„Ei­ner der gro­ßen Kul­tur­po­li­ti­ker der Nach­kriegs­ge­schich­te“

Ei­ne Er­in­ne­rungs­bro­schü­re wür­digt den vor ei­nem Jahr ver­stor­be­nen Alois Graf von Wald­burg-Zeil

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Klaus Nach­baur

s ist un­ge­wöhn­lich, wenn der ers­te To­des­tag ei­nes Po­li­ti­kers An­lass ei­ner Er­in­ne­rungs­bro­schü­re ist. Noch un­ge­wöhn­li­cher ist es, wenn po­li­ti­sche Weg­ge­fähr­ten al­ler da­mals im Bun­des­tag ver­tre­te­nen Par­tei­en auf­schrei­ben, wes­halb sie das An­den­ken des Kol­le­gen in Eh­ren hal­ten. Alois Graf von Wald­burg-Zeil, der lang­jäh­ri­ge Ab­ge­ord­ne­te (1980 bis 1998) des Bun­des­tags­wahl­krei­ses Bi­be­rach, war ganz of­fen­sicht­lich ein über die Par­tei­gren­zen hin­weg hoch­ge­ach­te­ter Mann. Und er war ein Po­li­ti­ker, der kla­re Vor­stel­lun­gen von ei­ner bes­se­ren Welt hat­te. Der so­wie­so ab­ge­nutz­te Be­griff Vi­sio­när passt nicht auf ihn, weil sei­ne Ide­en und Vor­schlä­ge sehr kon­kret wa­ren. Das galt für sein Spe­zi­al­ge­biet, die aus­wär­ti­ge Kul­tur­po­li­tik, die Graf Alois im­mer eng ver­zahnt hat mit Ent­wick­lungs- und Men­schen­rechts­po­li­tik. Die Men­schen in Afri­ka la­gen ihm be­son­ders am Her­zen. Das blieb auch so, als er von 1998 bis 2006 als Prä­si­dent dem In­sti­tut für Aus­lands­be­zie­hun­gen (ifa) vor­stand und die­ses – sa­lopp for­mu­liert – wie­der auf Vor­der­mann brach­te. Der lang­jäh­ri­ge Ge­ne­ral­se­kre­tär des ifa, Kurt-Jür­gen Maaß, hat nun die vor­lie­gen­de Denk­schrift für den im De­zem­ber 2014 ver­stor­be­nen Po­li­ti­ker in­iti­iert.

Uschi Eid, die Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin, teil­te des Gra­fen In­ter­es­se für Afri­ka. Sie er­in­nert sich in ih­rem Bei­trag an ei­ne Sze­ne Mit­te der 1980er-Jah­re. Ei­ne Wort­mel­dung von ihr im Aus­schuss für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung hat­te hef­ti­ge Re­ak­tio­nen der CDU pro­vo­ziert – wie es da­mals zu den Ge­pflo­gen­hei­ten des Um­gangs zwi­schen Grü­nen und Schwar­zen ge­hör­te. Da mel­de­te sich ein ihr bis da­to un­be­kann­ter Herr von der CDU und for­der­te sei­ne Frak­ti­ons­kol­le­gen mit zu­rück­hal­ten­der, aber be­stimm­ter Stim­me auf, den „zu be­den­ken­den Ar­gu­men­ten“ernst­haft zu­zu­hö­ren. „Das war neu, und nicht nur ich muss­te dar­an­ge­hen, Vor­ur­tei­le ab­zu­bau­en“, schreibt sie. Und Uschi Eid spricht noch ei­ne Ei­gen­schaft des Kol­le­gen an, die in al­len Bei­trä­gen durch­scheint: „Wenn er nicht Graf von Wald­burg-Zeil und Trauch­burg ge­hei­ßen hät­te, wür­de mir im­mer die Ei­gen­schaft ,be­schei­den' ein­fal­len.“ Ein Mann des Kon­kre­ten No­bel, ge­bil­det, klug, be­schei­den: So schil­dern die Weg­ge­fähr­ten Uschi Eid (Grüne), Claus-Pe­ter Grotz (CDU), Karl-Hans La­er­mann (FDP), El­ke Le­on­hard (SPD) und Gert Weiss­kir­chen (SPD) die­sen tat­kräf­ti­gen Men­schen und Po­li­ti­ker. Le­on­hard schließt ih­re Wür­di­gung mit dem Satz: „Alois Graf von Wald­bur­gZeil war und bleibt für mich ei­ner der gro­ßen Kul­tur­po­li­ti­ker der Nach­kriegs­ge­schich­te un­se­rer Re­pu­blik.“

Ne­ben die­sen sehr per­sön­li­chen Er­in­ne­run­gen ent­hält die Bro­schü­re Bun­des­tags­re­den von Alois Graf von Wald­burg-Zeil so­wie Auf­sät­ze und Re­de­bei­trä­ge, die er als Prä­si­dent des ifa ver­fasst hat. Und auch da wird noch ein­mal deut­lich: Er war kein Mann des abs­trakt-sal­bungs­vol­len Wor­tes, son­dern der kon­kre­ten Analyse und der kon­kre­ten Zie­le. Bei­spiel: Die Bil­dungs­ar­beit war für ihn der wich­tigs­te Pfei­ler je­der Ent­wick- lungs­po­li­tik. In ei­nem Bei­trag für das In­ter­na­tio­na­le Afri­ka­fo­rum be­schäf­tig­te sich Graf Alois mit „Ra­di­o­schu­len als Wie­der­auf­bau- und Be­frie­dungs­hil­fe in Afri­ka“. Ein ent­spre­chen­des Mo­dell­pro­jekt in Latein- ame­ri­ka un­ter Lei­tung des Je­sui­ten­pa­ters Franz Graf Tat­ten­bach hat­te ihn fas­zi­niert. Oder: Der Dia­log mit dem Is­lam hat ihn sehr be­schäf­tigt. In ei­nem Auf­satz aus dem Jahr 2002 fin­den sich fol­gen­de be­mer­kens­wert ak­tu­el­le Sät­ze: „Der in Kon­flik­ten wie Gift wir­ken­de kul­tu­rel­le Un­ter­schied ist zu­gleich ei­ne Wohl­be­fin­den spen­den­de Ge­nuss­dro­ge, auf die ih­re Kon­su­men­ten nicht ver­zich­ten wol­len oder gar kön­nen. Sie er­füllt ih­re Funk­ti­on eben nicht nur für Kriegs­trei­ber und De­s­po­ten, son­dern auch für die In­di­vi­du­en ei­ner Ge­sell­schaft, die in ihr Halt su­chen.“

Von ge­ra­de­zu ver­blüf­fen­der Ak­tua­li­tät ist die letz­te Re­de des Gra­fen 1998 im Bun­des­tag: „Na­tür­lich hat Ent­wick­lungs­po­li­tik auch Kom­po­nen­ten ei­gen­staat­li­chen In­ter­es­ses ... Die Grund­la­ge aber ist ei­ne Auf­fas­sung von der Wür­de des Men­schen, die nicht nur je­dem Deut­schen, nicht nur je­dem Eu­ro­pä­er, son­dern je­dem Men­schen zu­steht, der Men­schen­ant­litz trägt.“

FOTO: VE­RA STIL­LER

Alois Graf von Wald­burg- Zeil zu­sam­men mit sei­ner Frau, Grä­fin Cla­ris­sa, kurz vor sei­nem 80. Ge­burts­tag im Jahr 2013.

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