Grüne Hei­mat­kun­de

Die Po­li­ti­ker Cem Öz­de­mir und Win­fried Kret­sch­mann spre­chen mit dem Thea­ter­mann Ar­min Pe­tras über ihr Ver­ständ­nis des Be­griffs

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Klaus Wie­sche­mey­er

m Vor­abend zum vier­ten Ad­vent sitzt ein ge­bür­ti­ger Sau­er­län­der im Stutt­gar­ter Ho­s­pi­tal­hof und fragt zwei ge­bür­ti­ge Schwa­ben nach dem Be­griff Hei­mat. Klingt nicht ge­ra­de nach ei­nem Pu­bli­kums­ma­gne­ten, zu­mal auch sonst in der Stadt viel ge­bo­ten wird: In der Stadt tre­ten bei der lan­gen Ein­kaufs­nacht die letz­ten Ge­schen­ke­jä­ger den ers­ten Nacht­schwär­mern auf die Fü­ße, in aus­ver­kauf­ten Ki­nos zi­schen die Licht­schwer­ter und drau­ßen in Cann­statt ge­winnt der VfB end­lich mal ein Heim­spiel.

Trotz­dem ist der gro­ße Saal, in den die Stutt­gar­ter Grü­nen am Sams­tag ge­la­den ha­ben, gut ge­füllt: Denn der Sau­er­län­der ist der Schau­spiel­in­ten­dant des Stutt­gar­ter Staats­thea­ters, Ar­min Pe­tras. Und die Schwa­ben hei­ßen Cem Öz­de­mir und Win­fried Kret­sch­mann und sind die wich­tigs­ten Grü­nen Deutsch­lands (nichts für un­gut, To­ni Ho­frei­ter). Und dann die­ses The­ma. Hei­mat. Ei­ne Über­schrift, die Pe­tras eher an ei­nen Abend der „nord­frän­ki­schen Kreis­ab­tei­lung der CSU“den­ken lässt und bei der Öz­de­mir ein­räumt, sie hät­te vor zehn Jah­ren die Grü­nen eher an Lu­is-Tren­ker- oder Hei­mat­film-Kli­schees den­ken las­sen. Doch die Aus­ein­an­der­set­zung der Lin­ken mit dem Be­griff sei gar nichts Neu­es, be­tont der Sohn tür­ki­scher Ein­wan­de­rer.

Win­fried Kret­sch­mann Cem, wo kommst du her? Öz­de­mir kann per­sön­lich viel sa­gen über das The­ma Hei­mat, weit weg vom Abs­trak­ten. Der Sohn tür­ki­scher Ein­wan­de­rer, die 1961 von Deutsch­land an­ge­wor­ben wur­den, ist in Bad Urach am Fuß der Schwä­bi­schen Alb auf­ge­wach­sen, lan­ge hat­ten die El­tern mit dem Ge­dan­ken ge­spielt, in die Tür­kei zu­rück­zu­keh­ren. Auf die Fra­ge: „Wo kommst du her?“ha­be er im­mer „Urach“ge­sagt, auch wenn die Fra­ge­stel­ler oft die „ech­te Hei­mat“, die der El­tern, mein­ten.

Am ver­gan­ge­nen Sonn­tag ist sein Va­ter in Urach ge­stor­ben. Ab­dul­lah Öz­de­mir war ei­ner aus der „Ers­ten Ge­ne­ra­ti­on“, ein als Gas­t­ar­bei­ter nach Deutsch­land ge­kom­me­ner Tür­ke. Lan­ge war es Usus, dass Men­schen der „Ers­ten Ge­ne­ra­ti­on“in der „ech­ten Hei­mat“Tür­kei bei­ge­setzt wur­den. Nicht nur, aber auch, weil Mus­li­me in ei­nem Lei­chen­tuch bei­ge­setzt wer­den, die deut­schen Ge­set­ze aber lan­ge ei­ne Sarg­pflicht vor­schrie­ben. Erst 2014 hat Ba­den-Würt­tem­berg die­se Sarg­pflicht ab­ge­schafft. Für Cems Mut­ter Ley­la und ih­ren Sohn war klar, dass der Va­ter in dem Land be­er­digt wird, wo auch die En­kel le­ben. Am Mitt­woch hat Cem Öz­de­mir sei­nen Va­ter in Urach bei­ge­setzt.

