Eh­rung für Ver­diens­te um Eu­ro­pa

Der Papst „vom an­de­ren En­de der Welt“be­kommt den Karls­preis

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Klaus Blu­me (dpa) und Tho­mas Jansen (KNA)

ROM - Papst und Karl, das ist ei­gent­lich ei­ne ur­al­te Ver­bin­dung. Vor 1215 Jah­ren reis­te der Fran­ken­kö­nig, der mit dem Bei­na­men „der Gro­ße“in die Ge­schich­te ein­ge­hen soll­te, nach Rom, wo ihn Papst Leo III. am 25. De­zem­ber 800 zum Kai­ser krön­te. Karl herrsch­te über ein Reich un­ge­fähr so groß wie das Ker­n­eu­ro­pa der sechs EU-Grün­dungs­staa­ten. Er wird da­her auch oft als ers­ter Vor­den­ker ei­nes ge­mein­sa­men Eu­ro­pas ge­se­hen. Der nach ihm be­nann­te Preis geht 2016 nun an ei­nen Papst.

Es scheint wie ei­ne Iro­nie der Ge­schich­te: Der ers­te nicht eu­ro­päi­sche Papst seit 1300 Jah­ren er­hält die re­nom­mier­tes­te Aus­zeich­nung für Ver­diens­te um die Ein­heit Eu­ro­pas. Aus­ge­rech­net der Ar­gen­ti­ni­er auf dem Stuhl Pe­tri, der so deut­lich wie kei­ner sei­ner Vor­gän­ger macht, dass der Al­te Kon­ti­nent nicht mehr der Na­bel der Welt ist – und ihn so­gar mit ei­ner „un­frucht­ba­ren Groß­mut­ter“ver­gleicht. In den bis­lang 30 Mo­na­ten sei­ner Amts­zeit brach­te er ge­ra­de mal vier St­un­den auf dem Bo­den der EU au­ßer­halb Ita­li­ens zu: bei sei­nem Be­such des Eu­ro­pa­par­la­ments und des Eu­ro­pa­rats in Straß­burg im No­vem­ber 2014. Ori­en­tie­rung für Mil­lio­nen Dem Di­rek­to­ri­um des Karls­prei­ses ging es je­doch of­fen­bar um Grund­sätz­li­che­res. In ei­ner Zeit, in der Eu­ro­pa vor der bis­lang größ­ten Her­aus­for­de­rung des 21. Jahr­hun­derts ste­he, ge­be der Papst Mil­lio­nen Eu­ro­pä­ern Ori­en­tie­rung da­für, „was die Eu­ro­päi­sche Uni­on im In­ners­ten zu­sam­men­hält“, wird Di­rek­to­ri­ums­vor­sit­zen­der Jür­gen Lin­den zitiert.

