„Wir müs­sen raus aus un­se­rem ei­ge­nen Sumpf“

Der neue Hy­mer-Kon­zern­chef Mar­tin Brandt will den Bau von Rei­se­mo­bi­len mo­der­ni­sie­ren

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIRTSCHAFT -

WERT­HEIM - Vor dem Schreib­tisch von Mar­tin Brandt hängt ei­ne höl­zer­ne Ta­fel. „Des Cam­pers Fluch sind Re­gen und Be­such“, steht dar­auf ge­schrie­ben. Vor knapp ei­nem hal­ben Jahr ist der welt­ge­wand­te Wirt­schafts­in­ge­nieur in die Welt der Wohn­wa­gen­be­sit­zer und Rei­se­mo­bil­fans ein­ge­taucht. Noch im­mer mit Stau­nen und Ver­wun­de­rung blickt der neue Chef der Er­win Hy­mer Group auf ei­ne lie­bens­wer­te Bran­che, die – nach An­sicht Brandts – zu we­nig aus sich macht und zu sehr in der Ver­gan­gen­heit ver­haf­tet ist. Hen­drik Groth und Stef­fen Ran­ge ha­ben den Vor­stands­vor­sit­zen­den im Aus­stel­lungs­ge­län­de Er­win Hy­mer World in Wert­heim ge­trof­fen. Herr Brandt, Sie ha­ben vor vier Mo­na­ten ihr Amt als Vor­stands­vor­sit­zen­der der Er­win Hy­mer Group an­ge­tre­ten. Kön­nen Sie die vie­len Na­men der Mar­ken und Mo­del­le schon aus­wen­dig? Das muss­te ich al­les ler­nen. Wie Vo­ka­beln. Ih­re Pres­se­spre­che­rin hat uns er­zählt, dass Sie nicht nur Vo­ka­beln ler­nen, son­dern auch Be­grif­fe an­krei­den, die Sie un­schön fin­den. Sie spie­len auf Wor­te wie „Nass­zel­le“und „ver­rot­tungs­si­cher“an. Die kom­men mei­ner Mei­nung nach drau­ßen in der Welt wirk­lich nicht so gut an. Was stört Sie an die­ser Fach­spra­che? Be­grif­fe schaf­fen Bil­der im Kopf. Neh­men Sie das Wort Kas­ten­wa­gen. Ich will doch kei­nen Kas­ten­wa­gen kau­fen. Da den­ke ich so­fort an ei­nen Hand­wer­ker, der Zeug auf der Prit­sche hat. Mit ei­nem sol­chen Ge­fährt fah­re ich doch nicht in den Ur­laub. Trägt die Spra­che da­zu bei, dass Ur­laub im Rei­se­mo­bil et­was be­tu­lich wirkt? Ge­nau, un­se­re Bran­che hat ein Image­pro­blem. Wir müs­sen raus aus un­se­rem ei­ge­nen Sumpf. Mein Vor­bild sind die Kreuz­fahr­tree­de­rei­en. Sie zei­gen, wie man den Wan­del schafft. Vor 20 Jah­ren gin­gen nur Rent­ner auf Kreuz­fahrt. Heut­zu­ta­ge gibt es Hea­vy-Me­tal-Kon­zer­te an Bord und jun­ge Fa­mi­li­en bu­chen Kreuz­fahr­ten. An wel­che Ziel­grup­pen den­ken Sie? Da fal­len mir ganz vie­le ein. Sur­fer, Klet­te­rer, Moun­tain­bi­ker – Leu­te, die zum Bei­spiel mit ih­rem Rei­se­mo­bil di­rekt am Meer oder so nah wie mög­lich am Berg ste­hen wol­len und die kei­ne Zeit mit dem Trans­fer zum Ho­tel ver­schwen­den wol­len. Wel­che Än­de­run­gen schwe­ben Ih­nen für Wohn­wa­gen und Rei­se­mo­bi­le vor? Beim De­sign könn­ten wir ein biss­chen fri­scher wer­den. Vie­le Her­stel­ler sa­gen, die äl­te­re Kund­schaft will im In­nen­raum braun und beige. Das mag so­gar stim­men. Aber ich ent­geg­ne: Ers­tens sind die 60-Jäh­ri­gen heu­te an­ders als die 60-Jäh­ri­gen vor 20 Jah­ren. Die ha­ben auch nicht mehr Ei­che rus­ti­kal zu Hau­se. Und zwei­tens, wenn wir an­de­re Ziel­grup­pen er­rei­chen wol­len, müs­sen wir an die