Küm­me­rer, Va­ter und Sym­bol­fi­gur

Die Mu­sik­welt ver­liert ei­nen gro­ßen Künst­ler: Di­ri­gent Kurt Ma­sur ist tot

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Rein­hold Mann

urt Ma­sur, ei­ne Sym­bol­fi­gur der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung, ist im Al­ter von 88 Jah­ren in den USA ge­stor­ben.

Es ist ei­ne al­te In­ten­dan­ten­tu­gend, die ihn aus­zeich­ne­te: sich um al­les sel­ber küm­mern. Kurt Ma­sur hat sie von Wal­ter Fel­sen­stein ge­lernt, dem le­gen­dä­ren Grün­der und In­ten­dan­ten der Ko­mi­schen Oper in Ost-Ber­lin. Ma­sur, 1927 im schle­si­schen Brieg ge­bo­ren und in Leip­zig aus­ge­bil­det, war Fel­sen­steins Ka­pell­meis­ter von 1960 bis 1964.

An sei­ner nächs­ten Sta­ti­on beim Leip­zi­ger Ge­wand­haus­or­ches­ter führte Ma­surs En­ga­ge­ment zu ei­nem neu­en Kon­zert­haus. Das al­te war 1943 zer­stört wor­den, seit­dem hat­te das Orches­ter kei­ne ei­ge­ne Spiel­stät­te. Der Kraft­akt des Neu­baus war oh­ne das Ein­ver­neh­men mit Erich Hone­cker nicht mög­lich. Ma­sur hat den neu­en Saal, der sich an der Ber­li­ner Phil­har­mo­nie ori­en­tiert, 1981 ein­ge­weiht: mit ei­nem sei­ner Lieb­lings­wer­ke, Beet­ho­vens 9. Sin­fo­nie, bei der er ger­ne die pol­tern­de Pau­ke her­aus­stell­te. Er be­ton­te stets, dass er kein SED-Mit­glied war. Auch oh­ne sie hat er sich in der DDR ei­ne be­son­de­re Stel­lung er­kämpft. Da­für stand sein wei­ßer Mer­ce­des, ein Exot im Tra­bi­land. His­to­ri­scher Auf­ruf in Leip­zig Das al­les ist Vor­ge­schich­te zu je­nem Auf­tritt, der Ma­sur dann plötz­lich in­ter­na­tio­nal be­rühmt ge­macht hat. Der Auf­ruf „Kei­ne Ge­walt!“, den er am 9. Ok­to­ber 1989 mit fünf wei­te­ren Un­ter­zeich­nern ver­brei­ten ließ. Der brach­te die Staats­macht da­von ab, Pan­zer ge­gen die Leip­zi­ger Mon­tags­de­mons­tran­ten an­rol­len zu las­sen. Die per­sön­li­che Freund­schaft, die Ma­sur mit Hone­cker ver­band, be­währ­te sich hier ein zwei­tes Mal. Denn die Idee, die Pro­test­be­we­gung in der DDR zu­sam­men­zu­kar­tät­schen, war vom neu­en Hoff­nungs­trä­ger der SED, Egon Krenz, pro­pa­giert wor­den. Die „chi­ne­si­sche Lö­sung“hat­te Krenz das ge­nannt. Dass es da­zu nicht kam, ist zwei­fel­los der Au­to­ri­tät Kurt Ma­surs zu ver­dan­ken. Er selbst ist da­mit zur his­to­ri­schen Sym­bol­fi­gur ge­wor­den.

