Ein Op­fer – in sei­ner ei­ge­nen Welt

Der ge­stürz­te Fi­fa-Chef Sepp Blat­ter prä­sen­tiert sich gänz­lich un­ein­sich­tig

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT -

ZÜ­RICH (dpa) - Am Tag nach sei­ner end­gül­ti­gen Ver­ban­nung aus dem Welt­fuß­ball be­kam der skan­dal­um­wit­ter­te Sepp Blat­ter den ge­ball­ten Zorn zu spü­ren. „Trot­zig und ver­blen­det – die­ser De­s­pot ist Ge­schich­te“, ju­bi­lier­te die bri­ti­sche Zei­tung „Ti­mes“. Das Me­dien­echo für den von den Fi­fa-Ethik­hü­tern ab­ge­straf­ten Schwei­zer fiel ver­nich­tend aus. Blat­ters ehe­ma­li­ger Me­di­en­di­rek­tor Gui­do To­gno­ni un­ter­stell­te dem tief ge­fal­le­nen Funk­tio­när glat­ten Rea­li­täts­ver­lust. Blat­ter le­be „in sei­ner ei­ge­nen Welt“, sag­te er am Di­ens­tag im Ra­dio­sen­der BR2.

Die Fi­fa war Blat­ters Le­bens­werk. Zahl­rei­che Skan­da­le rund um den Ver­band hat­te er – wie auch im­mer – un­be­scha­det über­stan­den. Die Acht­jah­res­sper­re, mit der er wie auch Ue­fa-Chef Mi­chel Pla­ti­ni be­legt wor­den war, will er nun nicht wahr­ha­ben. Blat­ter sprach von ei­ner „Schan­de“und kün­dig­te an: „Es ist noch nicht zu En­de. Ich kom­me wie­der!“

Die spa­ni­sche Zei­tung „El País“ver­spürt Ge­rech­tig­keit: „Sepp Blat­ter hat­te als Fi­fa-Prä­si­dent die Ethik­kom­mis­si­on ge­schaf­fen, um Ri­va­len aus­zu­schal­ten. Nun spürt er am ei­ge­nen Lei­be, wie es de­nen er­ging, de- nen er die Kar­rie­re ver­baut hat­te.“To­gno­ni kri­ti­sier­te Blat­ters Un­ein­sich­tig­keit. „Er sieht sich schon im­mer nur als Op­fer, seit Jahr­zehn­ten. Wenn ir­gend­et­was war, war er nie der Schul­di­ge, son­dern das Op­fer“, sag­te der eins­ti­ge Blat­ter-Ver­trau­te und ur­teil­te, Blat­ter lei­de „viel­leicht so­gar un­ter Rea­li­täts­ver­lust“.

Dagmar Frei­tag, Che­fin des Bun­des­tags-Sport­aus­schus­ses, be­wer­te­te Blat­ters Re­ak­ti­on auf die Sper­re als „Schan­de“. Dem Funk­tio­när, der bis zu sei­ner vor­läu­fi­gen Su­s­pen­die­rung am 8. Ok­to­ber 6331 Ta­ge lang als FifaPrä­si­dent ge­thront hat­te, feh­le „of­fen­sicht­lich jeg­li­ches Un­rechts­be­wusst­sein“. Die Art und Wei­se sei­nes Rechts­ver­ständ­nis­ses sei „zwar nicht über­ra­schend, aber im­mer wie­der er­schre­ckend“, sag­te die SPD-Po­li­ti­ke­rin in WDR5 über den 79 Jah­re al­ten Schwei­zer: „Selbst in dem Al­ter kann man noch ei­ne nor­ma­le Wahr­neh­mung ha­ben.“