Nach­dem sein Vor-Vor­gän­ger Jo­han­nes Paul II. 2004 ei­nen Au­ßer­or­dent­li­chen Karls­preis er­hal­ten hat­te, ist Fran­zis­kus, der Wa­gner-Fan und Höl­der­lin-Le­ser, nun der ers­te re­gu­lä­re Preis­trä­ger auf dem Hei­li­gen Stuhl. Die Zu­er­ken­nung ei­nen Tag vor Hei­lig­abend krönt ein recht er­folg­rei­ches Jahr für den Pon­ti­fex. Welt­weit für Frie­den und ge­gen Ar­mut im Ein­satz, reis­te der Hei­li­ge Va­ter nach Nord- und Süd­ame­ri­ka, Asi­en und Afri­ka und hat­te für die Men­schen die Bot­schaft von Frie­den und Barm­her­zig­keit im Ge­päck. Er sprach als ers­ter Papst vor dem US-Kon­gress, ver­mit­tel­te zwi­schen Ku­ba und den USA und lie­fer­te mit sei­ner Öko-En­zy­kli­ka „Lau­da­to si’“ei­nen Bei­trag zu ei­nem gro­ßen The­ma die­ser Zeit. Kri­tik nach Flücht­lings­tra­gö­di­en Fran­zis­kus’ Bot­schaft für Eu­ro­pa ist al­ler­dings unbequem. Der Sohn ita­lie­ni­scher Ein­wan­de­rer wird nicht mü­de, die fort­wäh­ren­den Flücht­lings­tra­gö­di­en im Mit­tel­meer als Ver­sa­gen des Kon­ti­nents an­zu­pran­gern. Ei­ne „Glo­ba­li­sie­rung der Gleich­gül­tig­keit“kri­ti­sier­te er 2013 auf der Mit­tel­meer­in­sel Lam­pe­du­sa. Doch er mahn­te an­ge­sichts des Flücht­lings­stroms auch ei­ne so­li­da­ri­sche Ver­tei­lung der Las­ten un­ter den Staa­ten an. Zu­letzt for­der­te er die Staa­ten zu ei­nem Über­den­ken ih­rer Ein­wan­de­rungs­ge­set­ze und zu ei­ner bes­se­ren In­te­gra­ti­on der Mi­gran­ten auf. In der Grie­chen­land-Kri­se wand­te er sich ge­gen ein­sei­ti­ge Schuld­zu­wei­sun­gen.

Ei­gent­lich hat Fran­zis­kus, der seit US-Prä­si­dent Bill Cl­in­ton im Jahr 2000 der ers­te au­ßer­eu­ro­päi­sche Karls­preis-Trä­ger ist, zeit­le­bens den Grund­satz be­folgt, kei­ne per­sön­li­chen Eh­run­gen an­zu­neh­men – bis zum Som­mer 2015. „Ich mag das nicht“, er­klär­te er auf dem Rück­flug von sei­ner Süd­ame­ri­ka-Rei­se. Doch dann über­reich­te ihm Staats­prä­si­dent Evo Mora­les im Ju­li in Bo­li­vi­en gleich zwei Or­den, die er nicht ab­lehn­te. Der ei­ne war die höchs­te Eh­rung des Lan­des; der an­de­re war dem Ge­den­ken an den in Bo­li­vi­en er­mor­de­ten spa­ni­schen Je­sui­ten Lu­is Espi­nal ge­wid­met. Er sei von sei­nem Grund­satz ab­ge­wi­chen, weil so viel gu­ter Wil­len da­hin­ter­ge­stan­den und es sich um ei­ne Aus­zeich­nung des bo­li­via­ni­schen Vol­kes ge­han­delt ha­be, so Fran­zis­kus. Da konn­te er nun den Karls­preis schlecht aus­schla­gen. Nach Aa­chen kommt er nicht So über­rasch­te es nicht, dass der Va­ti­kan kurz nach Be­kannt­ga­be der Eh­rung die An­nah­me des Prei­ses be­stä­tig­te. Fran­zis­kus neh­me ihn als Er­mu­ti­gung für Eu­ro­pa an, für den Frie­den zu ar­bei­ten, teil­te der Va­ti­kan mit. Bil­der des Paps­tes im Krö­nungs­saal des Aa­che­ner Rat­hau­ses wird es frei­lich nicht ge­ben. Er wird den Preis nicht zu Chris­ti Him­mel­fahrt in Aa­chen ent­ge­gen­neh­men, son­dern im Lau­fe des kom­men­den Jah­res in Rom, wie das Di­rek­to­ri­um mit­teil­te. Dann wird aus dem Papst „vom an­de­ren En­de der Welt“nach drei Jah­ren im Amt ein gro­ßer Eu­ro­pä­er.

FOTO: AFP

Sei­ne Bot­schaf­ten für Eu­ro­pa sind oft unbequem: Papst Fran­zis­kus, hier bei ei­nem Be­such des Eu­ro­pa­par­la­ments in Straß­burg im No­vem­ber 2014, be­kommt den Karls­preis.

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