Zau­be­rer trifft, Hand­wer­ker bleibt

Da­ni­el Di­da­vis To­re beim 3:1 über Wolfsburg brin­gen Jür­gen Kram­ny die Be­för­de­rung zum VfB-Chef­trai­ner

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT - Von Jür­gen Schat­t­mann

STUTTGART - Jür­gen Kram­ny ist kein Ge­fühls­mensch, kein Mo­ti­va­ti­ons­gu­ru, kein Hu­mo­rist wie Jür­gen Klopp, sein frü­he­rer Zim­mer­kum­pel. Er ist auch kein Kopf­mensch, kein In­tel­lek­tu­el­ler wie Tho­mas Tu­chel, der den Fuß­ball von Sei­ten be­trach­tet, über die Lai­en nur stau­nen kön­nen. Und schon gar nicht ist er ein so gna­den­los ehr­li­cher Brudd­ler wie Alex­an­der Zor­ni­ger, sein Vor­gän­ger beim VfB Stuttgart. Jür­gen Kram­ny scheint, nach al­lem, was man bis­her mit­be­kom­men hat, ein bo­den­stän­di­ger, un­auf­ge­reg­ter, zu­tiefst un­dra­ma­ti­scher Hand­wer­ker zu sein, und ei­nen sol­chen braucht sei­ne Mann­schaft of­fen­bar. Am Sams­tag ge­gen den VfL Wolfsburg zeig­te der VfB sein bis­her bes­tes Sai­son­spiel. Er ver­tei­dig­te als Team, er griff als Team an, und nach 70 Mi­nu­ten, als er nach ei­ner mit Gelb-Rot ge­ahn­de­ten Blut­grät­sche von To­ni Sun­jic nur noch zu zehnt war, warf er sich mit Mann und Maus in je­den Schuss, den der Geg­ner noch ab­feu­er­te. So lan­ge, bis der ziem­lich un­er­war­te­te 3:1-Sieg ge­gen den Cham­pi­ons-Le­ague-Ach­tel­fi­na­lis­ten fest­stand und aus ei­nem frus­trier­ten Schluss­licht wie­der ein hoff­nungs­fro­her Ta­bel­len­fünf­zehn­ter ge­wor­den war.

Es war ein Sieg aus Lei­den­schaft, „ein Sieg des Wil­lens“, fand Kram­ny, und als Be­loh­nung er­hielt der 44-Jäh­ri­ge tags dar­auf ein Win­ter­pau­sen­weih­nachts­spe­zi­al­ge­schenk: Der Lud­wigs­bur­ger wur­de nach der mor­gend­li­chen Sit­zung der Ge­schäfts­füh­rung vom In­te­rims­trai­ner zum Chef­coach er­nannt, sein bis 2017 lau­fen­der Ver- trag als bis­he­ri­ger Übungs­lei­ter der U23 wur­de „an die neue Auf­ga­be an­ge­passt“, teil­te der VfB mit. „Die Ent­wick­lung spricht ei­ne deut­li­che Spra­che. Kram­ny hat die rich­ti­gen He­bel be­dient“, sag­te Sport­chef Ro­bin Dutt zur für den VfB wohl kos­ten­güns­tigs­ten Lö­sung. Dutt gab kund, den über­zeu­gen­den Sieg hät­te es „gar nicht ge­braucht“für die Be­för­de­rung, „aber er hat auch nicht ge­scha­det“.

Dass Kram­ny auch bei ei­nem 1:3 hoch­ge­stuft wor­den wä­re, darf zwar stark be­zwei­felt wer­den, ist al­ler­dings mü­ßig, denn die Spie­ler vo­tier­ten ver­bal und auch qua Leis­tung ein­mü­tig für ihn. „Die Mann­schaft hat heu­te auf dem Platz ge­zeigt, wie sie es sieht. Man kann re­den, wie man will, am En­de zäh­len die Er­geb­nis­se. Die ha­ben wir ge­lie­fert. Der Trai­ner macht tol­le Ar­beit“, fand Da­ni­el Di­da­vi, der mit sei­nen zwei Traum­to­ren haupt­ver­ant­wort­lich für die Lie­fe­rung war und den VfB vor der käl­tes­ten Win­ter­pau­se sei­ner Ge­schich­te be­wahr­te. Der flüs­si­ge Di­da­vi Da­bei hat­te der An­fang der Par­tie noch an die un­glück­li­che Zor­ni­gerÄ­ra er­in­nert: Der VfB lief nach ei­nem Eck­ball – bei dem er nach Klo­ses Hand­spiel ei­nen Elf­me­ter be­kom­men hät­te müs­sen – prompt in ei­nen Kon­ter, den Ma­xim­li­an Ar­nold nach fei­nem Pass von Da­ni­el Ca­li­gi­uri zum 0:1 ab­schloss (14.). Dies­mal aber bäum­ten sich die Stutt­gar­ter ge­gen ihr Schick­sal auf, an­ge­trie­ben von Lukas Rupp, der Ent­de­ckung der Hin­run­de, der rann­te und an­kur­bel­te und Bäl­le er­ober­te, als sei er ein Du­ra­cell-Ha­se. Di­da­vi glück­te mit ei­nem per­fek­ten 25-Me­ter-Schuss in den Win­kel der Aus­gleich, Fi­lip Kostic nach bril­lan­tem Pass von Ti­mo Wer­ner das 2:1 (31.). Dass der wie­sel­flin­ke Wer­ner zwei Pri­vat­du­el­le ge­gen VfL-Tor­hü­ter Die­go Be­naglio ver­gab, konn­te der VfB ver­schmer­zen, denn Di­da­vi zeig­te nach der Pau­se beim 3:1 (47.), dass er auch aus kur­zer Dis­tanz Bäl­le in den Win­kel schie­ßen kann.