Gestal­tung ran. Wir müs­sen sprit­zi­ger, pfif­fi­ger, mo­der­ner wer­den. War­um ist ein VW-Bus cool, ein Rei­se­mo­bil aber nicht? Neue Far­ben von Vor­hän­gen und Pols­tern sol­len al­len Erns­tes die Wen­de brin­gen? Ich war­ne da­vor, als In­no­va­ti­on im­mer nur Ve­rän­de­run­gen des Pro­duk­tes an­zu­se­hen. Wir müs­sen auch beim Ser­vice neue We­ge ge­hen. Es gibt für Wohn­mo­bi­le prak­tisch kei­ne Lea­sing­an­ge­bo­te. Auch die Ver­mie­tung von Rei­se­mo­bi­len, vor al­lem die Kurz­mie­te übers Wo­che­n­en­de, müs­sen wir ver­bes­sern. Die Er­win Hy­mer Group ist Eu­ro­pas größ­ter Her­stel­ler von Rei­se­mo­bi­len und Wohn­wa­gen mit ei­nem Um­satz von mehr als 1,2 Mil­li­ar­den Eu­ro. Jähr­lich ver­kauft die Grup­pe mehr als 35 000 Frei­zeit­fahr­zeu­ge. Sie be­schäf­tigt rund 4000 Mit­ar­bei­ter. Die Zen­tra­le des Un­ter­neh­mens be­fin­det sich in Bad Wald­see ( Kreis Ra­vens­burg), Fer- Was ver­spre­chen Sie sich da­von? Un­ser Durch­schnitts­käu­fer ist 60 Jah­re alt. Das ist nicht schlimm, das gilt für Har­ley Da­vid­son auch. Aber trotz­dem müs­sen wir neue Kun­den­grup­pen er­schlie­ßen. Die Ver­mie­tung ist ein He­bel. Was hat Sie be­son­ders ver­blüfft, als Sie sich in die Bran­che ein­ge­ar­bei­tet ha­ben? Der un­ge­heu­re Zwang, je­des Jahr et­was Neu­es zu brin­gen. Un­se­re Bran­che agiert sehr kurz­fris­tig und hat kei­ne Zeit, sich rich­ti­ge In­no­va­tio­nen zu über­le­gen. Das macht die Au­to­mo­bil­bran­che bes­ser, die denkt wirk­lich in Pro­dukt-Le­bens­zy­klen. Wir müs­sen auch weg­kom­men von die­ser Kurz­le­big­keit. War­um ist die Bran­che so kurz­at­mig? Un­se­re Bran­che kreist um die gro­ßen Mes­sen wie den Ca­ra­van Sa­lon in Düsseldorf. Das sind Ver­kaufs­mes­sen für Kun­den. Je nach Mar­ke ti­gungs­stät­ten sind un­ter an­de­rem in Sach­sen und in der Tos­ka­na. Zur Hy­mer- Grup­pe ge­hö­ren be­kann­te Mar­ken wie Deth­leffs, Bürst­ner so­wie Nies­mann+ Bi­sch­off. Das Un­ter­neh­men ist im Be­sitz der Fa­mi­lie Hy­mer. Vor­stands­vor­sit­zen­der der Er­win Hy­mer Group ist seit dem 1. Au­gust Mar­tin Brandt. Der 56- jäh­ri­geWirt- wer­den dort 30 Pro­zent des Jah­res­um­sat­zes ge­macht, bei klei­ne­ren Mar­ken sind es bis zu 50 oder 60 Pro­zent. Es ist un­ty­pisch im Ver­gleich mit an­de­ren Bran­chen, dass Kun­den­mes­sen ei­ne sol­che Rol­le spie­len. Bes­ser wä­re es, das ge­sam­te Ge­schäft auf die Wün­sche der Kun­den aus­zu­rich­ten statt auf Mes­sen mit Schei­nin­no­va­tio­nen auf­zu­tre­ten. Ha­pert es an der Kun­den­ori­en­tie­rung? Es läuft ge­nau ver­kehrt her­um. Bis­her le­gen wir mit dem Händ­ler vor der Sai­son fest, wel­che Va­ria­tio­nen wir ver­kau­fen wol­len. Dann fer­ti­gen wir die Va­ria­tio­nen und der Händ­ler muss ge­nau die­se Fahr­zeu­ge ver­kau­fen. Händ­ler be­stel­len auf Ver­dacht? Ja. Es ist üb­lich, dass ein Händ­ler vor der Sai­son 100 Fahr­zeu­ge be­stellt. Wenn jetzt ein Kun­de kommt, will der Händ­ler aus ver­ständ­li­chen Grün­den na­tür­lich ge­nau das