Iro­nisch, ero­tisch, vir­tu­os

Neu­er Bal­lett­abend: „Rest­less“am Opern­haus Zü­rich

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Katharina von Gla­sen­app

ZÜ­RICH - „Rest­less“im Sin­ne von un­ru­hig, rast­los oder auf­ge­regt ist viel­leicht nicht nur zur Vor­weih­nachts­zeit ein Phä­no­men un­se­rer Zeit und Ge­sell­schaft. „Rest­less legs“, zu­cken­de Bei­ne al­so, kön­nen für die Be­trof­fe­nen sehr quä­lend sein, wenn sie die Nacht­ru­he emp­find­lich stö­ren. Die Tän­ze­rin­nen und Tän­zer des Bal­letts Zü­rich aber fin­den in ih­rem neu­en vier­tei­li­gen Bal­lett­abend mit drei Wie­der­auf­nah­men und ei­ner Urauf­füh­rung neue Aspek­te der rast­lo­sen Be­we­gung – mit Tem­po, Witz, Pan­to­mi­me und durch­aus Mo­men­ten voll Poe­sie und An­mut. Da­bei prä­sen­tiert sich das En­sem­ble von Bal­lett­chef Chris­ti­an Spuck höchst wand­lungs­fä­hig und vir­tu­os.

Ein Klas­si­ker, wenn auch auf Grund sei­ner Schwie­rig­keit re­la­tiv sel­ten ge­tanzt, ist Wil­li­am For­sy­thes „New Sleep“, 1987 für das San Fran­cis­co Bal­let ge­schaf­fen. Mit sei­nen skur­ri­len Ty­pen, der ei­gens da­für von Thom Wil­lems kom­po­nier­ten Mu­sik, der prä­zi­sen Licht­ge­stal­tung, die eben­falls in den Hän­den des ame­ri­ka­ni­schen Cho­reo­gra­phen lag, und den wit­zi­gen Zau­ber­tricks er­zählt For­sy­the Ge­schich­ten, die je­der und je­de im Pu­bli­kum un­ter­schied­lich deu­ten wer­den. Ei­ne grüne Topf­pflan­ze, ei­ne fle­xi­ble Mess­lat­te, schwar­ze Tü­cher und ein Dok­tor­hut schei­nen ih­re Ei­gen­dy­na­mik zu ent­wi­ckeln, schwarz­wei­ße Ku­geln rol­len über die Büh­ne und in der manch­mal über­zo­gen stak­sen­den Be­we­gung wird das Pan­to­mi­mi­sche noch­mals ver­stärkt.

Zur quir­li­gen Mu­sik von Gioac­chi­no Ros­si­nis Ou­ver­tü­re „La gaz­za la­dra“(Die die­bi­sche Els­ter) ha­ben die Cho­reo­gra­phen Sol León und Paul Light­foot im Jahr 1996 ein iro­nisch wir­ken­des Bal­lett für ei­ne Tän­ze­rin und drei Tän­zer des Ne­der­lands Dans Thea­ters ge­schaf­fen: „Skew-whiff“(„wind­schief“) ist der rät­sel­haf­te Ti­tel für ei­nen kraft­voll kör­per­haf­ten Tanz, in dem die drei im Ty­pus so in­di­vi­du­el­len Män­ner um die Frau wer­ben. Katja Wün­sche lässt sich auf das Spiel mit den drei Män­nern (Mat­t­hew Knight, Da­ni­el Mul­li­gan und Su­ri­mu Fu­ku­shi) zum ste­ti­gen Cre­scen­do der Ros­si­ni-Mu­sik ein. Im Mus­kel­spiel der weiß an­ge­mal­ten Kör­per fas­zi­nie­ren größ­te Prä­zi­si­on und Sprung­ge­walt und so­gar die Ap­plaus­fol­ge passt zum ero­tisch-iro­ni­schen Mit­ein­an­der. Schwe­re­lo­ser Tanz „Aria“hat­te der Tän­zer und Cho­reo­graf Dou­glas Lee 2012 für die Stutt­gar­ter Ab­schieds­ga­la von Chris­ti­an Spuck vor des­sen Wech­sel nach Zü­rich ge­schaf­fen: ein ein­dring­li­ches Duo ei­nes eng auf­ein­an­der be­zo­ge­nen Tanz­paars in pe­trolfar­be­nen Ko­s­tü­men. Die­se Far­be, der Büh­nen­ne­bel, der sich ge­gen En­de ver­zo­gen hat, das un­wirk­li­che Ge­gen­licht und na­tür­lich die ste­te Be­we­gung der in­ein­an­der ver­schlun­ge­nen Kör­per zeich­nen zur neu­en Mu­sik im al­ten Stil ein Bild un­end­li­chen Flie­ßens: Katja Wün­sche und Alex­an­der Jones he­ben die Gren­zen in schwe­re­los wir­ken­den He­bun­gen auf.

Die ein­zi­ge Urauf­füh­rung die­ses Bal­lett­abends stammt von dem por­tu­gie­si­schen Tän­zer Fil­i­pe Por­tu­gal, der selbst ei­ner der füh­ren­den So­lis­ten des Zürcher Bal­letts ist und der sei­nen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen die­se „Dia­lo­gos“auf den Leib ge­schrie­ben hat. Dia­lo­ge ent­ste­hen na­tür­lich zwi­schen den Paa­ren und Grup­pen, die sich aus dem Büh­nen­hin­ter­grund her­aus zu ma­te­ria­li­sie­ren schei­nen, und zwi­schen den Mu­si­kern rund um den Jazz­pia­nis­ten Nik Bärtsch, die auf der Büh­ne pos­tiert sind. Por­tu­gals Cho­reo­gra­fie stellt So­lis­ten und Paa­re als In­di­vi­du­en her­aus, aber auch das En­sem­ble in sei­ner Viel­falt und Vir­tuo­si­tät: Im Zu­sam­men­wir­ken mit der Mu­sik ent­steht ei­ne un­ge­mein sug­ges­ti­ve und me­di­ta­ti­ve Ge­samt­wir­kung, in der al­les Rast­lo­se auf wohl­tu­en­de Wei­se auf­ge­ho­ben scheint. Am 23. Fe­bru­ar 2016 ist das Bal­lett Zü­rich mit die­ser Pro­duk­ti­on im Graf- Zep­pe­linhaus in Fried­richs­ha­fen zu Gast. Wei­te­re Auf­füh­run­gen in Zü­rich: www.opern­haus.ch

FOTO: GREGORY BATARDON

Alex­an­der Jones und Katja Wün­sche in der Cho­reo­gra­fie „ Aria“von Dou­glas Lee.

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