Es ist ein rhe­to­ri­scher Elf­me­ter, den Öz­de­mir da Ar­min Pe­tras hin­legt: Man könn­te jetzt viel dar­über ler­nen, wie der abs­trak­te und viel­schich­ti­ge Hei­mat­be­griff von den drei Män­nern auf dem Po­di­um prak­tisch ge­lebt und ge­se­hen wird. Im­mer­hin ha­ben al­le drei ei­ne Men­ge von dem, was man Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund nen­nen kann: Der in Laiz bei Sig­ma­rin­gen le­ben­de Kret­sch­mann selbst sieht sich zwar als „Schwa­ben von A bis Z“und fühlt sich auf Staats­be­su­chen in der Schweiz den Freun­den im ale­man­ni­schen Sprach­raum in je­der Hin­sicht nä­her als ei­nem durch­schnitt­li­chen nie­der­säch­si­schen Par­tei­freund. Doch Kret­sch­manns El­tern sind Ost­preu­ßen, die drei Jah­re vor sei­ner Ge­burt aus dem heu­te pol­ni­schen Erm­land ver­trie­ben wur­den.

Und auch der Fa­mi­li­en­na­me Pe­tras hat nichts Sau­er­län­di­sches, son­dern stammt von jen­seits der OderNei­ße-Gren­ze. Die El­tern des Re­gis­seurs sie­del­ten 1969 in die DDR über, 1988 ging er wie­der von Ost- nach West­ber­lin. Kas­sel, Frankfurt/ Main, Frankfurt/ Oder, Mag­de­burg oder Mann­heim – Pe­tras’ Thea­ter­bio­gra­fie strotzt vol­ler Orts­na­men. Und so rich­tig weiß nie­mand, ob Pe­tras jetzt ge­ra­de schon über­wie­gend in Stuttgart oder noch in Ber­lin-Kreuz­berg wohnt (wo in­zwi­schen auch der Ura­cher Cem Öz­de­mir lebt). Über­do­sis Ka­pi­ta­lis­mus Es gä­be al­so vie­le An­knüp­fungs­punk­te. Doch Pe­tras will weit mehr an die­sem Abend. Er will als Mo­de­ra­tor nicht nur Stich­wort­ge­ber sein. Ihm geht es um Grund­sätz­li­ches, um den Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus an sich, um nichts we­ni­ger als die gan­ze Welt – und letzt­end­lich ver­sem­melt er so den rhe­to­ri­schen Elf­me­ter.

„Ich ver­ste­he, dass die Grüne Par­tei ver­sucht, ei­nen Ka­pi­ta­lis­mus mit men­sch­li­chem Ant­litz mög­lich zu ma­chen“, lobt Pe­tras und fragt dann: „Gibt es zu we­nig Grüne oder zu­viel Ka­pi­ta­lis­mus auf der Welt?“Was sei mit den ak­tu­el­len Flücht­lin­gen, was mit den „600 Mil­lio­nen Men­schen“, die auf­grund des „Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus“ih­re Hei­mat ver­las­sen müss­ten?

Al­so packt Pe­tras in sei­ne Mo­de­ra­tio­nen ganz viel rein: In­te­gra­ti­on, Kli­ma­wan­del, Ökostrom, Koh­le­kraft­wer­ke – hängt ja al­les ir­gend­wie mit Hei­mat zu­sam­men. Al­so formt Pe­tras dar­aus ei­ne Me­t­afra­ge: „Kön­nen wir uns Hei­mat leis­ten? Kön­nen sich die an­de­ren Hei­mat leis­ten? Ist es mög­lich, dass wir al­len Men­schen auf der Er­de ei­ne Hei­mat er­lau­ben kön­nen, wo­bei ich Hei­mat als Ort de­fi­nie­ren möch­te: Ein Ort, an dem ich über­le­ben kann?“

