Ge­spal­te­nes Po­len strei­tet um De­mo­kra­tie

Tau­sen­de Men­schen pro­tes­tie­ren ge­gen den Kurs der neu­en Re­gie­rung

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Micha­el Heit­mann

WARSCHAU (dpa) - In Po­len es­ka­liert der Kon­flikt um den Kurs der na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ven Re­gie­rung. Am Wo­che­n­en­de sind Tau­sen­de De­mons­tran­ten auf die Stra­ße ge­gan­gen. In den EU-Haupt­städ­ten hält man sich aber mit Kri­tik zu­rück.

Tau­sen­de Men­schen sind am Sams­tag vor das pol­ni­sche Un­ter­haus ge­zo­gen. Sie rie­fen „De­mo­kra­tie, De­mo­kra­tie“. Auch in zwei Dut­zend an­de­ren Städ­ten gab es Kund­ge­bun­gen. „Wenn wir jetzt nicht auf die Stra­ße ge­hen, wird al­les noch schlim­mer“, sag­te ein Teil­neh­mer in Wro­claw (Bres­lau).

Seit die Par­tei Recht und Ge­rech­tig­keit (PiS) im Ok­to­ber die ab­so­lu­te Mehr­heit bei der Par­la­ments­wahl ge­won­nen hat, kommt das Land kaum zur Ru­he. Na­tür­lich kön­ne die PiS so­gar die Ver­fas­sung ver­än­dern, sag­te Ma­teusz Ki­jow­ski, der Mann hin­ter den neu­en Pro­tes­ten, am Sonn­tag im Sen­der TVP Info. Aber auch der Wahl­sie­ger müs­se im Ein­klang mit dem Recht han­deln, be­ton­te der Grün­der des Ko­mi­tees für die Ver­tei­di­gung der De­mo­kra­tie (KOD).

An­ge­fan­gen hat der Kon­flikt mit ei­ner ver­track­ten recht­li­chen Si­tua­ti­on. Vor dem Macht­wech­sel hat­te das Par­la­ment meh­re­re Ver­fas­sungs­rich­ter ge­wählt. Statt sie zu ver­ei­di­gen, hat Prä­si­dent An­drzej Du­da fünf neue Rich­ter er­nannt, die als PiS-Ge­folgs­leu­te gel­ten. Für ei­ne wei­te­re Es­ka­la­ti­on sorg­ten zwei Ge­set­ze, mit de­nen die Re­gie­rung der Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Bea­ta Szydlo das Ver­fas­sungs­ge­richt und die Ver­wal­tung re­for­mie­ren will. Die Op­po­si­ti­on warnt, das Höchst­ge­richt wür­de ar­beits­un­fä­hig, wenn Ur­tei­le mit Zwei­drit­tel­mehr­heit und im Bei­sein von 13 Rich­tern ge­fällt wer­den müs­sen.

Auch die zahl­rei­chen Wech­sel an den Spit­zen von Po­li­zei, Be­hör­den und Staats­un­ter­neh­men sor­gen bei der Op­po­si­ti­on für Un­mut. Die un­ab­hän­gi­ge Or­ga­ni­sa­ti­on „Re­por­ter oh­ne Gren­zen“zeig­te sich alar­miert über die Me­di­en­po­li­tik der neu­en Re­gie­rung. Mi­nis­ter hät­ten kri­ti­schen Jour­na­lis­ten of­fen mit Kün­di­gun­gen ge­droht.

In Ber­lin oder Pa­ris hal­ten sich bis­lang die Re­gie­run­gen mit Ur­tei­len zu­rück. Sie wol­len an­schei­nend die gu­ten Be­zie­hun­gen nicht aufs Spiel set­zen. Doch EU-Par­la­ments­prä­si­dent Mar­tin Schulz woll­te nicht schwei­gen. Was sich in Po­len ab­spie­le, ha­be „Staats­streich-Cha­rak­ter“, sag­te der So­zi­al­de­mo­krat jüngst im Deutsch­land­funk und lös­te da­mit ei­ne La­wi­ne von Re­ak­tio­nen aus. Schulz sorgt für Ir­ri­ta­tio­nen Wäh­rend Szydlo ei­ne Ent­schul­di­gung for­der­te, ver­tei­dig­te Ex-Prä­si­dent Aleksan­der Kwas­niew­ski Schulz als ei­nen „sehr emo­tio­na­len, aber ehr­li­chen“Po­li­ti­ker. Beim west­li­chen Nach­barn kann man sich noch an frü­he­re Ir­ri­ta­tio­nen im Ver­hält­nis er­in­nern. Der beim Ab­sturz von Smo­lensk ver­stor­be­ne Prä­si­dent Lech Kac­zyn­ski hat­te von 2006 an für Ver­stim­mun­gen mit Deutsch­land ge­sorgt. Sein Zwil­lings­bru­der Ja­roslaw Kac­zyn­ski ist heu­te Vor­sit­zen­der und Schat­ten­mann der PiS.

So­gar vor ei­nem „Bür­ger­krieg“warnt in­zwi­schen der frü­he­re Kämp­fer ge­gen den Kom­mu­nis­mus, Lech Wa­le­sa. Der Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger hat­te den PiS-Vor­sit­zen­den Ja­roslaw Kac­zyn­ski An­fang der 1990erJah­re kurz ge­för­dert, dann aber mit ihm ge­bro­chen. Wa­le­sa sag­te nun, er sei be­reit, noch ein­mal zu kämp­fen, wenn Frei­heit und Ge­wal­ten­tei­lung in Ge­fahr sei­en.

FOTO: DPA

Tau­sen­de Po­len de­mons­trier­ten am Wo­che­n­en­de in Wro­claw ge­gen den po­li­ti­schen Kurs von Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Bea­ta Szydlo.

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