Mit Na­zi-Tat­too ins Spaß­bad

27-Jäh­ri­ger zeigt of­fen sei­ne rech­te Ge­sin­nung – Be­wäh­rungs­stra­fe we­gen Volks­ver­het­zung

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Alex­an­der Rie­del und Ge­org-Ste­fan Rus­sew

BER­LIN/ORA­NI­EN­BURG (dpa) - An­grif­fe auf Flücht­lings­un­ter­künf­te, Hass-Kom­men­ta­re, De­mos: Rech­te tre­ten ver­stärkt in Er­schei­nung. Selbst in der Frei­zeit zei­gen sie in­zwi­schen of­fe­ner ih­re Na­zi-Tat­toos, wie ein ak­tu­el­ler Fall zeigt.

Ein Mann stellt in ei­nem Spaß­bad ein Tat­too ei­nes Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers zur Schau. Zu­nächst scheint sich nie­mand dar­an zu stö­ren. Der Ba­de­meis­ter wird dar­auf an­ge­spro­chen und un­ter­nimmt eben­falls nichts. So schil­dert es ein Jour­na­list, der das Tat­too schließ­lich fo­to­gra­fiert und ins Netz stellt mit dem Kom­men­tar: „Sol­che Ty­pen lau­fen un­be­hel­ligt im Schwimm­bad in Ora­ni­en­burg rum.“Nun wur­de Mar­cel Z., der Trä­ger des Tat­toos, we­gen Volks­ver­het­zung zu ei­ner Be­wäh­rungs­stra­fe von sechs Mo­na­ten ver­ur­teilt. Rich­te­rin Bar­ba­ra Spei­del-Mier­ke be­grün­de­te die Be­wäh­rung für den NPD-Kom­mu­nal­po­li­ti­ker da­mit, dass er we­gen ähn­li­cher po­li­ti­scher De­lik­te noch nicht auf­ge­fal­len sei. Ver­tei­di­ger for­dert Frei­spruch „Der Tä­to­wie­rer ist beim Ste­chen nicht et­wa ab­ge­rutscht, son­dern der An­ge­klag­te wuss­te, was er sich da ma­chen ließ“, be­ton­te Staats­an­walt Torsten Lo­witsch. Der 27-Jäh­ri­ge han­del­te aus Sicht der An­kla­ge aus „tie­fer po­li­ti­scher Über­zeu­gung“. Er ha­be mit der Zur­schau­stel­lung sei­nes Tat­toos das An­den­ken an die Er­mor­de­ten in Au­schwitz-Bir­ken­au ver­un­glimpft. Da­ge­gen be­stand die Ver­tei­di­gung auf Frei­spruch. Sein Man­dant sei seit sei­nem Schwimm­bad-Be­such ei­nem „enor­men Shits­torm“aus­ge­setzt, ar­gu­men­tier­te des­sen An­walt Wolfram Nah­rath. Das sei schon Stra­fe ge­nug. „Wenn mein Man­dant ge­wusst hät­te, wel- cher me­dia­le Druck durch das Tat­too aus­ge­löst wird, hät­te er ein T-Shirt ge­tra­gen.“

Der 27-Jäh­ri­ge, we­gen Kör­per­ver­let­zung vor­be­straf­ter Kreis­tags­ab­ge­ord­ne­ter der rechts­ex­tre­men NPD, hat auf dem Rü­cken die Um­ris­se des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Au­schwit­zBir­ken­au und den Spruch „Je­dem das Sei­ne“tä­to­wiert. Der Spruch stand am Haupt­tor des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Bu­chen­wald. Auf dem Bauch des Man­nes prangt nach An­ga­ben des Jour­na­lis­ten ein Reich­sad­ler – mit dem Bauch­na­bel dort, wo ei­gent­lich das Ha­ken­kreuz wä­re.

Aus­ge­rech­net Ora­ni­en­burg bei Ber­lin: Das Schwimm­bad in der Stadt in Bran­den­burg fin­det sich qua­si auf hal­bem Weg zwi­schen den Stand­or­ten der frü­he­ren Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Sach­sen­hau­sen und Ora­ni­en­burg. Dass hier ein lo­ka­ler NPD-Po­li­ti­ker sei­nen ein­schlä­gig tä­to­wier­ten Kör­per der­art zur Schau stellt, wirft Fra­gen auf. Zeugt es auch von ei­nem neu­en Selbst­be­wusst­sein rech­ten Sze­ne?

Für Bernd Wa­gner von der Na­ziAus­stei­ger-Initia­ti­ve Exit Deutsch­land ist das Zei­gen sol­cher Tat­toos im Schwimm­bad ein „ziem­lich kras­ser Fall“. „Das zeigt, dass der Trä­ger sehr von sich über­zeugt ist und die Gunst der St­un­de für sich ge­ge­ben auf­ge­fasst ha­ben dürf­te.“Vie­le Men­schen sor­gen sich der­zeit vor ei­nem Er­star­ken der rech­ten Sze­ne, das sich et­wa in zu­neh­men­der Ge­walt ge­gen Flücht­lin­ge äu­ßert.

in der Tat­too an sich nicht straf­bar Ein Na­zi-Tat­too an sich ist nach Ein­schät­zung von Ju­ris­ten nicht straf­bar, es zu zei­gen aber schon. Da­her kön­ne auch der Tä­to­wie­rer nicht oh­ne Wei­te­res für sein Werk be­langt wer­den, meint Mar­tin He­ger, Straf­rechts­pro­fes­sor an der Hum­bold­tU­ni­ver­si­tät Ber­lin. Im ak­tu­el­len Fall han­de­le es sich zu­dem nicht ein­mal um das Ver­wen­den ver­fas­sungs­feind­li­cher Sym­bo­le wie des Ha­ken­kreu­zes.

Die Staats­an­walt­schaft Neu­rup­pin hat­te ein schnel­les und wehr­haf­tes Zei­chen set­zen wol­len und nach dem Vor­fall vom 21. No­vem­ber ein be­schleu­nig­tes Ver­fah­ren be­an­tragt. Da­durch war be­reits im Vor­feld das mög­li­che Höchst­maß der Stra­fe von fünf Jah­ren auf ein Jahr re­du­ziert.

Nach dem Rich­ter­spruch wur­den so­gleich Zwei­fel an des­sen Sym­bol­kraft laut. „Die­ses Ur­teil muss als mü­des Zei­chen ei­nes all­zu gleich­gül­ti­gen Rechts­staa­tes ge­gen­über sei­nen Fein­den be­wer­tet wer­den“, kom­men­tier­te Chris­toph Heub­ner, Exe­ku­tiv-Vi­ze­prä­si­dent des In­ter­na­tio­na­len Au­schwitz Ko­mi­tees, das Straf­maß. An­kla­ge und Ver­tei­di­gung wol­len prü­fen, ob sie Rechts­mit­tel ein­le­gen.

FOTO: DPA

So prä­sen­tier­te sich Mar­cel Z. En­de No­vem­ber in ei­nem Schwimm­bad in Ora­ni­en­burg. Auf sei­nem Rü­cken hat er ein Tat­too mit dem Schrift­zug „ Je­dem das Sei­ne“samt den Um­ris­sen ei­nes Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers.

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