EU-Part­ner strei­ten um Gas­lei­tung

Ita­li­ens Mi­nis­ter­prä­si­dent Ma­rio Ren­zi kri­ti­siert Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel scharf

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Da­nie­la Wein­gärt­ner und AFP

BRÜSSEL - Die knapp sie­ben Sei­ten um­fas­sen­de Schluss­er­klä­rung zeigt es: Eu­ro­pa hat sei­ne drän­gen­den Pro­ble­me ein wei­te­res Mal auf die lan­ge Bank ge­scho­ben. Auf ei­nem Gip­fel im Fe­bru­ar soll Da­vid Ca­me­ron die ge­for­der­ten Re­for­men be­kom­men – wenn auch heu­te nie­mand weiß, wie das funk­tio­nie­ren soll. Die Flücht­lings­fra­ge und der über­fäl­li­ge Schutz der eu­ro­päi­schen Au­ßen­gren­zen wur­de auf den Som­mer ver­tagt.

Der Streit um die ge­plan­te neue Gas­lei­tung von Russ­land durch die Ost­see nach Deutsch­land hat sich so­gar in der Schluss­er­klä­rung des Eu­ro­päi­schen Gip­fel­tref­fens in Brüssel nie­der­ge­schla­gen. „Je­de neue In­fra­struk­tur soll­te mit dem Drit­ten Ener­gie­pa­ket und mit den Zie­len der Ener­gie­uni­on glei­cher­ma­ßen ver­ein­bar sein“, heißt es dort. Die neue Lei­tung stößt vor al­lem bei den ost­eu­ro­päi­schen Mit­glied­staa­ten auf Wi­der­stand. Sie fürch­ten, en­er­gie­po­li­tisch ab­ge­hängt und von Deutsch­land ab­hän­gig zu wer­den. Auch könn­te Russ­land die Ukrai­ne leich­ter iso­lie­ren und mit dem Stopp der Gas­zu­fuhr er­pres­sen, wenn das Gas nicht mehr durch ukrai­ni­sches Ge­biet ge­lei­tet wer­den müss­te.

Juncker schweigt zu North Stream Die deut­sche Bun­des­kanz­le­rin zeig­te sich nach En­de des Gip­fels ziem­lich un­ge­rührt von den Vor­wür­fen, die auch vom pol­ni­schen Rats­prä­si­den­ten Do­nald Tusk ge­teilt wer­den. Er sag­te, North Stream 2 tra­ge sei­ner Mei­nung nach nicht zu dem eu­ro­päi­schen Ziel bei, die Ab­hän­gig­keit von rus­si­schen Gas­lie­fe­run­gen zu re­du­zie­ren. Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­anClau­de Juncker, des­sen Be­hör­de prü­fen muss, ob Gaz­prom durch den Ka­pa­zi­täts­aus­bau ei­ne markt­be­herr­schen­de Stel­lung er­lan­gen kann, schwieg zu dem The­ma.

Nach Darstel­lung von Ita­li­ens Mi­nis­ter­prä­si­dent Mat­teo Ren­zi se­hen nur Deutsch­land und die Nie­der­lan­de kein Pro­blem in dem Pro­jekt. Al­le an­de­ren Re­gie­rungs­chefs hät­ten sich sei­ner Po­si­ti­on an­ge­schlos­sen, dass es ei­nen Bei­ge­schmack ha­be, wenn das Pro­jekt South Stream durch Bul­ga­ri­en im vo­ri­gen Jahr blo­ckiert wor­den sei, die Ka­pa­zi­tät von North Stream hin­ge­gen ver­dop­pelt wer­den sol­le. Die Freund­schaft und der Re­spekt, den Ren­zi für Mer­kel ha­be, hin­de­re ihn nicht dar­an, „Fra­gen zu stel­len“. Ne­ben North Stream 2 kri­ti­sier­te ein sich sicht­lich in Ra­ge ge­re­de­ter Ren­zi die Über­nah­me grie­chi­scher Flug­hä­fen durch Fra­port und die deut­schen Be­den­ken am an­geb­lich schlep­pen­den Auf­bau der Flücht­lings-Hots­pots.

Ita­lie­ni­sche Di­plo­ma­ten sag­ten, das Vor­ha­ben North Stream 2 ver­s­to- ße zu­min­dest ge­gen den Geist der ge­gen Russ­land ver­häng­ten Sank­tio­nen. Un­garns Re­gie­rungs­chef Vic­tor Or­ban ver­wies in Brüssel dar­auf, dass die EU den Bau der South Stream-Pi­pe­line vor al­lem des­we­gen ab­ge­lehnt ha­be, weil die Ukrai­ne da­durch de­sta­bi­li­siert wor­den wä­re. Die po­li­ti­schen Ein­wän­de ge­gen South Stream müss­ten je­doch auch für North Stream 2 gel­ten. Un­garn und Bul­ga­ri­en er­neu­er­ten ih­re For­de­rung nach Kom­pen­sa­ti­on für die be­reits ge­tä­tig­ten In­ves­ti­tio­nen.

Der Vi­ze­prä­si­dent der EU-Kom­mis­si­on, Ma­ros Sef­co­vic, hat­te schon im No­vem­ber die kritische Hal­tung der Kom­mis­si­on ver­deut­licht. Wirt- schaft­lich ma­che das Pro­jekt kei­nen Sinn: „North Stream 2 wür­de uns kei­ne neu­en Ener­gie­quel­len er­öff­nen, son­dern nur zu­sätz­li­che Lei­tungs­ka­pa­zi­tät mit Russ­land schaf­fen – ob­wohl die be­ste­hen­den Pi­pe­lines nur zur Hälf­te aus­ge­las­tet sind. Wir wer­den dar­auf ach­ten, dass eu­ro­päi­sche Re­geln ein­ge­hal­ten wer­den.“

FOTO: DPA

An­ge­spann­te Stim­mung auf dem Brüs­se­ler EU- Gip­fel zwi­schen Ita­li­ens Re­gie­rungs­chef Ma­rio Ren­zi und Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel.

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