„Drei­ein­halb Pro­zent sind ver­tret­bar“

Wirt­schafts­ex­per­te Pe­ter Bo­fin­ger spricht sich für kräf­ti­ge Lohn­stei­ge­run­gen 2016 aus

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIRTSCHAFT -

BER­LIN - Wirt­schafts­ex­per­ten ra­ten zu deut­lich hö­he­ren Lohn­stei­ge­run­gen. Sie ar­gu­men­tie­ren, dass stei­gen­de Löh­ne die deut­sche Wirt­schaft be­son­ders gut an­kur­beln. Ver­ein­facht ge­sagt: Wenn Ar­beit­neh­mer mehr Geld ver­die­nen, kön­nen sie auch mehr aus­ge­ben. Ben­no Müch­ler sprach dar­über mit Pe­ter Bo­fin­ger, Mit­glied im Sach­ver­stän­di­gen­rat zur Be­gut­ach­tung der ge­samt­wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung. Wird 2016 ein Jahr der Lohn­mä­ßi­gung oder sind er­neut kräf­ti­ge Lohn­stei­ge­run­gen für die Be­schäf­tig­ten in Deutsch­land mög­lich? Pro­gno­sen ge­hen von 2,5 Pro­zent Lohn­zu­wachs aus. Ich hal­te aber auch bis zu drei­ein­halb Pro­zent für ver­tret­bar. Ein Pro­zent­punkt wä­re für die Pro­duk­ti­vi­tät, zwei Pro­zent­punk­te für die In­fla­ti­ons­ra­te, die sich am Ziel­wert der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank von knapp zwei Pro­zent ori­en­tie­ren soll­te. Ein hal­ber Punkt wä­re der Bei­trag zu ei­ner sym­me­tri­sche­ren An­pas­sung der Löh­ne im Eu­ro­raum, da in den an­de­ren Mit­glieds­län­dern we­gen der ho­hen Ar­beits­lo­sig­keit mit nur ge­rin­gen Lohn­er­hö­hun­gen zu rech­nen ist. Die Er­fah­rung der ver­gan­ge­nen Jah­re zeigt: Or­dent­li­che Lohn­stei­ge­run­gen füh­ren zu gu­tem Wachs­tum. Die In­fla­ti­ons­ra­te im Eu­ro­raum wür­de sich so der Zwei-Pro­zent-Ziel­in­fla­ti­ons­ra­te der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank an­nä­hern. EZB-Chef Ma­rio Draghi könn­te ei­ne we­ni­ger ex­pan­si­ve Geld­po­li­tik fah­ren. Dann gä­be es für die Spa­rer auch wie­der hö­he­re Zin­sen. Der Ar­beit­ge­ber­ver­band Ge­samt­me­tall will die Löh­ne für die 3,8 Mil­lio­nen Be­schäf­tig­ten in der kom­men­den Ta­rif­run­de nicht wei­ter er­hö­hen. Sind die Ri­si­ken der Un­ter­neh­men wie beim Öl­preis und Ex­port­ge­schäft nicht ernst zu neh­men? Die Un­ter­neh­mens­ge­win­ne sind durch den nied­ri­gen Eu­ro­kurs un­glaub­lich be­güns­tigt wor­den. Sie sind auch stär­ker ge­stie­gen als die Ar­beits­ein­kom­men. Da­mit ist auch im kom­men­den Jahr zu rech­nen. Da­her gibt es für mich über­haupt kei­nen Grund, war­um die Ar­beit­neh­mer auf Lohn­er­hö­hun­gen ver­zich­ten soll­ten. Ob die Öl­prei­se nied­rig blei­ben, ist ein Un­si­cher­heits­fak­tor. Wo­durch kann die deut­sche Kon­junk­tur auf ih­rem ak­tu­ell star­ken Ni­veau ge­hal­ten wer­den? Der Schwach­punkt in Deutsch­land sind die In­ves­ti­tio­nen der Un­ter­neh­men. Nach