Eu­ro­pa schaut er­schro­cken auf Po­len

Die Re­gie­rungs­par­tei PiS will das EU-Land ra­di­kal um­bau­en

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Micha­el Heit­mann

WARSCHAU (dpa) - In vie­len pol­ni­schen Fa­mi­li­en bricht kurz vor Weih­nach­ten Stress aus. Auch im Par­la­ment, dem Se­jm, ist es noch ein­mal hek­tisch ge­wor­den: Die Ab­ge­ord­ne­ten der seit Kur­zem re­gie­ren­den Par­tei Recht und Ge­rech­tig­keit (PiS) wol­len in Win­des­ei­le ein Ge­setz durch das Un­ter­haus brin­gen, das – so Kri­ti­ker – das Ver­fas­sungs­ge­richt lahm­le­gen, wenn nicht ent­mach­ten wür­de. Vie­le Bür­ger sind alar­miert: Wird die na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ve PiS „Po­len um­bau­en“, wie es der Vor­sit­zen­de Ja­roslaw Kac­zyn­ski for­dert?

Es geht nicht nur um neue Re­geln für das höchs­te Ge­richt, wie die For­de­rung nach Zwei­drit­tel­mehr­hei­ten. In­fra­ge steht auch der Re­spekt vor dem Tri­bu­nal, das in ei­ne Pro­vinz­stadt ver­legt wer­den soll. EuGHRich­ter Marek Saf­jan sag­te zu dem The­ma im Sen­der TVP Info: „Wenn Po­li­ti­ker Ent­schei­dun­gen des Ver­fas­sungs­ge­richts un­glaub­wür­dig und falsch nen­nen, dann wür­de das in je­dem Land Eu­ro­pas als Ver­such ge­wer­tet, Druck auf das un­ab­hän­gi­ge Ge­richt aus­zu­üben.“ Schnel­ler Pro­test Für zu­sätz­li­che Ent­rüs­tung sorgt die Be­set­zung von zahl­rei­chen Pos­ten in Be­hör­den, Staats­fir­men, ja so­gar im Mi­li­tär, mit Re­gie­rungs­treu­en. Zwei Wo­che­n­en­den in Fol­ge sind Zehn­tau­sen­de auf die Stra­ße ge­gan­gen, um für die Ein­hal­tung rechts­staat­li­cher Prin­zi­pi­en zu de­mons­trie­ren. „Es ist be­mer­kens­wert, dass sich hier in­ner­halb sehr kur­zer Zeit ein mas­si­ver ge­sell­schaft­li­cher Pro­test for­miert hat“, sagt Chris­ti­an Schmitz, der Lei­ter der Kon­rad-Ade­nau­erStif­tung in Warschau.

Doch was be­deu­tet der Rechts­ruck an der Spit­ze für die Po­si­ti­on Po­lens in Eu­ro­pa? Sub­stan­zi­ell erst ein­mal we­nig, meint zu­min­dest Schmitz. Der PiS-Par­tei­vor­sit­zen­de Ja­roslaw Kac­zyn­ski, der im Hin­ter­grund die Fä­den zie­he, sei an Eu­ro­pa­po­li­tik nicht so sehr in­ter­es­siert. „Was den um­treibt, ist die In­nen­po­li­tik“, sagt Schmitz. Die Re­gie­rung wis­se, was sie an den EU-Gel­dern ha­be, und auch si­cher­heits­po­li­tisch wol­le sich das Land nicht iso­lie­ren.

Nicht zu­letzt ha­be sich über die Jah­re ein en­ges Be­zie­hungs­ge­flecht zum deut­schen Nach­barn ent­wi­ckelt. Das wer­de die neue Re­gie­rung si­cher nicht al­les auf Spiel set­zen. Der­weil wird der Ton des der­zei­ti­gen EU- Rats­vor­sit­zen­den Lu­xem­burg ge­gen­über der pol­ni­schen Re­gie­rung schär­fer. Au­ßen­mi­nis­ter Je­an As­sel­born nann­te den Rechts­ruck An­fang der Wo­che „furcht­er­re­gend“, zog Par­al­le­len zu so­wje­ti­schen Me­tho­den und droh­te of­fen mit ei­nem Stimm­rechts­ent­zug auf EU-Ebe­ne.

Po­len-Ex­per­te Schmitz hält das für we­nig hilf­reich. „Ich hal­te jeg­li­che Art von Dro­hung zum jet­zi­gen Zeit­punkt eher für das fal­sche Si­gnal. Denn das führt bei der Ge­folg­schaft der PiS-Re­gie­rung zu ei­ner So­li­da­ri- sie­rung“, mahnt er. Die Be­fürch­tung lässt sich so um­schrei­ben: Ei­ne Wir­ge­gen-sie-Men­ta­li­tät könn­te der PiS noch mehr An­hän­ger zu­spie­len. An­de­re Au­ßen­po­li­tik Kaum merk­lich schei­nen sich die au­ßen­po­li­ti­schen Prio­ri­tä­ten in Warschau zu ver­schie­ben. Zwar hat Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Bea­ta Szydlo nach ei­nem kri­ti­schen Be­richt des „Spie­gel“be­tont, dass nach ei­nem Ter­min für ih­ren An­tritts­be­such in Ber­lin im nächs­ten Jahr ge­sucht wer­de. Doch sie be­eilt sich auch nicht sehr. Der­weil spricht sich der „Strip­pen­zie­her“Kac­zyn­ski für ei­ne stär­ke­re Zu­sam­men­ar­beit in der en­ge­ren mit­tel­ost­eu­ro­päi­schen Nach­bar­schaft aus. Bei den Re­gie­run­gen in Un­garn, der Slo­wa­kei und Tsche­chi­en hat­te das „gro­ße Po­len“lan­ge als un­zu­ver­läs­si­ger Part­ner ge­gol­ten, der im Zwei­fel zum „Wei­ma­rer Drei­eck“mit Frank­reich und Deutsch­land hielt.

Wie stark Po­len in sich ge­spal­ten ist, zeig­te sich er­neut am Di­ens­tag. In ei­ner Fei­er­stun­de ge­dach­ten die Ab­ge­ord­ne­ten in Warschau der Ve­rei­di­gung des PiS-Grün­ders Lech Kac­zyn­ski als Prä­si­dent vor zehn Jah­ren. Er war 2010 beim Flug­zeug­ab­sturz von Smo­lensk ums Le­ben ge­kom­men. Die li­be­ra­le Bür­ger­platt­form (PO) schlug vor, auch an die Ve­rei­di­gung des ers­ten frei ge­wähl­ten Staats­prä­si­den­ten, Lech Wa­le­sa, vor 25 Jah­ren zu er­in­nern. Die Ant­wort der PiS kam prompt: „Le­ben­den baut man kei­ne Denk­mä­ler.“

FOTO: DPA

In der west­pol­ni­schen Stadt Po­sen de­mons­trier­ten am Sams­tag zahl­rei­che Bür­ger ge­gen die PiS.

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