Ver­schleu­dert und ver­ramscht

An­ti­qui­tä­ten ha­ben an Wert ver­lo­ren – haupt­säch­lich we­gen ei­nes ver­än­der­ten Le­bens­ge­fühls

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIRTSCHAFT - Von Micha­el Bol­len­ba­cher

RA­VENS­BURG - Bil­ly-Re­gal statt Bie­der­mei­er-Schrank, Tel­ler-Set aus Schwe­den statt Por­zel­lan aus Mei­ßen: An­ti­qui­tä­ten im un­te­ren und mitt­le­ren Preis­seg­ment ver­kau­fen sich seit rund 20 Jah­ren zu­neh­mend schlech­ter. Doch wo­her rührt der Preis­ver­fall?

Be­tre­ten Kun­den die Alt­kunst­hand­lung Anton Schlecht in der Ra­vens­bur­ger Alt­stadt, wer­den sie von ei­ner skur­ri­len Er­schei­nung be­grüßt: Ei­ne Art En­gel mit Hirsch­ge­weih hängt von der De­cke her­ab, auf dem gol­de­nen Kör­per ei­ner Meer­jung­frau sitzt ein Män­ner­kopf. „Ein Lüs­ter­männ­chen um 1600“, er­klärt La­den­be­sit­zer Anton Schlecht, ein ge­lern­ter Ju­rist. Der 59-Jäh­ri­ge ist Quer­ein­stei­ger aus Lei­den­schaft, der Schwer­punkt sei­nes seit 2002 be­ste­hen­den Ge­schäfts liegt auf Ma­le­rei und Plas­ti­ken mit star­kem Re­gio­nal­be­zug: Ne­ben Sa­le­mer Bo­den­see­schrän­ken rei­hen sich dicht an dicht Aqua­rel­le und Skulp­tu­ren von Ra­vens­bur­ger Künst­lern wie Ro­bert Schad und Lud­wig Mil­ler, aber auch kit­schi­ger Christ­baum­schmuck. Sein teu­ers­tes Ob­jekt steht im Schau­fens­ter: Ei­ne „An­na Selb­dritt“um 1520, Kos­ten­punkt rund 10 000 Eu­ro.

Die meis­ten An­ti­qui­tä­ten in Schlechts La­den sind im Preis deut­lich ge­sun­ken. „Seit den 1990er-Jah­ren bis ins Be­schä­men­de“, sagt er. Schlecht hat rund zehn fes­te Stamm­kun­den. „Haupt­be­ruf­lich könn­te ich da­von nicht le­ben“, sagt er. Das Pro­blem: Der heu­ti­gen Ge­ne­ra­ti­on feh­le oft die Ver­bin­dung zur An­ti­qui­tät. „Ge­erb­tes wird ei­nem fast nach­ge­schmis­sen.“Min­des­tens 50 Pro­zent sei­nes Be­stands ist Kom­mis­si­ons­wa­re. Die Ge­schmä­cker ha­ben sich ver­scho­ben: Nicht mehr klas­si­sche An­ti­qui­tä­ten, son­dern bei­spiels­wei­se Shab­by-Chic aus „Schö­ner Woh­nen“-Ka­ta­lo­gen sind heu­te an­ge­sagt. Für ei­nen Sa­le­mer Bo­den­see­schrank, er­zählt Anton Schlecht, wur­den frü­her gut 10 000 D-Mark be­rappt, heu­te ver­ramscht er ei­nen für 1500 Eu­ro. Wan­del der Le­bens­ge­wohn­hei­ten schlägt his­to­ri­sche Ge­wich­tig­keit. Viel An­ge­bot, we­nig Nach­fra­ge Ein jahr­zehn­te­lan­ger Ken­ner der Sze­ne ist Frit­h­jof Ham­pel. Der ver­ei­dig­te Kunst­sach­ver­stän­di­ge der IHK ist viel im Han­del und auf Auk­tio­nen un­ter­wegs, be­ob­ach­tet die Preis­ent­wick­lung. Wenn er über An­ti­qui­tä­ten­prei­se re­det, ver­wen­det er Be­grif­fe wie „ka­ta­stro­phal“und „zum Heu­len“. Rund „20 bis 50 Pro­zent“we­ni­ger er­hal­te man für vie­le An­ti­qui­tä­ten im Ver­gleich zur Jahr­tau­send­wen­de. Auch er nennt zu­erst die Er­ben­ge­ne­ra­ti­on, die das vie­le Ver­erb­te los­wer­den möch­te und feil­bie­tet. „Da gilt das al­te Ge­bot von An­ge­bot und Nach­fra­ge: Die Auk­ti- ons­häu­ser sind voll, die Nach­fra­ge ist ge­ring. Im Grun­de ge­nom­men ist es ein Teu­fels­kreis“, sagt Ham­pel.

Der Kunst­markt ächzt un­ter ei­nem Über­an­ge­bot und Spit­zen­tei­le hät­ten sich so rar ge­macht, dass sie kaum noch zu fin­den sind. „Ent­schei­dend für den Preis sind Er­hal­tungs­zu­stand und Her­kunft.“In den Him­mel schie­ßen wür­den die Prei­se bei zeit­ge­nös­si­scher Kunst aus dem 19. Jahr­hun­dert, bei klas­si­scher Mo­der­ne hin­ge­gen sta­gnie­ren sie. „Bei Glä­sern und Por­zel­lan ist es zum Heu­len, bei Ori­ent­tep­pi­chen ei­ne Ka­ta­stro­phe“, sagt Ham­pel. Was frü­her Hun­der­te von Eu­ro wert war, wer­de heu­te teils für ein Zehn­tel ver­schleu­dert. An ei­ne Rück­be­sin­nung auf Bie­der­mei­er oder Ba­rock glaubt Frit­h­jof Ham­pel nicht. „Heu­te de­fi­niert man sich über Au­tos, Wei­ne und Zi­gar­ren.“

Auch das In­ter­net ist voll mit An­ti­qui­tä­ten. Ham­pel nennt das Auk­ti­ons­por­tal „lot-tis­si­mo“– und na­tür­lich E-Bay. „Da muss man höl­lisch vor Fäl­schun­gen auf­pas­sen.“Der Kunst­sach­ver­stän­di­ge ist oft bei Ge­richt, wenn an­ti­ke Mö­bel im In­ter­net ver­stei­gert wer­den und nicht dem Zu­stand ent­spre­chen, wie sie an­ge­bo­ten wur­den. Auch fast je­der Händ­ler ha­be mitt­ler­wei­le ei­nen In­ter­net­auf­tritt. „Ins Ge­schäft ge­hen die Kun­den heu­te kaum noch“, sagt Ham­pel.

Zwei Da­men tre­ten durch die Tü­re der Alt­kunst­hand­lung Schlecht – um Glä­ser mit Gold­rand los­zu­wer­den. „Ich will aus­zie­hen, da kann ich die nicht mehr brau­chen“, sagt die ei­ne. Er auch nicht, ent­geg­net Schlecht, „zu we­nig alt“. Ent­täuscht ver­las­sen bei­de das Ge­schäft. Anton Schlecht lacht. „Die wa­ren ge­ra­de der le­ben­de Be­weis für die La­ge des Mark­tes.“

FOTO: OH

Anton Schlecht in sei­ner Alt­kunst­hand­lung in der Ra­vens­bur­ger Alt­stadt.

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