„Das Ge­fah­ren­mo­ment ist sehr abs­trakt“

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND -

BER­LIN - Der stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de der Ge­werk­schaft der Po­li­zei (GdP), Jörg Ra­dek, hält es für sinn­voll, zu Ein­zel­fall­prü­fun­gen bei Flücht­lin­gen zu­rück­zu­keh­ren. Da sein ein „gu­ter An­satz“, sag­te er im Ge­spräch mit Ras­mus Buch­stei­ner. Bis­lang ge­be es aber kei­ne Be­le­ge da­für, dass IS-Kämp­fer nach Deutsch­land ein­ge­reist sei­en. Po­li­ti­ker for­dern die Rück­kehr zur Ein­zel­fall­prü­fung bei Flücht­lin­gen. Das rich­ti­ge Si­gnal? Ja, das ist ein gu­ter An­satz. Aber die Schlüs­sel­fra­ge bleibt das Per­so­nal. Ein­zel­fall­prü­fun­gen beim Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge sind sehr per­so­nal­in­ten­siv. Jörg Ra­dek, Vi­ze- Vor­sit­zen­der der Ge­werk­schaft der Po­li­zei. Herr Ra­dek, laut EU-Grenz­schutz­agen­tur Fron­tex sind in­zwi­schen Zehnt­tau­sen­de sy­ri­sche Blan­ko­Päs­se in den Hän­den des Is­la­mi­schen Staa­tes. Ist das ein Si­cher­heits­ri­si­ko für Eu­ro­pa? Es liegt der Ver­dacht na­he, dass sich IS-Kämp­fer mit die­sen Päs­sen aus­stat­ten und dann ver­su­chen, über die EU-Au­ßen­gren­ze und die deutsch-ös­ter­rei­chi­sche Gren­ze zu uns zu ge­lan­gen. Aus Er­fah­rung wis­sen wir, dass nur die we­nigs­ten Flücht­lin­ge bei uns mit Päs­sen an­kom­men. Der über­wie­gen­de Teil ver­nich­tet die Do­ku­men­te oder wirft sie weg. Un­se­re Kol­le­gen ha­ben es vor al­lem mit Mi­gran­ten oh­ne Rei­se­do­ku­men­te zu tun. An Deutsch­lands Gren­zen sind in ver­gan­ge­ner Zeit nicht al­le Neu­an­kömm­lin­ge re­gis­triert wor­den. Ist das die ei­gent­li­che Si­cher­heits­lü­cke? Ak­tu­ell kann wie­der re­gis­triert wer­den, weil die Zu­gän­ge deut­lich zu­rück­ge­gan­gen sind. Es gibt ers­te An­zei­chen, dass der Schutz der EU-Au­ßen­gren­ze jetzt bes­ser funk­tio­niert. Seit Mit­te des Jah­res sind an un­se­ren Gren­zen ge­ra­de ein­mal zehn Pro­zent der an­kom­men­den Flücht­lin­ge re­gis­triert wor­den. Es hat mas­siv an Per­so­nal und an der not­wen­di­gen Tech­nik für die Über­tra­gung der Da­ten ge­fehlt. Wir ha­ben des­halb ei­nen Brand­brief an die Kanz­le­rin ge­schrie­ben. Die Bun­des­po­li­zei kann bei gro­ßem Flücht­lings­an­drang nicht da­ge­gen­hal­ten. Wir ha­ben un­se­re Sou­ve­rä­ni­tät mit Blick auf die Gren­zen ein Stück weit auf­ge­ge­ben. Wenn wir nicht mehr wis­sen, wer al­les ein­ge­reist ist, ha­ben wir ein Si­cher­heits­de­fi­zit. Kön­nen Sie aus­schlie­ßen, dass ra­di­ka­li­sier­te IS-Kämp­fer nach Deutsch­land ein­ge­drun­gen sind? Aus­schlie­ßen kann man das nicht. Aber das Ge­fah­ren­mo­ment ist sehr abs­trakt. Wir ha­ben bis­her kei­ne Be­le­ge da­für, dass IS-Kämp­fer bei uns ein­ge­reist sind – mit dem kla­ren Ziel, hier An­schlä­ge zu ver­üben und die öf­fent­li­che Ord­nung zu stö­ren. Das Gros der Flücht­lin­ge hat sich auf den Weg nach Eu­ro­pa ge­macht we­gen die­ser Ter­ro­ris­ten. Nun nut­zen IS-Kämp­fer die Si­tua­ti­on aus, um die Flücht­lin­ge zu dis­kre­di­tie­ren. Das ist ei­ne per­fi­de Stra­te­gie. Deutsch­land hat die Ver­pflich­tung, sei­ne Rechts­ord­nung zu schüt­zen. Das kann nur ge­lin­gen, wenn wir un­er­laub­te Ein­rei­sen un­ter­bin­den. Was ist aus Plan­spie­len der Bun­des­po­li­zei ge­wor­den, die Gren­zen dicht­zu­ma­chen und Flücht­lin­ge ge­ge­be­nen­falls zu­rück­zu­schi­cken? Al­les hängt von der Per­so­nal­stär­ke der Si­cher­heits­be­hör­den ab. Die Bun­des­po­li­zei wird es al­lein nicht stem­men kön­nen. Da­für rei­chen die Kräf­te nicht aus. Die Fra­ge ist, ob es über­haupt sinn­voll wä­re, die Gren­zen zu­zu­ma­chen. Der Flücht­lings­strom wird sich an­de­re We­ge su­chen. Das müs­sen wir bei un­se­ren Über­le­gun­gen im­mer be­rück­sich­ti­gen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.