Ned schlecht, ma kaa’s las­se!

Schwä­bisch für Schwa­ben, Be­trof­fe­ne und Fort­ge­schrit­te­ne von Hen­ning Pe­ters­ha­gen

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - LITERATUR - Von Rein­hold Mann

as ist ein Mensch? Wo kommt er her? Wo geht er hin? Wenn die gro­ßen Mensch­heits­fra­gen ge­klärt sind, kann man sich ge­trost der Re­gio­nal­li­ga zu­wen­den: Was ist der Schwa­be? Wo wohnt er, wie heißt er, was sagt er? Wolf-Hen­ning Pe­ters­ha­gen, Re­dak­teur in Ulm, hat die­se Fra­gen al­le­samt in sei­nem Be­rufs­le­ben be­ant­wor­tet. In je­nem Sta­di­um, das bei an­de­ren Men­schen Ru­he­stand heißt, hat er sie nun noch ein­mal zu­sam­men­ge­stellt, mit hab­haf­ten Ein­lei­tun­gen und wis­sen­schaft­li­chen Nach­wor­ten aus­ge­stat­tet.

Das Vor­wort lie­fert Her­mann Bau­sin­ger, Kul­tur­wis­sen­schaft­ler der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen, für den der Be­griff Ru­he­stand ge­nau­so we­nig zu­trifft. „Der du­et wies Räd­le“ist der pas­sen­de Be­griff. Bau­sin­ger schreibt, das Buch ver­mit­te­le Be­leh­rung und Ver­gnü­gen. Dem ist nichts hin­zu­zu­fü­gen.

Viel­leicht nur noch dies: Pe­ters­ha­gen macht aus Fra­gen der Gram­ma­tik und der Wort­be­deu­tung Kurz­ge­schich­ten. Er bleibt nicht an der hei­te­ren Ober­flä­che, son­dern lie­fert auch die sprach­wis­sen­schaft­li­che Be­grün­dung. So er­fährt man, war­um es in Schwa­ben „das“Tel­ler und „der“But­ter heißt. Was Schwa­ben zwar sa­gen, aber in al­ler Re­gel wis­sen sie ja nicht, war­um. Die Ant­wort liegt in der Sprach­ge­schich­te, die Pe­ters­ha­gen auf­drös­elt.

Doch dar­auf be­schränkt sich das Buch nicht. Es geht flie­ßend über in ei­ne Men­ta­li­täts­ge­schich­te, die dem „Reig’schmeck­ten“Le­bens- und Über­le­bens­hil­fe sein kann. Pe­ters­ha­gen zeigt, wor­auf man sich bei schein­bar arg­lo­sen Fra­gen ein­lässt, et­wa beim Metz­ger: „Darfs“oder gar „Solls no a bissl me sei“. Oder beim Bä­cker: „Wel­let Se a Guck?“Was ein ver­deck­ter Vor­wurf ist. Der Reig’schmeck­te stört Ei­ne Ur­sze­ne aus ei­ge­ner An­schau­ung be­stä­tigt das. Als man beim Na­men Pal­mer in Tü­bin­gen nicht an den grü­nen OB im Rat­haus dach­te, son­dern an den no­to­risch po­li­ti­sie­ren­den Ge­mü­se­händ­ler auf dem Wo­chen­markt da­vor (Va­ter des Ers­te­ren), war es selbst­ver­ständ­lich, dass der Kun­de ei­nen Ein­kaufs­korb mit­zu­brin­gen hat­te, in den Pal­mer das Ab­ge­wo­ge­ne mit Schwung hin­ein­schüt­te­te, als gel­te es, die Kom­pos­tie­rung un­mit­tel­bar in Gang zu set­zen. Wer hier nach der Guck, oder gar ih­rem hoch­sprach­li­chen Äqui­va­lent, der Tü­te, ge­fragt hat, wur­de ge­har­nischt zu­recht­ge­wie­sen.