„Er ist flüs­sig, er glei­tet förm­lich über das Spiel­feld. Sei­ne Ball­an­nah­me und -mit­nah­me ist ei­ne Be­we­gung. Für Di­da­vi gibt man als Fan 20 oder 30 Eu­ro mehr aus“, schwärm­te „Sky“-Ex­per­te Di­di Ha­mann. Auch VfL-Ma­na­ger Klaus All­ofs war of­fen­bar an­ge­tan vom Stutt­gar­ter Zau­ber­künst­ler, er tät­schel­te den 25-Jäh­ri­gen in der Mi­xed Zo­ne der­art lie­be­voll am Rü­cken, dass er ihm wohl am liebs­ten ei­nen Blan­ko­ver­trag in die Ho­se ge­steckt hät­te. Wolfsburg will Di­da­vi, des­sen Ver­trag aus­läuft, un­be­dingt, das war sinn­lich zu spü­ren, der Spiel­ma­cher al­ler­dings gab den Ah­nungs­lo­sen: Er ha­be „nicht täg­lich Kon­takt“mit sei­nem Be­ra­ter Karl-Heinz Förs­ter, sag­te Di­da­vi. „Was er in Wolfsburg ge­macht hat, weiß ich nicht.“Ver­mut­lich ei­nen VW ab­ho­len, Fa­b­rik­ver­kauf.

In der Rück­run­de wird Di­da­vi in je­dem Fall noch ver­su­chen, mit Stuttgart den Ab­stieg zu ver­mei­den, und das wird kein Selbst­läu­fer wer­den: „Wir ha­ben ei­ne Men­ge Ar­beit vor uns, kön­nen uns auf nichts aus­ru­hen, müs­sen ei­ni­ges auf­ar­bei­ten“, sag­te Ka­pi­tän Chris­ti­an Gent­ner, auch Flo­ri­an Klein for­der­te, „nicht al­les auf Zor­ni­ger zu schie­ben. Hier wa­ren in drei Jah­ren sie­ben Trai­ner am Werk, da müs­sen auch die Spie­ler ei­ni­ges falsch ge­macht ha­ben.“Im­mer­hin sei Kram­nys Tak­tik, auf Kon­ter zu spie­len und schnell um­zu­schal­ten, per­fekt auf­ge­gan­gen. Auch die per­so­nel­len Um­stel­lun­gen des Trai­ners fruch­ten, et­wa die Her­ein­nah­me von Ver­tei­di­ger Ge­org Nie­der­mei­er: „Er steht sei­nen Mann, ist un­glaub­lich wert­voll für die Mann­schaft, er sta­chelt die Emo­tio­nen an“, fin­det Kram­ny.

Ei­ne „knall­har­te Rück­run­de“und „knall­har­te Ar­beit“er­war­tet der Trai­ner, als Mut­ma­cher gab es am Sams­tag „Oh-wie-ist-das-schön“-Chö­re der Fans. Zu­letzt wa­ren die vor vier Wo­chen er­klun­gen, nach dem 0:4 ge­gen Augs­burg. Aus Hä­me al­ler­dings.

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Da darf man schon mal ab­he­ben: Da­ni­el Di­da­vi, vom VfL Wolfsburg um­wor­ben, war bes­ter Mann beim 3: 1 ge­gen die Werks­elf.

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Neu­er star­ker Mann beim VfB: Jür­gen Kram­ny wird Chef­trai­ner.

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