In Spa­ni­en soll ei­ne „neue Ära“be­gin­nen

Lin­ke Pro­test­par­tei­en ge­win­nen vie­le Stim­men bei Par­la­ments­wahl

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Ralph Schul­ze und dpa

MA­DRID – Die Spa­nier ha­ben am Sonn­tag nicht nur das Par­la­ment neu ge­wählt, son­dern ei­ne neue Ära ein­ge­läu­tet. Nach vie­len Jahr­zehn­ten zer­bricht in Ma­drid al­ler Wahr­schein­lich­keit nach das sta­bi­li­täts­för­dern­de Zwei­par­tei­en­sys­tem.

Den Hoch­rech­nun­gen vom Sonn­tag­abend zu­fol­ge bleibt die kon­ser­va­ti­ve Volks­par­tei (PP) von Mi­nis­ter­prä­si­dent Ma­ria­no Ra­joy zwar stärks­te Par­tei. Sie muss aber er­heb­li­che Ver­lus­te hin­neh­men und ver­liert ih­re ab­so­lu­te Mehr­heit. Auf Platz zwei kam nach Aus­zäh­lung von mehr als 70 Pro­zent der Stim­men die so­zia­lis­ti­sche PSOE, die in den ers­ten Pro­gno­sen noch hin­ter dem Links­bünd­nis Po­de­mos auf dem drit­ten Platz ge­le­gen hat­te. Die neue li­be­ra­le Platt­form Ci­u­dad­a­nos (Bür­ger), die sich eben­falls schon weit vor­ne ge­se­hen hat­te, ent­täusch­te der­weil die Er­war­tun­gen und wur­de of­fen­bar nur viert­stärks­te Par­tei.

Den Hoch­rech­nun­gen nach stürz­te die PP auf 28,34 Pro­zent der Stim­men. In der letz­ten Wahl im Jahr 2011 hat­te die Volks­par­tei noch knapp 45 Pro­zent be­kom­men. Po­de­mos, die erst­mals bei ei­ner na­tio­na­len Wahl an­trat, wur­de bei 20,46 Pro­zent ge­se­hen. Die So­zia­lis­ten (PSOE) mit ih­rem Spit­zen­mann Pe­dro Sán­chez fie­len auf 22,5 Pro­zent (2011: 29 Pro­zent). Ci­u­dad­a­nos kam nur auf 13,74 Pro­zent. Dem­nach kommt die PP im neu­en Par­la­ment auf 124 der 350 Sit­ze, die PSOE auf 94 Sit­ze, Po­de­mos auf 68 und Ci­u­dad­a­nos auf 36 Sit­ze.

Ob der 60-jäh­ri­ge Ra­joy wei­ter­re­gie­ren kann, ist un­klar, da er künf­tig ei­nen po­li­ti­schen Part­ner brau­chen wird, den er bis­her nicht hat. Ein Macht­wech­sel in Spa­ni­en ist al­so mög­lich, zu­mal sich ei­ne neue Mehr­heit mit So­zia­lis­ten, Po­de­mos und klei­ne­ren Link­s­par­tei­en er­ge­ben könn­te. Ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on wird von Kon­ser­va­ti­ven wie So­zia­lis­ten ab­ge­lehnt.

Die li­be­ral-bür­ger­li­che Par­tei Ci­u­dad­a­nos schloss der­weil aus, Kon­ser­va­ti­ve, So­zia­lis­ten oder Po­de­mos zu un­ter­stüt­zen. Die Wahl stand im Zei­chen der schwe­ren Fi­nanz- und Wirt­schafts­kri­se, die Spa­ni­en in den letz­ten Jah­ren durch­mach­te. Sie trieb die Ar­mut und Ar­beits­lo­sig­keit auf bis­her nicht ge­kann­te Hö­he. Auch schwe­re Kor­rup­ti­ons­skan­da­le in den Rei­hen der Kon­ser­va­ti­ven wie der So­zia­lis­ten schä­dig­ten die Glaub­wür­dig­keit der bei­den Tra­di­ti­ons­par­tei­en.

