Sym­pa­thie­trä­ger mit Glat­ze

Bio­lo­gen ver­su­chen, den Wald­rapp in Mit­tel­eu­ro­pa wie­der an­zu­sie­deln – Am Bo­den­see könn­te er hei­misch wer­den

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIR IM SÜDEN - Von Anet­te Le Ri­che

ÜBER­LIN­GEN (lsw) - Vor 400 Jah­ren wa­ren glatz­köp­fi­ge Vö­gel mit schwar­zem Fe­der­kleid an den Über­lin­ger Fels­wän­den ein ver­trau­ter An­blick. Die gän­se­gro­ßen Wald­rap­pe leb­ten bis ins 17. Jahr­hun­dert im Al­pen- und Mit­tel­meer­raum. Dann wur­de ih­nen ih­re Zu­trau­lich­keit zum Ver­häng­nis: Weil die Ibis-Art die Nä­he des Men­schen sucht, war sie für Vo­gel­jä­ger leich­te Beu­te. Heu­te sind die Zug­vö­gel in frei­er Wild­bahn prak­tisch aus­ge­stor­ben. Im Rah­men ei­nes EU-Pro­jek­tes sol­len die skur­ri­len Tie­re auch im Bo­den­see­kreis wie­der an­ge­sie­delt wer­den.

Bis 2020 sol­len die schwarz-grün­vio­lett glän­zen­den Vö­gel mit­hil­fe des EU-Pro­jek­tes „Life+Bi­o­di­ver­si­ty“im Al­pen­raum wie­der hei­misch wer­den. Ers­te Er­fol­ge ver­zeich­nen die Bio­lo­gen im bay­ri­schen Burg­hau­sen (Land­kreis Alt­öt­ting) und in Salz­burg in Ös­ter­reich. Über­lin­gen am Bo­den­see wä­re der ein­zi­ge Stand­ort in Ba­den-Würt­tem­berg.

War­um die Wahl des Pro­jekt­teams auf die Stadt fiel, hat ver­schie­de­ne Grün­de: „Dort fin­den sie ge­eig­ne­te Brut­mög­lich­kei­ten in den Sand­stein­fel­sen“, er­klärt der Ti­ro­ler Pro­jekt­lei­ter Jo­han­nes Fritz. Das Max-Planck-In­sti­tut für Or­ni­tho­lo­gie in Ra­dolf­zell sei auch nicht weit. „Au­ßer­dem ist Über­lin­gen kon­kret in­ter­es­siert und es be­steht ein gu­ter Kon­takt.“

Auf deut­scher Sei­te wird das Pro­jekt vom Or­ni­tho­lo­gen Pe­ter Bert­hold von der Heinz-Siel­mann-Stif- tung be­treut. Bei ei­nem Tref­fen von Bio­lo­gen und Be­hör­den­ver­tre­tern An­fang De­zem­ber wur­de ein ge­eig­ne­ter Fel­sen zwi­schen Über­lin­gen und Sipp­lin­gen ge­wählt, in den ei­ne Vo­lie­re – ein gro­ßer Vo­gel­kä­fig – so­wie Holz­ni­schen ge­baut wer­den sol­len. Im Mo­ment lau­fe das na­tur­schutz­recht­li­che Ge­neh­mi­gungs­ver­fah­ren, sagt Bert­hold. Vo­gel­kund­ler Jo­han­nes Fritz

über den Wald­rapp

Gibt es grü­nes Licht, so will Fritz in den Jah­ren 2017 und 2018 von ei­nem Flug­platz am See je rund 30 im Wie­ner Tier­gar­ten Schön­brunn auf­ge­zo­ge­ne Kü­ken über die Al­pen in die süd­li­che Tos­ka­na füh­ren. Leicht­flug­zeu­ge sol­len den Vö­geln da­bei den Weg wei­sen. „Die Jung­vö­gel zei­gen noch die grund­sätz­li­che Mo­ti­va­ti­on zu flie­gen“, er­klärt Fritz. „Wir wer­den ih­nen mit Leicht­flug­ge­rä­ten den Weg wei­sen in ein ge­eig­ne­tes Win­ter­ge­biet.“

