Kroa­ti­en rutscht wie­der nach rechts

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MEINUNG & DIALOG - Von Ru­dolf Gru­ber, Wi­en

ine neue Bür­ger­par­tei hat­te die po­li­ti­sche Land­schaft in Kroa­ti­en nach den Wah­len am 8. No­vem­ber dras­tisch ver­än­dert: Most (Brü­cke) lau­tet ihr be­zie­hungs­vol­ler Na­me und wur­de aus dem Stand dritt­stärks­te Par­tei des Lan­des. Ihr 36-jäh­ri­ger An­füh­rer Bo­zo Pe­trov sah sich über Nacht von der Pro­vinz auf die höchs­te Staats­ebe­ne ka­ta­pul­tiert, die Rol­le des Kö­nigs­ma­chers fiel ihm buch­stäb­lich in den Schoss. Oh­ne Most konn­te kei­ne der tra­di­tio­nel­len Par­tei­en, die ein­an­der tief ver­fein­de­ten So­zi­al­de­mo­kra­ten (SDP) und Na­tio­na­lis­ten (HDZ), ei­ne Re­gie­rung bil­den.

Doch zum Brü­cken­bau­er fehlt Pe­trov of­fen­bar noch das nö­ti­ge Ta­lent: Die von ihm ge­for­der­te „Re­gie­rung der na­tio­na­len Ein­heit“kam nicht zu­stan­de. HDZ-Chef To­mis­lav Ka­ra­mar­ko hielt ein in­ho­mo­ge­nes Drei­er­bünd­nis für un­ge­eig­net, die wirt­schaft­li­che und so­zia­le Kri­se in Kroa­ti­en zu be­wäl­ti­gen. Die SDP wä­ren zu ei­nem Zwei­er­bünd­nis mit Most be­reit ge­we­sen, doch die­se Ge­sprä­che ließ Pe­trov zu Wo­chen­be­ginn über­ra­schend plat­zen.

Pe­trov warf der SDP un­red­li­chen Ver­hand­lungs­stil vor. Doch Me­di­en mut­ma­ßen über den Ein­fluss der ka­tho­li­schen Kir­che auf die Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen. Für den Kle­rus und das na­tio­na­le La­ger sind die So­zi­al­de­mo­kra­ten noch im­mer ver­kapp­te Kom­mu­nis­ten, ent­spre­chend an­ge­fein­det wur­de der li­be­ra­le Kurs der Links-Mit­te-Re­gie­rung des schei­den­den Pre­miers Zoran Mi­la­no­vic. Pe­trov gilt als tief­gläu­bi­ger Ka­tho­lik, wies aber Kri­tik ent­rüs­tet zu­rück: „Nie­mand hat mich be­ein­flusst.“

Je­den­falls nahm der Most-An­füh­rer um­ge­hend Ver­hand­lun­gen mit der na­tio­na­lis­ti­schen HDZ auf, die der Kir­che na­he­steht. Ges­tern Abend ga­ben HDZ-Chef Ka­ra­mar­ko und Pe­trov be­kannt, ei­ne Zwei­er­ko­ali­ti­on bil­den zu wol­len. Die nö­ti­ge Mehr­heit im Par­la­ment – 76 von 151 Sit­zen – ist mit zwei Stim­men Über­hang nur knapp ab­ge­si­chert. Schlech­te Um­fra­ge­wer­te Nach dem fast sie­ben­wö­chi­gen, zer­mür­ben­den Macht­po­ker sind die Um­fra­ge­wer­te al­ler Par­tei­en deut­lich ge­sun­ken, am stärks­ten die von Most, weil Pe­trov vie­le sei­ner Prin­zi­pi­en für die Re­gie­rungs­be­tei­li­gung ge­op­fert hat. Vor al­lem das so­gar no­ta­ri­ell be­glau­big­te Ver­spre­chen an sei­ne Wäh­ler, mit kei­ner der bei­den Par­tei­en ei­ne Ko­ali­ti­on ein­zu­ge­hen. Jetzt wird er auf Face­book re­gel­recht ge­gei­ßelt: „Bo­zo, ich ha­be dich ge­wählt und nicht HDZ und SDP“, pos­te­te ein ent­täusch­ter Fan. Und ein an­de­rer mein­te ta­delnd: „Bo­zo, hat dir die Kir­che nicht bei­ge­bracht, dass du nicht lü­gen sollst?“

Als Bür­ger­meis­ter der mit­teld­al­ma­ti­ni­schen Küs­ten­stadt Met­ko­vic hat Pe­trov er­folg­reich Kor­rup­ti­on und be­hörd­li­chen Schlen­dri­an be­kämpft und den Stadt­obe­ren die Ge­häl­ter ge­kürzt. Die Her­zen der Wäh­ler flo­gen ihm zu, sie wünsch­ten sich, dass er im gan­zen Land auf­räumt. Aber auf Staats­ebe­ne ist der rechts­kon­ser­va­ti­ve Po­pu­list völ­lig un­er­fah­ren. Des­halb soll der par­tei­lo­se Fi­nanz­chef des kroa­ti­schen Phar­ma­kon­zerns Pli­va, Ti­ho­mir Ores­ko­vic, die neue kroa­ti­sche Re­gie­rung füh­ren. Der 49-Jäh­ri­ge Fi­nanz­chef ent­spricht auch Pe­trovs For­de­rung nach ei­nem über­par­tei­li­chen Kan­di­da­ten.

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