Der Un­mut in der Be­völ­ke­rung führte zur Ge­burt der Pro­test­par­tei­en. Die links­al­ter­na­ti­ve Par­tei Po­de­mos ent­stand vor zwei Jah­ren aus den mas­si­ven Stra­ßen­pro­tes­ten em­pör­ter Bür­ger ge­gen den har­ten Spar­kurs der Re­gie­rung und ge­gen im­mer neue Kor­rup­ti­ons­fäl­le in der Po­li­tik. Po­de­mos-Chef Pa­blo Igle­si­as ver­spricht är­me­ren Fa­mi­li­en mehr Hil­fen, will Wohl­ha­ben­de und Un­ter­neh­mens­ge­win­ne stär­ker be­steu­ern und mit der EU ei­ne Lo­cke­rung der Spar­po­li­tik aus­han­deln. Po­de­mos könn­te sich vor­stel­len, mit den So­zia­lis­ten ei­ne Ko­ali­ti­on zu for­men – ei­ne Zu­sam­men­ar­beit, die be­reits in meh­re­ren Re­gio­nen funk­tio­niert. Ruf nach „sau­be­rer Po­li­tik“Die li­be­ra­le Bür­ger­platt­form Ci­u­dad­a­nos stammt aus der ab­drif­ten­den Re­gi­on Ka­ta­lo­ni­en und kämpft dort seit zehn Jah­ren ge­gen die Un­ab­hän­gig­keit und für die Ein­heit Spa­ni­ens.

Vor ei­nem Jahr wag­te Par­tei­chef Al­bert Rivera den Sprung auf die na­tio­na­le Büh­ne und ge­wann mit sei­ner For­de­rung nach ei­ner „sau­be­ren Po­li­tik“oh­ne Kor­rup­ti­on und Pri­vi­le­gi­en schnell Po­pu­la­ri­tät. Rivera ver­tritt ei­ne wirt­schafts­li­be­ra­le Po­li­tik, will die auf­ge­bläh­te Ver­wal­tung straf­fen, Steu­ern sen­ken und eben­falls die bis­he­ri­ge har­te Aus­te­ri­täts­po­li­tik lo­ckern.

Bei sei­ner Stimm­ab­ga­be in Ma­drid sag­te Rivera, dass Spa­ni­en vor ei­ner „neu­en Ära“ste­he: „Egal wer ge­winnt, wir al­le zu­sam­men wer­den das Land än­dern.“Ähn­lich äu­ßer­te sich Po­de­mos-Chef Igle­si­as, der in sei­nem Wahl­lo­kal im Ma­dri­der Ar­bei­ter­vier­tel Valle­cas mit den Ru­fen „Pa­blo, Re­gie­rungs­chef“be­grüßt wur­de. Er lob­te, dass die Bür­ger mit die­ser Wahl dem po­li­ti­schen Esta­blish­ment „ei­ne de­mo­kra­ti­sche Lek­ti­on“er­tei­len. Als vie­ler­orts in Spa­ni­en die Wahl­lo­ka­le ih­re Pfor­ten öff­ne­ten, war die Ab­stim­mung in ei­nem Dorf im Nor­den des Lan­des be­reits be­en­det. Die sechs Wahl­be­rech­tig­ten in Vil­lar­roya ga­ben in der Re­kord­zeit von ei­ner Mi­nu­te ih­re Stim­men ab. Wie ei­ne Ge­mein­de­spre­che­rin am Sonn­tag mit­teil­te, hat­ten die Dorf­be­woh­ner sich ver­ab­re­det, gleich nach der Öff­nung ih­res Wahl­lo­kals mög­lichst rasch ih­re Wahl­zet­tel in die Ur­ne zu ste­cken. Auf die­se Wei­se bra­chen sie ih­ren frü­he­ren Re­kord von der Eu­ro­pa­wahl 2014, bei der sie zwei Mi­nu­ten für die Stimm­ab­ga­be be­nö­tigt hat­ten. In dem klei­nen Dorf in der Wein­bau­re­gi­on La Rio­ja le­ben zwei Zwil­lings­schwes­tern im Al­ter von 32 Jah­ren und vier Rent­ner. ( dpa)

FOTO: DPA

Freut sich über „ de­mo­kra­ti­sche Lek­ti­on“für das po­li­ti­sche Esta­blish­ment: Po­de­mos- Chef Pa­blo Igle­si­as bei der Stimm­ab­ga­be in Ma­drid.

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