Doch zu­vor müs­sen die flüg­gen Kü­ken üben: „Auf fla­chen Wie­sen na­he des ge­plan­ten Brut­stand­or­tes geht es im Früh­ling 2017 ins Trai­nings­camp“, so Fritz. Nach der Mi­gra­ti­on wer­den die auch als Schop­fi­bis­se be­kann­ten Vö­gel 2019 am Bo­den­see zu­rück er­war­tet. Mit der ers- ten Brut rech­net der Bio­lo­ge vor­aus­sicht­lich 2020, wenn die Vö­gel ge­schlechts­reif sind.

Sor­ge be­rei­tet dem Team der il­le­ga­le Ab­schuss von Zug­vö­geln in Ita­li­en. Da­her be­treibt das Pro­jekt­team dort um­fang­rei­che Auf­klä­rungs­ar­beit bei Jagd­ver­bän­den und in Schu­len. Das Ra­dolf­zel­ler Max-Planck In­sti­tut für Or­ni­tho­lo­gie ent­wi­ckel­te So­lar­se­n­der, die stünd­lich die Po­si­ti­on der Vö­gel be­stim­men und die Da- ten ein­mal täg­lich auf die In­ter­net­platt­form Mo­ve­bank über­tra­gen sol­len. Die Rou­ten der bay­ri­schen und ös­ter­rei­chi­schen Wald­rap­pe kön­nen Vo­gel­freun­de dort be­reits ver­fol­gen.

Über­lin­gen steht nach An­ga­ben der Stadt­ver­wal­tung „selbst­ver­ständ­lich hin­ter dem Pro­jekt“. Ziel sei „die er­folg­rei­che An­sied­lung zur Lan­des­gar­ten­schau 2020“, teil­te ei­ne Spre­che­rin mit. Läuft al­les nach Plan, so kön­nen Be­su­cher die Vö­gel wäh­rend der Lan­des­gar­ten­schau viel­leicht so­gar im Über­lin­ger Burg­gra­ben aus der Nä­he be­wun­dern. Fritz ver­an­schlagt bis 2019 Pro­jekt­kos­ten von rund 500 000 Eu­ro für den Über­lin­ger Stand­ort, da­von sol­len 50 Pro­zent aus Mit­teln des „Life“-Pro­jekts und 100 000 Eu­ro aus der Re­gi­on kom­men.

„Je öf­ter man ihn an­schaut, des­to fas­zi­nie­ren­der wird der Vo­gel.“

Spei­se­plan: Wür­mer und In­sek­ten Cha­rak­te­ris­tisch für den Vo­gel mit dem latei­ni­schen Na­men Ge­ron­ti­cus Ere­mi­ta ist ne­ben dem kah­len Kopf mit mar­kan­tem Fe­der­kranz der ro­te, nach un­ten ge­krümm­te Schna­bel. Er er­nährt sich von Wür­mern und In­sek­ten und brü­tet in Ko­lo­ni­en von 30 bis über 400 Tie­ren in Fels­ni­schen wie an den Über­lin­ger Sand­stein­for­ma­tio­nen. „Wenn man ihn das ers­te Mal sieht, wirkt er fast häss­lich“, fin­det Fritz. „Je öf­ter man ihn aber an­schaut, des­to fas­zi­nie­ren­der wird der Vo­gel. Er ist exo­tisch und sehr so­zi­al.“Auch Kon­flikt­po­ten­zi­al et­wa mit Fi­schern, Bau­ern oder Tou­ris­ti­kern ge­be es nicht beim Wald­rapp: „Er ist ein aus­ge­spro­che­ner Sym­pa­thie­trä­ger oh­ne Pro­ble­me.“

FOTO: DPA

Exo­tisch und sehr so­zi­al: Der Ge­ron­ti­cus Ere­mi­ta, zu Deutsch Wald­rapp.

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