Ei­ne gro­ße Fra­ge, auf die Kret­sch­mann er­wi­dert, dass in der ba- den-würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­ver­fas­sung so­gar ein „Recht auf Hei­mat“fest­ge­hal­ten ist, er aber auch nicht so ge­nau weiß, was man aus die­sem Grund­recht nun kon­kret ab­lei­ten kön­ne. Zu­vor lobt er die hei­mi­schen Welt­mart­kfüh­rer, die über­ra­schend „hei­mat­treu“sei­en. „Wenn man be­haust ist, kann man auch ein Welt­bür­ger sein“, fol­gert der Mi­nis­ter­prä­si­dent aus den in­dus­tri­el­len Er­folgs­ge­schich­ten im Land. Von Eu­ro­pa zer­stör­te Staa­ten Die Mo­de­ra­ti­on durch den Thea­ter­mann ist ein Ex­pe­ri­ment. Ei­gent­lich soll Pe­tras es den Po­lit­pro­fis un­ge­müt­lich ma­chen, die gro­ßen Ge­sell­schafts­kon­flik­te auf­ma­chen, ei­nen Hauch von Brechts epi­schem Thea­ter durch den Ho­s­pi­tal­hof we­hen las­sen. Al­so sagt Pe­tras bö­se Sät­ze. Spricht von der durch al­le Par­tei­en, al­so auch durch das Pu­bli­kum, un­ter­stütz­ten eu­ro­päi­schen Po­li­tik, die welt­weit „zur Zer­stö­rung von Staa­ten führt“, gei­ßelt die Kun­den­mas­sen, die sich zeit­gleich im Stutt­gar­ter Groß­kauf­haus „Mi­la­neo“auf Bil­ligs­tT-Shirts von Pri­mark stür­zen oder fragt sich, wie Hu­ma­nis­mus und Waf­fen­pro­duk­ti­on in Ba­den-Würt­tem­berg zu­sam­men­pas­sen.

Das funk­tio­niert im Thea­ter wun­der­bar, doch für die Po­lit­pro­fis ist es ei­ne Steil­vor­la­ge zur Darstel­lung grü­ner Pro­gram­ma­tik. Der öko­lo­gi­sche Um­bau der Wirt­schaft und Ge­sell­schaft in Deutsch­land müs­se ei­ne Er­folgs­ge­schich­te sein, um die Welt zu ver­bes­sern. „Wir müs­sen hier zei­gen, dass es geht“, sagt Cem Öz­de­mir. Kret­sch­mann be­tont mit Blick auf den fa­ta­len „Veg­gie-Day“-Wahl­kampf 2013, man kön­ne die Mensch­heit nicht mit Ver­zichts­rhe­to­rik, son­dern nur mit ei­nem Pro­spe­ri­täts­ver­spre­chen be­geis­tern. „Moral­pre­dig­ten gibt es seit 10 000 Jah­ren. Da­mit al­lein kann man nichts be­we­gen.“

Und die De­bat­te nach den Waf­fen­schmie­den im Süd­wes­ten biegt der Mi­nis­ter­prä­si­dent ab mit dem Hin­weis, dass Deutsch­land den Aus­stieg aus der Atom­kraft be­schlos­sen ha­be. Man müs­se so­wie­so weg von der „de­fä­tis­ti­schen The­se“, die Wirt­schaft be­herr­sche al­les.

„Wenn man be­haust ist, kann man auch ein

Welt­bür­ger sein.“

Sym­pa­thisch hel­le St­ei­ne Und was und wo ist nun Hei­mat? Ist sie da, wo es gut ist oder Brot gibt, wie es an­ti­ke Phi­lo­so­phen wie Aris­to­pha­nes oder Ci­ce­ro (Ubi pa­nis/ be­ne, ibi pa­tria) schrie­ben? Der in Kreuz­berg le­ben­de ana­to­li­sche Schwa­be Cem Öz­de­mir er­klärt, sein Va­ter ha­be Ähn­li­ches ge­sagt.

Für Kret­sch­mann ist es die Schwä­bi­sche Alb mit den Or­ten sei­ner Kind­heit, dem Dia­lekt und dem hel­len Ju­ra­ge­stein. „Wo ich das Ju­ra se­he, ha­be ich so­fort ein Hei­mat­ge­fühl“. Das Wan­dern an der Mo­sel sei zwar schön, doch dort fehl­ten ihm „die sym­pa­thisch hel­len St­ei­ne“.

Und Ar­min Pe­tras? „Ich su­che noch“, sagt der 51-Jäh­ri­ge.

ARCHIVFOTOS: DPA/ BECK

Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann wan­dert durch Mos­bach, Grü­nen- Chef Cem Öz­de­mir fei­ert Fas­net in Über­lin­gen: Ob das ei­ne oder das an­de­re oder noch et­was ganz an­de­res Hei­mat­ge­füh­le weckt, dar­über dis­ku­tier­ten die bei­den Spit­zen­po­li­ti­ker am Sams­tag­abend in Stuttgart.

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