Ra­vens­burg ist Ro­cker­hoch­burg

Kör­per­ver­let­zun­gen und schlim­me­re Ver­bre­chen prä­gen die Sze­ne

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - OBER­SCHWA­BEN UND DO­NAU - Von An­net­te Vin­cenz

RA­VENS­BURG - Re­bel­li­on, Sehn­sucht nach Ka­me­rad­schaft, Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner Grup­pe, die nicht je­den auf­nimmt – aus die­sen Be­weg­grün­den schlie­ßen sich jun­ge Män­ner Mo­tor­rad­clubs wie den „Hells An­gels“an. Ra­vens­burg ist Ro­cker­hoch­burg. Mit den üb­li­chen Be­gleit­erschei­nun­gen von Kri­mi­na­li­tät und Ban­den­kämp­fen. Bei den Er­mitt­lun­gen im Mi­lieu tut sich die Po­li­zei aber sehr schwer, weil die Mit­glie­der ei­sern schwei­gen, be­vor sie ih­res­glei­chen an­schwär­zen.

28. Ja­nu­ar 2012, kurz nach 6 Uhr mor­gens, in der Ra­vens­bur­ger In­nen­stadt. Es ist Sams­tag, da­her ist noch nie­mand un­ter­wegs. Zum Glück. Ein oh­ren­be­täu­ben­der Knall zer­reißt die mor­gend­li­che Stil­le, Fens­ter­schei­ben bers­ten. Ei­ne Au­to­bom­be ist mit­ten in der ober­schwä­bi­schen Pro­vinz de­to­niert. Sie zer­stört den Mer­ce­des ei­nes Aus­stei­gers der „Black Ja­ckets“. „Hät­te je­mand zum Zeit­punkt der Ex­plo­si­on im Au­to ge­ses­sen, hät­te er das nicht über­lebt“, sagt Sü­ley­man Yil­di­rim, der das Op­fer an­walt­lich ver­tritt. Ein un­be­schrie­be­nes Blatt ist sein Man­dant näm­lich nicht. We­gen ge­mein­schaft­li­cher schwe­rer Kör­per­ver­let­zung und an­de­rer De­lik­te saß der Tür­ste­her selbst schon auf der An­kla­ge­bank.

Ob­wohl es je­de Men­ge Spu­ren gibt, wie An­walt Yil­di­rim sagt, ist der Au­to­bom­ben­an­schlag bis heu­te nicht auf­ge­klärt wor­den. Die Tä­ter könn­ten aus Ro­cker­krei­sen kom­men, aber auch aus der rech­ten Sze­ne. In Fo­ren von Rechts­ra­di­ka­len soll es Hin­wei­se auf die Tat ge­ge­ben ha­ben, sagt Yil­di­rim.

Ei­ni­ge Mo­na­te spä­ter gibt es ei­nen wei­te­ren An­schlag im Ro­cker­mi­lieu, dies­mal in der Nach­bar­stadt Wein­gar­ten. Ein Mit­glied der „Red De­vils“, ei­ner Un­ter­stüt­zer­grup­pe der „Hells An­gels“, schießt aus sei­nem Au­to dem Sek­ti­ons­chef der „Black Ja­ckets“mit ei­ner Leucht­pis­to­le ins Wohn­zim­mer. Aus Frust dar­über, dass der Mitt­zwan­zi­ger, der zu­vor selbst bei den „Black Ja­ckets“war, Aus­tritts­geld in Hö­he von 1000 Eu­ro nicht zu­rück­be­kom­men hat. In der Woh­nung ent­geht die Ehe­frau mit ih­rem ein Jahr al­ten Ba­by dem An­schlag, weil sie gera­de im Schlaf­zim­mer ist. Der Pro­zess ging ver­gan­ge­ne Wo­che am Land­ge­richt Ra­vens­burg über die Büh­ne. Aber auch nach vie­len Ver­neh­mun­gen blie­ben Fra­gen of­fen. Ei­ne Zeu­gin war to­tal ver­ängs­tigt, die An­ge­klag­ten ha­ben nur das Nö­tigs­te zu­ge­ge­ben.

Ein wei­te­rer spek­ta­ku­lä­rer Vor­fall er­eig­net sich bei der Mo­tor­rad­welt 2013 in Fried­richs­ha­fen, als vier Ro­cker ei­ne Fa­mi­lie, die die Mes­se be­sucht, kran­ken­haus­reif schla­gen. Ei­ner der Tä­ter ist ein „Hells An­gel“, der in Ra­vens­burg ei­ne Kn­ei­pe be­treibt, die an­de­ren sind „Red De­vils“. Als Fah­rer fun­giert der Kom­pli­ze im Leucht­pis­to­len­fall.

Ei­nen rechts­ra­di­ka­len Ein­fluss wie in vie­len Städ­ten Ost­deutsch­lands, wo die „Hells An­gels“von NPD-Mit­glie­dern in­fil­triert wer­den, kön­nen An­walt Yil­di­rim und auch der Chef der zu­stän­di­gen Kri­po in Fried­richs­ha­fen, Uwe Stür­mer, in Ober­schwa­ben nicht er­ken­nen. Zwar ist der Kom­pli­ze im Leucht­pis­to­len­fall ein ehe­ma­li­ges NPD-Mit­glied und ver­brei­tet vor Ge­richt auch dem­ent­spre­chend ver­quas­tes Ge­dan­ken­gut, und beim Haupt­tä­ter wur­de bei der Haus­durch­su­chung ei­ne „Reichs­flag­ge“ge­fun­den, die in rechts­ra­di­ka­len Krei­sen be­liebt ist. 70 or­ga­ni­sier­te Ro­cker im Kreis „Nach un­se­ren Er­kennt­nis­sen kann man die 'Red De­vils’ aber ins­ge­samt nicht als rechts­ra­di­kal ein­stu­fen“, sagt Stür­mer. „Hells An­gels“und „Red De­vils“wür­den eher durch Kör­per­ver­let­zun­gen auf­fal­len. Die An­zahl an or­ga­ni­sier­ten Ro­ckern im Ge­biet der Po­li­zei­di­rek­ti­on Kon­stanz schätzt Stür­mer auf 500, im Kreis Ra­vens­burg sei­en es et­wa 70. „Es gibt ak­tu­ell kei­ne ’Black Ja­ckets’ und kei­ne ’Black War­ri­ors’ mehr.“Bei­de sei­en in ei­ner an­de­ren Grup­pie­rung auf­ge­gan­gen, den „Os­ma­nen Ger­ma­nia BC Sou­thend Bo­den­see“. Stür­mer: „Ei­ne neue Grup­pe, die gera­de deutsch­land­weit im Auf­bau ist, die aber vor­gibt, kei­ne ro­cker­ähn­li­che Grup­pie­rung zu sein.“Das Kür­zel „BC“ste­he für Box­club.

An­sons­ten sei­en vor al­lem die „Hells An­gels MC Fron­tier“sehr ak­tiv, die der­zeit ver­such­ten, im Raum Leut­kirch Fuß zu fas­sen. Über­haupt ist die All­gäu­stadt be­liebt bei Ro­ckern.

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