An sei­nen Pos­ten hat­te sich Blat­ter stets ge­klam­mert. Erst als der Druck der Be­hör­den zu groß wur­de und zahl­rei­che Ge­treue fest­ge­nom­men wur­den, kün­dig­te er sei­nen Rück­tritt an. Am 26. Fe­bru­ar woll­te er auf dem Fi­fa-Kon­gress sei­nen Thron räu­men und sich da­bei von den Mit­glie­dern noch ein­mal fei­ern las­sen. Da­zu wird es wohl nicht mehr kom­men – auch wenn Blat­ter nach der Sper­re um­ge­hend an­kün­dig­te, das Fi­fa-Be­ru­fungs­ko­mi­tee, den In­ter­na­tio­na­len Sport­ge­richts­hof Cas und wo­mög­lich so­gar die Schwei­zer Ge­rich­te ein­schal­ten zu wol­len. Pla­ti­ni ruft den Spiel­be­ginn aus Auch Pla­ti­ni ist fest ent­schlos­sen, sei­ne Sper­re an­zu­fech­ten. „Jetzt be­ginnt das Spiel rich­tig“, sag­te der Fran­zo­se mit Blick auf den Gang vor den Cas. Laut Fi­fa muss Pla­ti­ni zu­nächst al­ler­dings vor dem Be­ru­fungs­ko­mi­tee des Welt­ver­ban­des Ein­spruch ge­gen die Sper­re ein­le­gen und ei­ne Ent­schei­dung ab­war­ten, be­vor er über­haupt vor den Cas zie­hen kann. Pla­ti­ni hat­te ge­hofft, bei ei­nem mög­li­chen schnel­len Cas-Frei­spruch noch ins Ren­nen um das Amt des neu­en Fi­fa-Chefs ein­stei­gen zu kön­nen. „Was auch im­mer pas­sie­ren wird: Mein Ruf ist be­schä­digt“, sag­te er der Nach­rich­ten­agen­tur AFP.

„Blat­ter ver­län­ger­te sei­ne Prä­si­dent­schaft so lan­ge und brach Rück­tritts­ver­spre­chen 2006, 2011 und in die­sem Jahr, weil er un­trenn­bar mit der Fi­fa ver­bun­den wur­de, von der Or­ga­ni­sa­ti­on als sei­ner Ver­lob­ten sprach und glaub­te, er sei für ihr Funk­tio­nie­ren un­ver­zicht­bar“, schrieb der „Guar­di­an“.

Zu Fall brach­te Blat­ter letzt­lich ei­ne von ihm selbst be­wil­lig­te Zah­lung von zwei Mil­lio­nen Schwei­zer Fran­ken an den nun eben­falls ge­sperr­ten Pla­ti­ni. Der Neu­an­fang bei der Fi­fa soll am 26. Fe­bru­ar mit der Wahl des neu­en Prä­si­den­ten ein­ge­läu­tet wer­den. Als Fa­vo­rit der fünf Kan­di­da­ten gilt Scheich Sal­man bin Ibra­him Al Cha­li­fa, trotz Vor­wür­fen we­gen an­geb­li­cher Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in Bah­rain.

Schwie­ri­ger ist die Si­tua­ti­on bei der Ue­fa, zu­mal Ge­ne­ral­se­kre­tär Gi­an­ni In­fan­ti­no auch als Fi­fa-Prä­si­dent kan­di­diert. Gu­te Chan­cen wer­den dem Nie­der­län­der Micha­el van Praag zu­ge­schrie­ben. Der Ue­fa-Vi­ze­prä­si­dent scheint nicht ab­ge­neigt zu sein. „Ich den­ke, es ist wich­tig, dass wir ei­nen Kan­di­da­ten ha­ben, der ei­ne brei­te Un­ter­stüt­zung fin­det. Es gibt Län­der, die mich auf dem Pos­ten se­hen und an­de­re nicht. Das Wich­tigs­te ist, dass wir als Ein­heit auf­tre­ten“, sag­te van Praag dem nie­der­län­di­schen Sen­der NOS.

FOTO: DPA

Zü­ri­cher Jagd­sze­nen: Der sus­pen­dier­te Fi­fa- Prä­si­dent Sepp Blat­ter wird bei sei­ner An­kunft zur Pres­se­kon­fe­renz von Fo­to­gra­fen um­la­gert.

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