Fahr- schafts­in­ge­nieur hat in Füh­rungs­po­si­tio­nen für meh­re­re in­ter­na­tio­nal aus­ge­rich­te­te Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men ge­ar­bei­tet – un­ter an­de­rem für die As­sa Abloy Grup­pe in Stockholm, die Schließ­sys­te­me an­bie­tet, und den Be­leuch­tungs­spe­zia­lis­ten Zum­to­bel AG in Dorn­birn ( Vor­arl­berg). Brandt wohnt mit sei­ner Fa­mi­lie in Ra­vens­burg. ( str) zeug ver­kau­fen, das er auf dem Hof ste­hen hat. Die­ses Ge­schäfts­ge­ba­ren wirkt et­was rück­stän­dig. Wie könn­te es an­ders lau­fen? Braucht ein Händ­ler wirk­lich 100 Fahr­zeu­ge oder reicht es, wenn er zwei, drei An­schau­ungs­ob­jek­te hat und dann mit dem Kun­den ei­ne Kon­fi­gu­ra­ti­on am Com­pu­ter er­stellt? An­schlie­ßend wird das Fahr­zeug nach Kun­den­wunsch pro­du­ziert. Dann müs­sen wir aber auch in der La­ge sein, zeit­nah zu lie­fern. Da­für müs­sen wir un­se­re Pro­duk­ti­on um­stel­len – nach dem Vor­bild der Au­to­in­dus­trie und ih­rer Platt­form­stra­te­gie. Wel­che Vor­tei­le ver­spre­chen Sie sich von der Platt­form­stra­te­gie? Die Viel­zahl an Va­ri­an­ten hat ih­ren Preis. Wenn wir stan­dar­di­sie­ren und hö­he­re Stück­zah­len er­rei­chen, kön­nen mehr Ar­beits­schrit­te au­to­ma­ti­siert er­le­digt wer­den und wir be­kom­men mehr Rou­ti­ne und Qua­li­tät in den Fer­ti­gungs­pro­zess. Wie steht es wirt­schaft­lich um die Er­win Hy­mer Group? Was die Bi­lanz­struk­tur be­trifft, sehr gut. Wir ha­ben ja über 40 Pro­zent Ei­gen­ka­pi­tal. Ge­ra­de ha­ben wird neue Kre­dit­li­ni­en mit den Ban­ken ver­han­delt, das ging al­les pro­blem­los. Das war vor ein paar Jah­ren noch an­ders. Es gibt aber auch Nach­hol­be­darf. Wir ma­chen jetzt ein ein­stel­li­ges Er­geb­nis, aber bei der Um­satz­ren­di­te wol­len wir uns er­heb­lich ver­bes­sern. Dann sind wir für mög­li­che Kri­sen bes­ser ge­wapp­net. Was hat Ih­nen die Ei­gen­tü­mer­fa­mi­lie Hy­mer auf­ge­tra­gen? Die Fa­mi­lie hat größ­tes In­ter­es­se dar­an, dass die Fir­ma lang­fris­tig be­steht und dass die Mar­ken ge­stärkt wer­den. Hy­mer ist der Na­me der Fa­mi­lie und des Un­ter­neh­mens. Na­tür­lich will die Fa­mi­lie, dass po­si­tiv über die Fir­ma be­rich­tet wird und dass die Er­win Hy­mer Group lang­fris­tig gut am Markt auf­ge­stellt ist und sei­ne Markt­füh­rer­schaft nach­hal­tig aus­baut. Schau­en Sie doch ein­mal bei Goog­le, wie oft das Wort Rei­se­mo­bi­le ge­sucht wird und wie oft nach Hy­mer. Hy­mer wird eben­so oft ein­ge­ge­ben wie Rei­se­mo­bi­le. Der Na­me steht gleich­be­deu­tend für Rei­se­mo­bil, so wie Tem­po für Ta­schen­tuch. Ma­chen Sie selbst ger­ne Cam­ping­ur­laub? Ich ha­be im­mer ge­campt, aber im Zelt. Den nächs­ten Som­mer­ur­laub un­ter­neh­men wir aber mit dem Rei­se­mo­bil. Das voll­stän­di­ge Interview mit Hy­mer- Chef Mar­tin Brandt le­sen Sie online un­ter: schwa­ebi­sche.de/hy­mer

FOTO: OH

Mar­tin Brandt ha­dert mit dem et­was an­ge­staub­ten Image der Rei­se­mo­bil­bran­che.

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