wie vor blei­ben vie­le Un- ter­neh­men da­bei zu zu­rück­hal­tend. Po­li­tisch könn­te man ei­ni­ges be­we­gen, wenn man den Un­ter­neh­men hö­he­re Ab­schrei­bungs­mög­lich­kei­ten ein­räumt, ins­be­son­de­re bei der Ener­gie­ef­fi­zi­enz und im Woh­nungs­bau. Das ist auch an­ge­sichts des ge­gen­wär­ti­gen Nied­rig­zins­um­felds mach­bar. Durch die ak­tu­ell nied­ri­gen Zin­sen kos­ten Ab­schrei­bun­gen den Staat ei­gent­lich gar nichts. Ab­schrei­bun­gen be­deu­ten ja nicht, dass der Staat kei­ne Steu­ern be­kommt, son­dern erst in fünf oder zehn Jah­ren. Bei Zin­sen von 0,5 Pro­zent auf zehn Jah­re sind Zins­kos­ten für den Staat fast egal, wäh­rend Ab­schrei­bun­gen für Un­ter­neh­men er­heb­li­che Er­leich­te­run­gen dar­stel­len. Aber auch der Staat selbst könn­te die nied­ri­gen Zin­sen nut­zen, um sei­ne In­ves­ti­tio­nen in die In­fra­struk­tur aus­zu­wei­ten. Wir le­ben hier seit Jah­ren von der Sub­stanz. Ein Jahr Min­dest­lohn – die ge­werk­schafts­na­he Hans-Böck­ler-Stif­tung sieht kei­ne ne­ga­ti­ven Aus­wir­kun­gen auf den deut­schen Ar­beits­markt. Im Ge­gen­teil: 688 000 neue so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Stel­len sei­en ent­stan­den. Tei­len Sie das po­si­ti­ve Ur­teil? Ab­so­lut. Man kann da ja noch wei­ter ge­hen. Die Sta­tis­tik zeigt, dass da­bei die Be­schäf­ti­gung in den klas­si­schen Nied­rig­lohn­bran­chen wie dem Ein­zel­han­del, der Gas­tro­no­mie und dem Ho­tel­ge­wer­be be­son­ders stark ge­wach­sen. Ent­ge­gen al­ler Hor­ror­sze­na­ri­en se­he ich den Min­dest­lohn als ab­so­lu­te Er­folgs­ge­schich­te. War­um for­dern Sie, den Min­dest­lohn bei Flücht­lin­gen aus­zu­set­zen? Das hat der Sach­ver­stän­di­gen­rat nicht ge­sagt. Es geht nicht dar­um, Flücht­lin­ge vom Min­dest­lohn aus­zu­schlie­ßen, son­dern Flücht­lin­ge beim Ein­tritt in den Ar­beits­markt wie Lang­zeit­ar­beits­lo­se zu be­han­deln. Das be­deu­tet, sie ein hal­bes Jahr lang un­ter dem Min­dest­lohn be­schäf­ti­gen zu kön­nen. Die Idee da­hin­ter ist, dass es so ein­fa­cher sein wird, Flücht­lin­ge, de­nen Qua­li­fi­ka­tio­nen feh­len oder die lan­ge nicht ge­ar­bei­tet ha­ben, an Un­ter­neh­men her­an­zu­füh­ren und zu be­schäf­ti­gen. Nach ei­nem hal­ben Jahr gel­ten für sie aber die glei­chen Be­din­gun­gen wie für al­le an­de­ren Be­schäf­tig­ten. Was er­war­ten Sie bei den Ar­beits­lo­sen­zah­len 2016? Wer­den sie un­ter der 2,9-Mil­lio­nen-Mar­ke blei­ben? Wir ge­hen bei un­se­rer Pro­gno­se da­von aus, dass dies mög­lich sein wird.

FOTO: DPA

Pe­ter Bo­fin­ger sieht kei­nen Grund, war­um die Ar­beit­neh­mer 2016 auf Lohn­er­hö­hun­gen ver­zich­ten soll­ten.

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