„Ich hat­te mei­ne Le­bens­freu­de ver­lo­ren“

Ten­nis­pro­fi Andrea Pet­ko­vic über ih­re tie­fe Kri­se im Herbst

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT -

DARM­STADT - Hin­ter Ten­nis­pro­fi Andrea Pet­ko­vic (28) liegt ein trä­nen­rei­ches Jahr mit Hö­hen und Tie­fen. Im Interview mit dem Sport­in­for­ma­ti­ons­dienst spricht die elo­quen­te Darm­städ­te­rin, der­zeit 25. der Welt­rang­lis­te, über De­pres­sio­nen, schä­bi­ge Bars in New York und neue Zie­le. Frau Pet­ko­vic, nach Ih­rem Aus­schei­den beim Tur­nier in Zhuh­ai An­fang No­vem­ber ha­ben Sie ein mög­li­ches Kar­rie­re­en­de an­ge­deu­tet. Wie weit wa­ren Sie wirk­lich von ei­nem Rück­tritt ent­fernt? Ich ha­be in dem Interview nach mei­nem letz­ten Match ge­sagt, dass ich so auf kei­nen Fall wei­ter­ma­chen woll­te. Und so wie da­mals möch­te ich mich auch nie wie­der füh­len – und nie wie­der spie­len. Ich spie­le Ten­nis, weil ich es lie­be und Spaß ha­ben will. Und nicht, weil ich mich durch­quä­len muss. Es kam dann die Fra­ge auf, ob ich ge­nug Zeit ha­be, die­se Lie­be zu mei­nem Sport wie­der­zu­fin­den. In dem Interview ha­ben Sie er­zählt, dass Sie manch­mal mor­gens gar nicht mehr auf­ste­hen woll­ten. Wa­ren Sie de­pres­siv? Ich war auf kei­nen Fall schwer de­pres­siv. De­pres­si­on ist ein zu gro­ßes Wort. Ich ha­be mich ein biss­chen da­mit be­schäf­tigt und dar­über ge­le­sen. Es gibt ei­nen Be­griff in der Psy­cho­lo­gie: de­pres­si­ve Ver­stim­mung. Da­mit konn­te ich mich so ei­ni­ger­ma­ßen iden­ti­fi­zie­ren. Wie ha­ben Sie ge­spürt, dass et­was nicht stimmt? Es war in den letz­ten fünf Mo­na­ten ein­fach so, dass ich mei­ne Le­bens­freu­de ver­lo­ren hat­te. Mich hat im­mer aus­ge­macht, dass ich übe­r­all auf der Welt Sa­chen un­ter­neh­men und raus­ge­hen woll­te: ins Mu­se­um oder ins Ca­fé, um neue Leu­te ken­nen­zu­ler­nen, mit dem Ti­sch­nach­barn schwät­zen. Das war et­was, was das Le­ben für mich le­bens­wert ge­macht hat. Die letz­ten Mo­na­te hat­te ich die­sen Drang gar nicht mehr. Ich ha­be wirk­lich mei­nen Job ge­macht, bin da­nach ins Ho- tel­zim­mer, ha­be mich ins Bett ge­legt und ge­le­sen. Aber ich konn­te mich nicht mehr auf­raf­fen, raus­zu­ge­hen und Sa­chen zu un­ter­neh­men. Was ha­ben Sie un­ter­nom­men, um aus der Kri­se zu kom­men? Ich war fast ei­ne Wo­che in New York. Da ha­be ich ei­ni­ge Mu­se­en be­sucht und auch ei­ni­ge schä­bi­ge Bars. Ir­gend­wann ha­be ich ge­merkt, dass ich mich wie­der füh­le wie ich selbst. Da kam plötz­lich die Ener­gie zu­rück, und ich war so froh und er­leich­tert. Was wer­den Sie tun, da­mit es nicht zu ei­nem Rück­fall kommt? Es war wich­tig für mich, dass ich mir fast vier Wo­chen Zeit ge­nom­men ha­be, in de­nen ich gar nicht an Ten­nis ge­dacht ha­be. Es gab auch die Über­le­gung, die Aus­tra­li­en-Tour im Ja­nu­ar über­haupt nicht zu spie­len. Aber ich ha­be dann ziem­lich schnell ge­merkt, dass Ener­gie und Lust zu­rück­ka­men. Ich woll­te plötz­lich wie­der die Kon­fron­ta­ti­on auf dem Ten­nis­platz, und ich woll­te wis­sen: Wie fühlt sich das an, ha­be ich Spaß, oder nervt es mich so­fort, kann ich die­se Qu­al in der Vor­be­rei­tung noch­mal vier Wo­chen durch­ma­chen. Wie sta­bil sind Sie men­tal schon? Nach drei Wo­chen hier in der Vor­be­rei­tung in Hal­le/West­fa­len ist der Spaß am Ten­nis zu­rück. Aber jetzt kommt na­tür­lich die Fra­ge, was pas­siert, wenn in den Mat­ches der Druck da­zu­kommt, wenn Stress­si­tua­tio­nen ent­ste­hen. Aber ich glau­be, dass mir dies­be­züg­lich auch die Olym­pi­schen Spie­le 2016 am Ho­ri­zont ganz gut hel­fen. Das ist et­was, was ich in mei­ner Kar­rie­re ger­ne er­le­ben möch­te. Wä­re ei­ne olym­pi­sche Me­dail­le mit ei­nem Halb­fi­na­le bei ei­nem Gran­dSlam-Tur­nier gleich­zu­set­zen? Be­stimmt. Ich den­ke schon, dass ei­ne Me­dail­le sehr hoch an­zu­sie­deln ist. Die Ita­lie­ne­rin Fla­via Pen­net­ta hat bei den US Open mit 33 Jah­ren ihr ers­tes Grand-Slam-Tur­nier ge­won­nen. Gibt so et­was Hoff­nung? Ja. Ich glau­be, je­de Spie­le­rin, die in ei­nem rei­fen Sport­ler­al­ter ih­ren Ze­nit er­reicht, gibt dir die Hoff­nung auf so ei­nen Er­folg. Wann wä­re 2016 ein sehr gu­tes Jahr für Sie? Wenn ich am En­de der Sai­son noch Ener­gie ha­be und sa­gen kann: Es war ein Jahr, in dem ich die Lie­be zum Ten­nis wie­der­ge­fun­den ha­be – und in dem ich al­les ger­ne ge­macht ha­be. Ich will mich nicht mehr aus­ge­brannt durchs letz­te Vier­tel quä­len müs­sen.

FOTO: DPA

Hat ih­re Lust aufs Ten­nis wie­der­ge­fun­den: Andrea Pet­ko­vic.

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