Und so ver­sucht der Be­griff des „Reig’schmeck­ten“ja auch nicht, dem Neu­en mit Nach­sicht zu be­geg­nen. Der ist es ja, der mit sei­ner Un- ver­traut­heit den Gang der Din­ge durch­ein­an­der­bringt. Pe­ters­ha­gen zitiert das Schwä­bi­sche Wör­ter­buch mit dem Bei­spiel­satz: „Kaum hat er zu uns her­ein­ge­schmeckt und will schon al­les an­ders ha­ben.“

Wolf-Hen­ning Pe­ters­ha­gen war nicht nur Re­dak­teur in Ulm, er ist auch His­to­ri­ker und pro­mo­vier Kul­tur­wis­sen­schaft­ler. Und al­les an­de­re als ein Reig’schmeck­ter. Ei­ne Rei­he von Bü­chern zur Ul­mer Stadt­ge­schich­te sind ihm zu ver­dan­ken. Sei­ne neu­es­te Pu­bli­ka­ti­on be­steht aus drei Ta­schen­bü­chern, die in ei­nem Schu­ber un­ter dem Ti­tel „Wir Schwa­ben“ver­eint sind. Ein ei­ge­ner Band geht der Sprach­ge­schich­te von Orts­na­men (Dep­pen­hau­sen) nach, ein wei­te­rer den Fa­mi­li­en­na­men. Sie en­den durch­aus nicht al­le auf -le. Der häu­figs­te Fa­mi­li­en­na­me in Schwa­ben ist, wie hier aus­ge­führt wird, Schmid in den di­ver­sen Schreib­for­men.

Pe­ters­ha­gen be­wirt­schaf­tet mit die­sen Bü­chern nicht, wie das bei ähn­li­chen Ti­teln gern der Fall ist, ei­ne Folk­lo­re des Schwä­bi­schen, son­dern er trennt sie ab. So er­geht es auch dem -le auf der Spei­se­kar­te: Maul­täsch­le, Brät­le, Süpp­le, Söss­le. Schwä­bisch ist das al­les nicht. Schon des­halb, weil der Schwa­be ei­ne gro­ße Por­ti­on auf dem Tel­ler ha­ben will, von der man die Hälf­te ein­pa­cken und mit­neh­men kann. Der Seggl ist raf­fi­niert Meis­ter­wer­ke sind die Ge­schich­ten, die Pe­ters­ha­gen um Wor­te und Be­grif­fe wie „Hei­land­sack“und „hei­den­ei“schreibt. Oder über „Mann, Mensch, Sau­mensch“. Oder über „Seggl“und „Daggl“. Samt den ent­spre­chen­den Fein­ab­stu­fun­gen. Und den Stei­ge­run­gen zum „Schaf­seggl“bis hin zum „Halb­seggl“. Denn auch der „Halb­daggl“ist nicht et­wa ein Zwergd­a­ckel, son­dern ein noch grö­ße­rer Daggl. Der Daggl ist schlicht dumm. Der Seggl aber ist raf­fi­niert. Der Aus­druck, schreibt Pe­ters­ha­gen, be­zieht sich auf das Ver­hal­ten ei­ner Person, das miss­bil­ligt wird. In der Re­gel, zu­min­dest. Es sei denn, man freut sich für das Ver­seggln ei­nes an­de­ren, den man sel­ber nicht mag. Dann haut man dem Seggl auf die Schul­ter und sagt: „Du al­der Seggl“.

Das ist dann ein Lob. Oder zu­min­dest ei­ne An­er­ken­nung. Das lei­tet nun zu der Fra­ge über, wie man die Bän­de an­ge­mes­sen wür­di­gen kann. Pe­ters­ha­gen schreibt: „Im All­tag ist das Lob prak­tisch un­be­kannt.“Ein ge­dehn­tes „Aha“und „ned schlecht“sind als Aus­druck der Wahr­neh­mens und da­mit als in­di­rek­tes Lob an­zu­se­hen. Über­schwäng­lich wä­re: „Ma kaa’s las­se.“Das passt hier. Wort­rei­cher wird, laut Pe­ters­ha­gen, in Ober­schwa­ben nur der Christ­baum ge­lobt. Aber da­für gibt’s ja dann auch ei­nen Schnaps. Wolf- Hen­ning Pe­ters­ha­gen: Wir Schwa­ben. Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft/ Theiss. 3 Bän­de, 500 Sei­ten, 22 Eu­ro.

FOTO: SWP

Hen­ning Pe­ters­ha­gen

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.