Es war die­se Au­to­ri­tät, die ihn dann zu sei­ner nächs­ten Po­si­ti­on führte. 1991 wur­de er Chef­di­ri­gent der New Yor­ker Phil­har­mo­ni­ker. Die Wahl muss Ma­sur sel­ber über­rascht ha­ben. Sei­ne Fra­ge: „Wie­so ich?“be­ant­wor­te­te ihm da­mals das Ma­nage­ment: Er ha­be schließ­lich kei­ne Angst vor Orches­tern. Man trau­te dem gro­ßen, stäm­mi­gen Mann zu, die sehr in­di­vi­dua­lis­ti­schen Mu­si­ker, die ein west­deut­scher Kol­le­ge ge­ra­de we­gen der nach­läs­si­gen Pro­ben­ar­beit als „Ver­bre­cher­ban­de“be­schimpft hat­te, wie­der zu­sam­men­zu­bin­den. Was Ma­sur auch ge­lang. Sei­ne Fä­hig­keit als Orches­ter-Er­zie­her war ge­fragt, nach­dem das re­nom­mier­te En­sem­ble un­ter den ganz an­ders ori­en­tier­ten Vor­gän­gern Pier­re Bou­lez und Zu­bin Meh­ta an Qua­li­tät ge­lit­ten hat­te. Ma­sur wur­de hier zu ei­ner Va­ter­fi­gur. Die New Yor­ker Kurt Ma­sur hat­te zu­nächst ei­ne Leh­re als Elek­tri­ker ab­sol­viert. Sein Mu­sik­stu­di­um be­gann er in Bres­lau und stu­dier­te nach dem Zwei­ten Welt­krieg an der Leip­zi­ger Mu­sik­hoch­schu­le wei­ter. Als Ka­pell­meis­ter war er da­nach in fast al­len gro­ßen ost­deut­schen Städ­ten tä­tig und wird schließ­lich ei­ner der wich­tigs­ten Di­ri­gen­ten der DDR. Als Ge­wand­haus­ka­pell­meis­ter präg­te er fast 30 Jah­re das Leip­zi­ger Mu­sik­le­ben ( 1970- 1997) und bril­lier­ten wie­der mit ei­nem mar­kan­ten Klang, von dem die Schosta­ko­witsch-Auf­nah­men Zeug­nis ge­ben.

Die New Yor­ker ha­ben ihn auch we­gen des spon­tan an­ge­setz­ten Kon­zerts nach den An­schlä­gen am 11. Sep­tem­ber 2001 in Er­in­ne­rung. Da­mals hat­te das Orches­ter ge­ra­de Kon­zer­te in Köln und Han­no­ver ge­ge­ben und konn­te we­gen des Flug­s­topps in den USA nicht zu­rück. In Frankfurt wa­ren sämt­li­che Ho­tels aus­ge­bucht, und so stran­de­ten Ma­sur und sei­ne Phil­har­mo­ni­ker in Stuttgart. Un­mit­tel­bar nach ih­rer Rück- gab mit die­sem Orches­ter mehr als 900 Tour­nee- Kon­zer­te. Nach der Wen­de 1989 mach­ten Ma­sur die gro­ßen in­ter­na­tio­na­len Orches­ter den Hof. Er wur­de Chef der New Yor­ker Phil­har­mo­ni­ker ( 1991), des Lon­don Phil­har­mo­nic Orches­tra ( 2000) und des Orches­t­re Na­tio­nal de Fran­ce in Pa­ris ( 2002). Die Lis­te der Prei­se für Ma­sur ist lang. So er­hielt er et­wa das Bun­des­ver­dienst­kreuz und den Echo Klas­sik für sein Le­bens­werk. ( epd) kehr setz­te Ma­sur ein Kon­zert mit Brahms’ „Deut­schem Re­qui­em“in New York an.

Der brei­te Rück­halt, den Ma­sur bei Kon­zert­be­su­chern und Mu­si­kern hat­te, konn­te ihn al­ler­dings nicht vor der kal­ten Du­sche be­wah­ren: Das Ma­nage­ment ver­län­ger­te sei­ne Amts­zeit nicht über 2002. Ei­ner der Grün­de war ei­ne ge­wis­se Selbst­herr­lich­keit, zu der Ma­sur sei­ne Stel­lung in New York ver­lei­tet hat­te. Ein­mal hat­te er das Pu­bli­kum mit­ten im Kon­zert sit­zen­ge­las­sen und war vom Po­di­um mar­schiert, weil ihn das an­dau­ern­de Ge­hus­te ge­nervt hat­te.

Ma­sur hat sich nach New York noch et­was In­ter­na­tio­na­li­tät ge­gönnt. Er führte Orches­ter in Pa­ris und Lon­don, kam re­gel­mä­ßig nach Leip­zig, blieb aber in den USA woh­nen, wo er nun in Gre­en­wich, Con­nec­ti­cut, im Al­ter von 88 Jah­ren ge­stor­ben ist. Die letz­ten Jah­re hat­te er we­gen sei­nes Par­kin­son­lei­dens kaum noch Auf­trit­te, der war auf dem Po­di­um ge­stürzt. Und ein biss­chen scheint er auch schon in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten zu sein. Die New York „Ti­mes“bot ih­ren Le­sern in der ers­ten Meldung von sei­nem Tod schon ei­ne klei­ne Brü­cke, wie der Na­me rich­tig klingt: „sprich mah-ZOOR“.

FOTO: DPA

Kurt Ma­sur di­ri­gier­te im Au­gust 1995 auf dem Leip­zi­ger Markt­platz das ers­te Frei­luft­kon­zert des Ge­wand­haus­or­ches­ters.

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