Ra­joy steht vor schwe­rer Part­ner­su­che

Par­la­ments­wahl in Spa­ni­en en­det oh­ne kla­re Mehr­hei­ten

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Ralph Schul­ze

MA­DRID - „Un­ge­wiss­heit“, „Re­gie­rungs­fra­ge of­fen“, ha­ben die spa­ni­schen Zei­tun­gen am Mor­gen nach der Wahl ge­ti­telt. Die Spa­nier wähl­ten zwar ein neu­es Par­la­ment, und sie ver­hal­fen zwei neu­en Pro­test­par­tei­en zum Ein­zug ins Ab­ge­ord­ne­ten­haus, doch die Kam­mer ist zer­split­tert wie nie und oh­ne kla­re Mehr­heit. Der Stuhl des kon­ser­va­ti­ven Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Ma­ria­no Ra­joy wa­ckelt. Erst­mals seit dem En­de der Fran­coDik­ta­tur in den 70er-Jah­ren en­de­te in Spa­ni­en ei­ne Wahl oh­ne Per­spek­ti­ve auf ei­ne sta­bi­le Re­gie­rung.

Die ge­plan­te Ju­bel­fei­er vor der kon­ser­va­ti­ven Par­tei­zen­tra­le in der Haupt­stadt Ma­drid fiel an­ge­sichts des Wah­l­er­geb­nis aus. Ra­joy ließ ei­ne klei­ne Schar von An­hän­gern ziem­lich lan­ge war­ten, dann trat er mit Trau­er­mie­ne auf den Bal­kon. „Wir ha­ben ei­ne schwie­ri­ge Etap­pe vor uns“, sag­te Ra­joy. Er wol­le aber trotz­dem „ver­su­chen, ei­ne Re­gie­rung zu bil­den“. Ein schwa­ches Win­ken, dann ver­schwand er wie­der.

„Es hat­te sich an­ge­hört, als ob sich Ra­joy schon ver­ab­schie­den woll­te“, sag­te ein Kom­men­ta­tor im spa­ni­schen Ra­dio­sen­der „Ser“. In der Tat gab das Wah­l­er­geb­nis dem Par­tei­und Re­gie­rungs­chef we­nig An­lass zur Freu­de. Sei­ne kon­ser­va­ti­ve Volks­par­tei (PP) ver­lor ein Drit­tel ih­rer Par­la­ments­sit­ze, da­mit auch die ab­so­lu­te Mehr­heit und stürz­te auf 28,7 Pro­zent. Da­mit ist die PP zwar noch stärks­te Par­tei, aber zum Re­gie­ren reicht es nicht – und ein Part­ner ist nicht in Sicht. De­ba­kel auch für So­zia­lis­ten Auch die zwei­te gro­ße Tra­di­ti­ons­par­tei, die So­zia­lis­ti­sche Ar­bei­ter­par­tei (PSOE) mit ih­rem Spit­zen­mann Pe­dro Sán­chez, er­leb­te ein De­ba­kel. Die So­zia­lis­ten, die so­zi­al­de­mo­kra­tisch aus­ge­rich­tet sind, fie­len auf 22 Pro­zent (2011: 29 Pro­zent) – das schlech­tes­te Er­geb­nis der ver­gan­ge­nen 40 Jah­re. Trotz­dem wer­den Sán­chez Chan­cen ein­ge­räumt, ei­ne Mit­te-links-Ko­ali­ti­on meh­re­rer Par­tei­en an­zu­füh­ren, da sich ei­ne knap­pe Über­macht je­ner ab­zeich­net, die un­ter al­len Um­stän­den Ra­joys Re­gie­rungs­zeit be­en­den wol­len.

Bei die­ser neu­en Mehr­heit wird wohl die neue lin­ke Pro­test­par­tei Po­de­mos (Wir kön­nen) ei­ne ent­schei­den­de Rol­le spie­len. Die von Pa­blo Igle­si­as an­ge­führ­te Em­pör­ten-Be­we­gung kam auf An­hieb auf knapp 21 Pro­zent und wur­de so­mit dritt­stärks­te Kraft hin­ter den So­zia­lis­ten.

Auch die Par­tei Ci­u­dad­a­nos (Bür­ger), die po­li­tisch noch am ehes­ten mit den Kon­ser­va­ti­ven Be­rüh­rungs­punk­te hat, will Ra­joy nicht un­ter­stüt­zen. Die­se Bür­ger­platt­form, die sich die „de­mo­kra­ti­sche Er­neue­rung“auf die Fah­nen ge­schrie­ben hat, kam aus dem Stand auf 13,9 Pro­zent. Die­ses Er­geb­nis wür­de aber oh­ne­hin nicht aus­rei­chen, um Ra­joy die ab­so­lu­te Mehr­heit zu ver­schaf­fen. Zu­dem kün­dig­te Ci­u­dad­a­nos-Chef Al­bert Rivera an, sich bei der Ab­stim­mung über den Re­gie­rungs­chef ent­hal­ten zu wol­len.

Die So­zia­lis­ten leh­nen ei­ne To­le­rie­rung Ra­joys oder auch ei­ne Gro­ße Ko­ali­ti­on ab. „Wir wer­den ge­gen Ra­joy stim­men“, stell­te Vi­ze­par­tei­chef Cé­sar Lue­na klar. So­mit zeich­net sich als wahr­schein­lichs­ter Aus­weg ein Mit­te-Links-Pakt ab. Da­mit es für ei­ne ab­so­lu­te Mehr­heit reicht, müss­ten aber ne­ben den So­zia­lis­ten und Po­de­mos auch noch re­gio­na­le Par­tei­en mit­ma­chen, et­wa aus Ka­ta­lo­ni­en, das sich ab­spal­ten will. Dass die ka­ta­la­ni­schen Un­ab­hän­gig­keits­par­tei­en ent­spre­chen­de Zu­ge­ständ­nis­se aus­han­deln wür­den, ist klar. Soll­ten al­le Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen schei­tern, dann sieht die Ver­fas­sung nur noch ei­nen Aus­weg vor: Neu­wah­len.

FOTO: DPA

Oh­ne Mehr­heit: Spa­ni­ens Re­gie­rungs­chef Ma­ria­no Ra­joy.

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