Der Frust der klei­nen Sport­art

Chris­ti­na Schwa­nitz kri­ti­siert bei der Sport­ler-Ga­la die Fern­seh-Ma­cher

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT -

BA­DEN-BA­DEN (SID/dpa/sz) - Mit ih­rer „Rie­sen­klap­pe“und flot­ten Sprü­chen auf der gro­ßen Büh­ne er­ober­te Chris­ti­na Schwa­nitz al­le Her­zen im Sturm. Als die frisch­ge­kür­te Sport­le­rin des Jah­res aber we­nig spä­ter bar­fuß und mit ei­nem Bier in der Hand („Ich mag kein fest­li­chen Schu­he, zu Hau­se lau­fe ich im­mer mit Turn­schu­hen her­um“) in ei­nem Ne­ben­raum des Kur­hau­ses in Ba­denBa­den saß, war das ansteckende La­chen plötz­lich ver­stummt.

Ku­gel­stoß-Welt­meis­te­rin Schwa­nitz schlug in der St­un­de ih­res gro­ßen Tri­um­phes nach­denk­li­che Tö­ne an – und üb­te har­sche Kri­tik an der Macht von „Kö­nig Fuß­ball“. „Leicht­ath­le­tik wird zur Rand­sport­art ge­macht. Und im Fuß­ball wird die vier­te Li­ga zu je­der Ta­ges- und Nacht­zeit im Fern­se­hen ge­zeigt“, klag­te die 29Jäh­ri­ge: „Wie sol­len denn die Leu­te und Kin­der in die Sta­di­en ge­lockt wer­den, wenn es un­se­re Sport­art im TV kaum mehr zu se­hen gibt?“

Schwa­nitz muss sich bei der Pres­se­kon­fe­renz ge­fühlt ha­ben wie Don Qui­jo­te beim aus­sichts­lo­sen Kampf ge­gen die Wind­müh­len. Doch der star­ken Frau aus Dresden war es ein Be­dürf­nis, sich an ei­nem „su­per­gei­len Tag“den Frust von der See­le zu re­den.

Der Eu­ro­pa­meis­te­rin ist auch das Wer­be­ver­bot bei Olym­pi­schen Spie­len ein Dorn im Au­ge. Der Be­kannt­heits­grad lei­de des­halb – ge­ra­de bei „schwer Ver­mit­tel­ba­ren“wie ihr: „Ich pas­se nicht ins Sche­ma F: Ich ha­be ei­ne Rie­sen­klap­pe, bin nicht ge­ra­de schlank und re­la­tiv groß“, sag­te Schwa­nitz. Sie kön­ne ja 20 Ki­lo­gramm ab­neh­men, um in­ter­es­san­ter für die Wer­be­in­dus­trie zu sein, „aber dann wer­de ich kei­ne Welt­meis­te­rin mehr.“Ein Teu­fels­kreis­lauf eben.

Sor­gen um die Zu­kunft Schwa­nitz, die im Som­mer auch auf dem Bi­be­r­a­cher Markt­platz ge­siegt hat­te, macht sich Sor­gen um ih­re Zu­kunft. „Wenn ich auf­hö­re, kann ich nicht mehr auf­recht ge­hen.“Geld zum Zu­rück­le­gen bleibt der­zeit nicht üb­rig, ob­wohl sie „Welt­ni­veau“an­bie­te. „Nach mei­ner Kar­rie­re in­ter­es­siert es dann auch kei­nen mehr, dass ich Welt­meis­te­rin ge­wor­den bin.“ Im­mer­hin muss es ei­ne Wohl­tat für sie ge­we­sen sein, dass der Fuß­ball bei der 69. Wahl zum Sport­ler des Jah­res so gut wie kei­ne Rol­le spiel­te.

Ihr Pen­dant Jan Fro­de­no, der Sport­ler des Jah­res 2015, konn­te die Kla­ge von Schwa­nitz über die De­gra­die­rung vie­ler Sport­ar­ten zu Mau­er­blüm­chen durch Me­di­en und Funk­tio­nä­re nur be­dingt nach­voll­zie­hen. „Im Tri­ath­lon ha­ben wir das Glück, dass wir die Leu­te mit­neh­men kön­nen auf die Rei­se. Iron­man ist der neue Ma­ra­thon“, sag­te Ha­waii-Tri­um­pha­tor Fro­de­no (34), der am Mon­tag schon wie­der die Rei­se in die aus­tra­li­sche Hei­mat zu sei­ner schwan­ge­ren Frau Em­ma an­trat. In Down Un­der war­tet ein exo­ti­sches Weih­nachts­fest auf den Aus­dau­er­Fa­na­ti­ker mit Ru­he­puls 36. „Mit Man­go und Gar­ne­len. Eben ein biss­chen an­ders als sonst“, sag­te „Fro­do“, der die Sie­ger­tro­phäe von Ba­den-Ba­den pro­be­hal­ber schon mal wie ein Ba­by im Arm hielt. Der für Fe­bru­ar ge­plan­te Nach­wuchs soll sich nach dem Wunsch des be­rühm­ten Va­ters aber nicht un­be­dingt im Tri­ath­lon ver­su­chen: „Die Fuß­stap­fen sind zu groß, um sie zu fül­len.“

Wäh­rend für Pe­king-Sie­ger Fro­de­no ei­ne Olympia-Teil­nah­me 2016 kein The­ma ist, fie­bert Schwa­nitz den Spie­len im Au­gust be­reits ent­ge­gen. „Da will ich Rio ein biss­chen un­si­cher ma­chen“, kün­dig­te der Lieb­ling des Abends an. Ihr gold­far­be­nes Pail­let­ten­kleid durf­te dies­be­züg­lich als Bot­schaft ver­stan­den wer­den.

Den Ti­tel des Im­pro­vi­sa­ti­ons­Welt­meis­ters hat­te sich am Sonn­tag­abend das Or­ga­ni­sa­ti­ons­team der Ga­la ver­dient. „Wir muss­ten vier Mann­schaf­ten ein­flie­gen las­sen, weil sie al­le noch am Nach­mit­tag Wett­kämp­fe hat­ten“, sag­te Ver­an­stal­ter Klaus Dob­bratz. Das Team des Jah­res, die Nor­di­schen Kom­bi­nie­rer um Jo­han­nes Rydzek, kam in letz­ter Se­kun­de per Pri­vat­jet aus Ös­ter­reich.

FOTO: AFP

Ein Schlück­chen in Eh­ren lässt sich ei­ne „ Sport­le­rin des Jah­res“von nie­man­dem ver­weh­ren: Ku­gel­stoß- Welt­meis­te­rin Chris­ti­na Schwa­nitz hat­te in Ba­den- Ba­den Durst.

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