„Wir wer­den im­mer äl­ter, das be­deu­tet hö­he­re Ge­sund­heits­kos­ten“

Ge­sund­heits­ex­per­te Jür­gen W. Was­em über die Fi­nanz­la­ge der Kran­ken­kas­sen und die Wir­kung von po­li­ti­schen Maß­nah­men

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND -

BER­LIN - Teu­re Arz­nei­mit­tel und hö­he­re Auf­wen­dun­gen für Kran­ken­häu­ser füh­ren zu grö­ße­rer Be­las­tung der Ver­si­cher­ten. Das sag­te Jür­gen W. Was­em, Ge­sund­heits­öko­nom an der Uni­ver­si­tät Duis­burg-Es­sen, im Interview mit Ras­mus Buch­stei­ner. Die Be­las­tun­gen für ge­setz­lich Kran­ken­ver­si­cher­te stei­gen. Wür­den Sie zum Kas­sen­wech­sel ra­ten? Das kann man nur im Ein­zel­fall ent­schei­den. Grund­sätz­lich ist es so, dass der Leis­tungs­ka­ta­log der Kran­ken­kas­sen zu mehr als 95 Pro­zent iden­tisch ist. Es gibt nur re­la­tiv ge­rin­ge Un­ter­schie­de. Für den nor­ma­len Ver­si­cher­ten oh­ne be­son­de­re Er­kran­kun­gen wä­re ein Kran­ken­kas­sen­wech­sel un­pro­ble­ma­tisch. Da­bei lässt sich Geld spa­ren. 0,2 Bei­trags­satz­punk­te we­ni­ger sind bei 3000 Eu­ro Brut­to­ge­halt im Mo­nat sechs Eu­ro mehr net­to. Wor­auf sind die Un­ter­schie­de bei den Bei­trä­gen der Kas­sen zu­rück­zu­füh­ren? Nur ein Teil ist der ak­tu­el­len Ent­wick­lung in die­sem Jahr ge­schul­det. Aus­schlag­ge­bend sind die Erb­las­ten der Ver­gan­gen­heit. Vor fünf Jah­ren hat­ten ei­ni­ge Kran­ken­kas­sen Zu­satz­bei­trä­ge ein­ge­führt, weil sie er­war­te­ten, dass an­de­re Wett­be­wer- ber fol­gen. Die Fol­ge war, dass bei den Kas­sen mit Zu­satz­bei­trä­gen re­la­tiv vie­le ge­sun­de Ver­si­cher­te ab­ge­wan­dert sind. Das sorgt jetzt für wirt­schaft­li­che Schwie­rig­kei­ten. An­ge­sichts im­mer hö­he­rer Aus­ga­ben führt das jetzt zu stär­ke­ren Er­hö­hun­gen. Ist es ge­recht, die Kos­ten­stei­ge­run­gen im Ge­sund­heits­sys­tem al­lein den Ver­si­cher­ten auf­zu­bür­den? Ge­rech­tig­keit ist ei­ne po­li­ti­sche Ka­te­go­rie. Die Gro­ße Ko­ali­ti­on will die Lohn­ne­ben­kos­ten sta­bi­li­sie­ren und der Wirt­schaft kei­ne zu­sätz­li­chen Be­las­tun­gen auf­bür­den. Der Ein­fluss der Ar­beits­kos­ten auf die Ge­samt­aus­ga­ben der Un­ter­neh­men ist al­ler­dings sehr be­grenzt. Ei­ne Rück­kehr zur pa­ri­tä­ti­schen Fi­nan­zie­rung der Ge­sund­heits­kos­ten wür­de si­cher nicht von heu­te auf mor­gen mas­sen­haft Jobs ge­fähr­den. Die Gro­ße Ko­ali­ti­on wird sich über­le­gen müs­sen, ob sie den Ver­si­cher­ten im Wahl­jahr 2017 deut­lich hö­he­re Be­las­tun­gen zu­mu­ten will. Die SPD for­dert jetzt schon ei­ne Ent­las­tung. Wor­auf füh­ren Sie die Mehr­aus­ga­ben der Kas­sen zu­rück? Die Aus­ga­ben stei­gen stär­ker als die Löh­ne und da­mit die Ein­nah­men. Hier wir­ken sich be­son­ders teu­re Arz­nei­mit­tel-Neu­ent­wick­lun­gen aus – sei es für He­pa­ti­tis C und in der On­ko­lo­gie. Auch die Auf­wen­dun­gen für die Kran­ken­häu­ser stei­gen. Es war der po­li­ti­sche Wil­le, in die­sem Be- reich mehr Geld aus­zu­ge­ben und vor al­lem die Pfle­ge zu ver­bes­sern. Die Kran­ken­haus­re­form sorgt für Mil­li­ar­den-Mehr­aus­ga­ben. Muss die Po­li­tik die Reiß­lei­ne zie­hen und die Kos­ten dämp­fen? Kos­ten­dämp­fungs­ge­set­ze ha­ben nur be­grenz­te Wir­kung. Un­ab­hän­gig da­von scheint bei den meis­ten die Be­reit­schaft, für ei­ne bes­se­re Ver­sor­gung im Kran­ken­haus mehr zu zah­len, gar nicht mal so ge­ring zu sein. Und man darf ei­nes nicht über­se­hen: Ein Vier­tel der Aus­ga­ben­stei­ge­run­gen im Ge­sund­heits­sys­tem lässt sich durch die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung er­klä­ren. Wir wer­den im­mer äl­ter und das be­deu­tet au­to­ma­tisch hö­he­re Ge­sund­heits­kos­ten.

FOTO: PR

Jür­gen W. Was­em

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