Han­ni­bal oh­ne Haus

Die Rep­ti­li­en­auf­fang­sta­ti­on München ist die ein­zi­ge Ein­rich­tung ih­rer Art in Bay­ern – Nun droht ihr die In­sol­venz

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Pa­trik Stäb­ler

MÜNCHEN - Rund 1000 exo­ti­sche Tie­re lan­den je­des Jahr in der Auf­fang­sta­ti­on für Rep­ti­li­en in München – vom Skor­pi­on bis zur Ko­bra. Nun je­doch droht der bay­ern­weit ein­zig­ar­ti­gen Ein­rich­tung die In­sol­venz, und der Trä­ger­ver­ein er­hebt schwe­re Vor­wür­fe.

Han­ni­bal woll­te ei­nen ver­gnüg­li­chen Aus­flug ma­chen, of­fen­bar mit der S-Bahn. Al­so quetsch­te sich die halb­me­ter­gro­ße Schild­krö­te durch den Gar­ten­zaun und krab­bel­te un­be­merkt von sei­ner Be­sit­ze­rin in Rich­tung S-Bahn­hof Schwab­hau­sen – auf di­rek­tem Weg, al­so auf den Glei­sen. Dort ent­deck­te ein Zug­füh­rer das 20 Ki­lo schwe­re Tier und alar­mier­te die Bun­des­po­li­zei. Die Be­am­ten je­doch wuss­ten nicht recht, was sie mit der Schild­krö­te an­stel­len soll­ten, und so kam Han­ni­bal erst mal in ei­ne Aus­nüch­te­rungs­zel­le.

Erst ein An­ruf bei der Auf­fang­sta­ti­on für Rep­ti­li­en in München er­lös­te das Tier: Ein Pfle­ger hol­te die Schild­krö­te ab und brach­te sie in die Räu­me des Ver­eins, wo Han­ni­bal seit April die­ses Jah­res Seit’ an Seit’ mit Gift­schlan­gen und Skor­pio­nen lebt. Noch. Denn Han­ni­bal, sei­ne Mit­be­woh­ner und die ge­sam­te Sta­ti­on sind be­droht – das sagt zu­min­dest de­ren Lei­ter Mar­kus Baur. „Wenn wir kei­ne Lö­sung fin­den, sind wir bald zah­lungs­un­fä­hig. Und dann muss ich den La­den hier zu­sper­ren.“

Da­zu muss man wis­sen: Die Auf­fang­sta­ti­on sitzt mit ih­ren Tie­ren in ei­nem bau­fäl­li­gen Ge­bäu­de der Münch­ner Lud­wig-Ma­xi­mi­li­an­sU­ni­ver­si­tät. Die Uni wür­de das Haus ger­ne ab­rei­ßen, da­her sucht der Trä­ger­ver­ein seit Jah­ren nach ei­ner neu­en Hei­mat. Im Som­mer schien sich ei­ne Lö­sung ab­zu­zeich­nen: In Neu­fahrn, nörd­lich von München, er­warb der Ver­ein ein Grund­stück, wo für ge­schätz­te 25 Mil­lio­nen Eu­ro ei­ne neue Auf­fang­sta­ti­on ent­ste­hen soll. Un­mit­tel­bar da­ne­ben baut der Tier­schutz­ver­ein Frei­sing; bei der Er­schlie­ßung des Ge­län­des ha­ben die Nach­barn ei­ne Ko­ope­ra­ti­on ver­ein­bart.

„Wir ha­ben in Ge­sprä­chen mit dem Um­welt­mi­nis­te­ri­um im­mer be­tont, dass wir den Kauf­preis für das Grund­stück dank ei­ner Erb­schaft selbst auf­brin­gen kön­nen“, sagt Mar- kus Baur. „Aber wir ha­ben auch klar ge­sagt, dass wir bei der wei­te­ren Fi­nan­zie­rung auf Un­ter­stüt­zung an­ge­wie­sen sind.“Von­sei­ten des Mi­nis­te­ri­ums ha­be man dar­auf­hin „ein­deu­ti­ge Si­gna­le“er­hal­ten, so Baur, dass der Ver­ein das Pro­jekt vor­an­trei­ben sol­le. Nun aber sind im neu­en Nach­trags­haus­halt plötz­lich kei­ne zu­sätz­li­chen För­der­mit­tel vor­ge­se­hen. „Das hat uns völ­lig über­rascht“, sagt Baur. „Wenn wir kein Geld für die Er­schlie­ßung des Grund­stücks be­kom­men, dann müs­sen wir spä­tes­tens im Früh­jahr In­sol­venz an­mel­den.“ Al­lein 100 Gift­schlan­gen in Ob­hut In die­sem Fall stün­den nicht nur 15 Mit­ar­bei­ter auf der Stra­ße, son­dern auch der Be­stand von rund 1500 Tie­ren. „Wir ha­ben hier al­lein 100 Gift­schlan­gen“, sagt Baur. „Da wün­sche ich dem Herrn Sö­der viel Spaß, wenn er die ver­mit­teln muss.“Die Auf­fang­sta­ti­on ist die ein­zi­ge Ein­rich­tung ih­rer Art in Bay­ern; ent­spre­chend nimmt sie Tie­re aus dem gan­zen Frei­staat auf. Pro Jahr sind es rund 1000 – und zwar längst nicht mehr nur Rep­ti­li­en, son­dern auch In­sek­ten, Fi­sche und Säu­ge­tie­re wie Luch­se oder Wasch­bä­ren. Et­wa die Hälf­te wird von ih­ren Be­sit­zern ab­ge­ge­ben; da­zu kom­men Fund­tie­re und Tie­re, die von den Be­hör­den be­schlag­nahmt wer­den.

„Die Rep­ti­li­en­auf­fang­sta­ti­on leis­tet ei­ne wich­ti­ge Auf­ga­be bei der Ver­sor­gung und Un­ter­brin­gung von Fund­tie­ren“, be­tont ein Spre­cher des Um­welt­mi­nis­te­ri­ums und ver­weist auf die 331 000 Eu­ro, die der Frei­staat jähr­lich zu­schießt. Je­doch ha­be man dem Trä­ger­ver­ein „zu kei­nem Zeit­punkt ei­ne För­de­rung sei­nes be­ab­sich­tig­ten Bau­vor­ha­bens in Aus­sicht ge­stellt“. Zwar hät­ten sich Ab­ge­ord­ne­te des Land­tags im Früh­jahr für ei­nen Neubau aus­ge­spro­chen, je­doch sei­en sie da­bei von deut­lich ge­rin­ge­ren Kos­ten aus­ge­gan­gen.

Für Han­ni­bal und die an­de­ren Tie­re sind das kei­ne gu­ten Nach­rich­ten. Soll­te die Sta­ti­on tat­säch­lich dicht­ma­chen, müss­ten auf ei­nen Schlag 1500 Tie­re ein neu­es Zu­hau­se fin­den. „Ich kann mir nicht vor­stel­len, wie das funk­tio­nie­ren soll“, sagt Mar­kus Baur. „Die Ul­ti­ma ra­tio wä­re dann wohl die Gift­sprit­ze – auch wenn das ein­deu­tig ge­gen das Tier­schutz­ge­setz ver­stößt.“

FOTO: PA­TRIK STÄB­LER

Der Lei­ter der Auf­fang­sta­ti­on für Rep­ti­li­en in München, Mar­kus Baur, ne­ben der Sporn­schild­krö­te Han­ni­bal.

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