wer­te freu­en mich – in al­ler De­mut. Aber ich blei­be auf dem Tep­pich, auch wenn der Tep­pich fliegt. Was bleibt denn von den Süd­west­grü­nen oh­ne Kret­sch­mann? Ich ver­ste­he nicht, dass ir­gend­ein Wi­der­spruch zwi­schen mir und den Grü­nen kon­stru­iert wird. Ein Kret­sch­mann fällt doch nicht vom Him­mel. Ich ha­be vor 35 Jah­ren mei­ne Par­tei mit­be­grün­det und wur­de von ihr als Spit­zen­kan­di­dat ge­wählt. Wir ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Grü­nen sind so ge­schlos­sen, wie nie zu­vor. Mei­ne Par­tei ist hier im Land so, dass sie ei­nen Spit­zen­kan­di­da­ten ha­ben wie mich und nicht ei­nen an­de­ren. Wir ha­ben ein ei­ge­nes Pro­fil: wir sind wert­ori­en­tiert und prag­ma­tisch. Und wir ha­ben be­wie­sen, dass wir un­ser Land gut und er­folg­reich re­gie­ren kön­nen. Die Grü­nen sind ak­tu­ell stark, aber ihr Ko­ali­ti­ons­part­ner SPD schwä­chelt. Set­zen Sie si­cher auf Grün­Rot, oder sind sie of­fen für Ge­dan­ken wie Am­pel oder Min­der­heits­re­gie­rung? Wir set­zen auf die Fort­set­zung die­ser er­folg­rei­chen Ko­ali­ti­on. Ich bin op­ti­mis­tisch, dass wir das schaf­fen kön­nen. Aber das ist kein Selbst­läu­fer, es muss noch hart ge­ar­bei­tet wer­den. Ich un­ter­schät­ze auch nicht den po­li­ti­schen Geg­ner. Auch wenn der CDU in vie­ler­lei Hin­sicht das Ge­spür für die Men­schen im Land ab­han­den ge­kom­men ist, ist sie noch im­mer in Ba­den-Würt­tem­berg stark ver­an­kert. Es ist noch nichts in der Scheu­er.

„Ich war­ne vor je­der po­pu­lis­ti­schen Ver­füh­rung.“

Ba­den-Würt­tem­berg braucht schnell neu­en Wohn­raum. Wie ver­trägt sich das mit dem grü­nen Ziel, den Flä­chen­fraß zu brem­sen? Der Platz, der ge­braucht wird, muss ge­schaf­fen wer­den. Da gibt es kein Ver­tun. Da müs­sen wir im Kampf ge­gen den Flä­chen­fraß auch mal pau­sie­ren, oh­ne ihn im Gan­zen wie­der un­ter­ge­hen zu las­sen. Wir müs­sen die not­wen­di­gen Kom­pro­mis­se ma­chen, aber: Die nö­ti­ge Flä­che wird zur Ver­fü­gung ge­stellt. Wich­tig ist, dass wir kei­ne Ghet­tos schaf­fen. Es ist ei­ne Er­folgs­ge­schich­te in Deutsch­land, dass wir kei­ne Ban­lieues wie in Frank­reich ha­ben.

„Ich blei­be auf dem Tep­pich, auch wenn der Tep­pich fliegt.“

Ha­ben Sie heu­er Mu­ße für das Weih­nachts­fest? Ja! Die Zeit von Weih­nach­ten bis Neu­jahr ist er­fah­rungs­ge­mäß die Zeit, in der Po­li­ti­ker tat­säch­lich auch mal Ru­he ha­ben, es sei denn, es pas­siert was Au­ßer­ge­wöhn­li­ches, was ich nicht hof­fe. Das ist das Schö­ne an die­ser Zeit. Man kann sich Ru­he neh­men. Und die brau­che ich auch. Ir­gend­wann muss man sich ja auch um die Fa­mi­lie küm­mern. Die Kin­der kom­men al­le. Und da­mit auch Ihr im Ju­li ge­bo­re­ner En­kel … Da freue ich mich tierisch drauf. Ich ha­be der­zeit echt ein De­fi­zit in den Be­geg­nun­gen mit mei­nem En­kel. Wenn man den so im Arm hat, sind al­le Pro­ble­me weg. Au­ßer die, die er viel­leicht macht, weil er schreit und man weiß nicht war­um. Das ist das Schö­ne, wenn man so ei­nen jun­gen Er­den­bür­ger im Arm hat: Dann ver­schwin­den die gro­ßen Pro­ble­me al­le. Das ge­nie­ße ich schon sehr. Es ist was Groß­ar­ti­ges, so ei­nen Säug­ling im Arm zu hal­ten. Was Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann über den Um­gang mit mus­li­mi­schen Bür­gern, die Wahl­chan­cen der AfD und Ar­beits­plät­ze für Flücht­lin­ge sagt, le­sen Sie online un­ter: schwa­ebi­sche.de/kret­sch­mann

FOTOS ( 2): BEATE JES­KE

„ Wir ha­ben be­wie­sen, dass wir un­ser Land gut und er­folg­reich re­gie­ren kön­nen“: Win­fried Kret­sch­mann( Grüne) setzt im Interview mit der „ Schwä­bi­schen Zei­tung“auf ei­ne Fort­füh­rung sei­ner grün- ro­ten Ko­ali­ti­on.

Mi­nis­ter­prä­si­dent Kret­sch­mann ( 3. von links) im Ge­spräch mit den Re­dak­teu­ren Katja Korf, Hen­drik Groth und Klaus Wie­sche­mey­er ( von links).

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