Af­gha­nis­tan drif­tet ab

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MEINUNG & DIALOG - Von Chris­ti­ne-Fe­li­ce Röhrs, Ka­bul

ie Ta­li­ban hol­ten am Mon­tag zu ei­nem wei­te­ren Schlag aus: Ein Selbst­mord­at­ten­tä­ter zün­de­te ei­nen Spreng­satz in­mit­ten ei­ner Fuß­pa­trouil­le von in­ter­na­tio­na­len und af­gha­ni­schen Po­li­zis­ten und Sol­da­ten. Beim schwers­ten An­schlag auf die Na­to-Mis­si­on Re­so­lu­te Sup­port in die­sem Jahr star­ben sechs in­ter­na­tio­na­le Sol­da­ten.

Er­fol­ge hat­te die af­gha­ni­sche Re­gie­rung 2015 nur we­ni­ge auf­zu­wei­sen. Der wich­tigs­te war, dass der neue Prä­si­dent Aschraf Gha­ni, der seit Sep­tem­ber 2014 im Amt ist, es ge­schafft hat, das Ver­hält­nis mit den Ge­bern zu re­pa­rie­ren. Vor al­lem das mit den Ame­ri­ka­nern, die der vor­he­ri­ge Prä­si­dent Ha­mid Kar­zai gründ­lich ver­är­gert hat­te. Auch dar­auf ist zu­rück­zu­füh­ren, dass die Na­to be- schloss, den Ab­zug aus Af­gha­nis­tan zu stop­pen und 12 000 Sol­da­ten im Land zu las­sen – die Bun­des­wehr in­be­grif­fen.

„Das wird aber nicht da­bei hel­fen, die Ta­li­banan­grif­fe auf den Staat in der Flä­che zu ver­rin­gern“, warnt der Di­rek­tor der Fried­rich-Ebert-Stif­tung in Af­gha­nis­tan, Ale­xey Yu­su­pov. Al­len­falls könn­ten gro­ße Städ­te vor dem Fall be­wahrt wer­den, wenn sie akut be­droht wür­den. Das Kampf­man­dat der Na­to lief En­de 2014 so­wie­so aus. Und von den 12 000 Sol­da­ten, die blei­ben, wird der Lö­wen­an­teil mit der Ver­wal­tung des Ein­sat­zes be­schäf­tigt sein. Deutsch­land wird nächs­tes Jahr 980 Sol­da­ten in Af­gha­nis­tan be­hal­ten, aber nur ein Bruch­teil von ih­nen wird af­gha­ni­sche Streit­kräf­te be­ra­ten.

Gleich­zei­tig hieß es im Herbst aus af­gha­ni­schen Re­gie­rungs­krei­sen, dass 180 der et­wa 400 Be­zir­ke im Land ent­we­der um­kämpft oder un­ter der Herr­schaft der Ta­li­ban sei­en. Die Zahl der zi­vi­len Op­fer hat ei­nen Re­kord­stand er­reicht. Al­lein in der ers­ten Jah­res­hälf­te wur­den nach UNAn­ga­ben 1592 Zi­vi­lis­ten ge­tö­tet, dar­un­ter vie­le Kin­der. All dies ver­stärkt nur den Wil­len vie­ler Af­gha­nen, ihr Land Rich­tung Eu­ro­pa zu ver­las­sen. Vie­le Jun­ge ra­di­ka­li­sie­ren sich Es ver­stärkt auch ih­re Wut auf das Ver­sa­gen der Re­gie­rung. Und da­mit die Ra­di­ka­li­sie­rung von Tei­len der Be­völ­ke­rung. „Vor al­lem un­ter den ge­bil­de­ten, jun­gen Af­gha­nen su­chen vie­le nach Al­ter­na­ti­ven“, sagt der Ex­tre­mis­mus­ex­per­te des Af­gha­nis­tan Ana­lysts Net­work, Bor­han Os­man. Laut UN-An­ga­ben sind 63 Pro­zent der Af­gha­nen un­ter 25 Jah­re alt, dar­un­ter vie­le Stu­den­ten.

Frie­den mit den Is­la­mis­ten ist weit weg. Im Ju­li sah es kurz da­nach aus. Da­mals gab es ein von Pa­kis­tan un­ter­stütz­tes Tref­fen von Ta­li­ban mit der af­gha­ni­schen Re­gie­rung. Aber nur ei­nen Tag vor der zwei­ten ge­plan­ten Zu­sam­men­kunft wur­de von un­be­kann­ter Sei­te die Nach­richt vom To­de des lang­jäh­ri­gen Ta­li­ban­chefs Mul­lah Omar lan­ciert. Des­sen Ab­le­ben hat­ten die Ta­li­ban aus Angst vor in­ter­nen Zer­würf­nis­sen zwei Jah­re lang ge­heim ge­hal­ten. In der Fol­ge brach ein blu­ti­ger Nach­fol­ge­kampf aus, der bis heu­te an­dau­ert. Die Ge­sprä­che bra­chen zu­sam­men.

Af­gha­nis­tan, Pa­kis­tan, Chi­na und die USA woll­ten En­de des Jah­res ei­nen neu­en Ver­such ma­chen. Bald gä­be es wie­der Tref­fen mit den Ta­li­ban, sag­ten sie. Die Ta­li­ban ant­wor­te­ten dar­auf mit gro­ßen An­schlä­gen in Kan­da­har und Ka­bul. (dpa)

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