Auf der schwä­bi­schen Schnäpp­chen­bahn

Pri­va­ter Fern­zug soll Stuttgart mit Ber­lin ver­bin­den – In­no­va­ti­ve Fi­nan­zie­rung

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIRTSCHAFT - Von Si­mon Haas

BER­LIN - An den „Kot­ti“, wie Ber­li­ner den Platz vor dem Kott­bus­ser Tor nen­nen, ver­ir­ren sich nur sel­ten Tou­ris­ten. Der her­un­ter­ge­kom­me­ne Hoch­haus­rie­gel aus den 1970ern dürf­te ein Grund sein, die vie­len Dro­gen­dea­ler ein wei­te­rer. Bahn-Un­ter­neh­mer Derek La­de­wig lebt trotz­dem ger­ne hier. In ei­ner Sei­ten­stra­ße be­su­chen La­de­wigs Kin­der die Krip­pe; im „Kreman­ski“ge­gen­über, wo es ve­ga­nes Eis und Bio-Quiche gibt, geht er manch­mal Kaf­fee­trin­ken. „Sehn­suchts­ort“sei für ihn aber bis heu­te der Süd­wes­ten. Von dort aus will La­de­wig ein­mal täg­lich ei­nen Zug nach Ber­lin und zu­rück fah­ren las­sen. Die vie­len Exil-Schwa­ben in sei­ner Nach­bar­schaft dürf­te es freu­en.

Ab Sep­tem­ber 2016 könn­te die ers­te Lo­co­mo­re-Lok Schwa­ben in die al­te Hei­mat und zu­rück be­för­dern, ei­ne Fahrt von Stuttgart nach Ber­lin Haupt­bahn­hof über Frankfurt und Han­no­ver soll rund sechs­ein­halb St­un­den dau­ern. Ti­ckets gibt es online ab 22 Eu­ro, spä­ter sol­len sie bis zu 60 Eu­ro kos­ten. „Je frü­her ge­bucht wird, des­to güns­ti­ger“, sagt Lo­co­mo­re-Chef La­de­wig. Ab­fahrt in Stuttgart ist um 6.40 Uhr, Rück­fahrt ab Ber­lin Haupt­bahn­hof um 14.54 Uhr. Zum Ver­gleich: Ein ICE der Deut­schen Bahn ist mit Halt in Braun­schweig statt Han­no­ver knapp ei­ne St­un­de eher in Ber­lin; da­für kos­tet das re­gu­lä­re Ti­cket al­ler­dings auch 142 Eu­ro. Wei­te­re Stre­cken sol­len fol­gen Aber nicht nur beim Preis ver­spricht La­de­wig Ver­bes­se­run­gen: Statt Groß­raum­wa­gen gibt es im oran­ge­far­be- nen Lo­co­mo­re-Zug Ab­teil­wa­gen mit Ar­beits­ti­schen, Steck­do­sen und – auf der Schie­ne nicht selbst­ver­ständ­lich – kos­ten­lo­sem Wlan. Au­ßer­dem soll es spe­zi­el­le Ab­tei­le für Kin­der und Ge­schäfts­leu­te ge­ben. Den Lo­co­mo­re-Zug will La­de­wig mit aus­ran­gier­ten IC-Wa­gen be­stü­cken, die sein Un­ter­neh­men an­ge­mie­tet und re­no­viert hat. Wird die Stre­cke ein Er­folg, könn­te ab 2017 un­ter an­de­rem ei­ne Ver­bin­dung München über Stuttgart nach Frankfurt fol­gen. La­de­wig: „Un­ser Ziel ist es, die Leu­te wie­der vom Bus auf die Schie­ne zu brin­gen.“

Mit der et­was schief sit­zen­den John-Len­non-Bril­le und sei­nem Drei­ta­ge­bart sieht La­de­wig nicht aus wie der ty­pi­sche Fir­men­chef. Sei­nem Selbst­ver­ständ­nis nach ist er ein „öko­lo­gi­scher Un­ter­neh­mer“. „Mo­bi­li­tät fin­det auf Schie­ne der­zeit nicht statt, da sie ein­fach zu teu­er ist“, sagt der 44-Jäh­ri­ge mit Blick auf die im­mer stär­ke­re Fern­bus­kon­kur­renz. In Konstanz hat der ge­bür­ti­ge Ham­bur­ger einst stu­diert, saß dort im Ge­mein­de­rat. Nach ei­ner Zwi­schen­sta­ti­on in Cott­bus lan­de­te La­de­wig schließ­lich in Ber­lin. Dort ha­be er als Bahn-Re­fe­rent der Grü­nen im Bun­des­tag un­ter an­de­rem den Bör­sen­gang der Bahn ver­hin­dert. Fi­nan­zie­rung per Crowd­fun­ding Jetzt plant La­de­wig selbst ei­ne Art Bör­sen­gang. Denn sein Un­ter­neh­men braucht Ka­pi­tal, nicht zu­letzt um die Ent­gel­te für die Tras­sen­nut­zung be­zah­len zu kön­nen. Das will sich La­de­wig jetzt im In­ter­net ho­len: per Crowd­fun­ding.

Wer das Pro­jekt un­ter­stüt­zen möch­te, kann das schon ab fünf Eu­ro tun: Auf der Crowd­fun­ding-Platt­form start­next.com be­kommt man für sein Mi­ni-In­vest­ment Ti­cke­tGut­schei­ne für künf­ti­ge Lo­co­mo­reFahr­ten. La­de­wig: „Das hat ne­ben­bei auch den Vor­teil, dass wir sehr früh mit dem Kun­den in Kon­takt kom­men.“Bis 31.12. kön­nen Klein­an­le­ger au­ßer­dem di­rekt bei Lo­co­mo­re gut ver­zins­te Nach­rang­dar­le­hen zeich­nen. Ins­ge­samt ha­be Lo­co­mo­re so be­reits knapp 330 000 Eu­ro ge­sam­melt. Soll­ten bis En­de Ja­nu­ar 2016 die be­nö­tig­ten 460 000 Eu­ro nicht zu­sam­men­kom­men, ist im Zwei­fel auch das in­ves­tier­te Geld futsch. Bei start­next.com wer­de das ein­ge­setz­te Ka­pi­tal aber er­stat­tet, ver­spricht der Lo­co­mo­re-Chef. La­de­wig gibt sich je­den­falls op­ti­mis­tisch. Sei­ne Vi­si­on: „In drei bis vier Jah­ren wol­len wir drei bis vier Zü­ge fah­ren las­sen.“

FOTOS: PR

Al­te IC- Ab­teil­wa­gen, re­no­viert und mit Wlan- Zu­gang: Die Fahrt im Lo­co­mo­re- Zug soll nicht nur güns­tig, son­dern auch kom­for­ta­bel sein. Ab Sep­tem­ber 2016 könn­te der ers­te Zug Stuttgart mit Ber­lin ver­bin­den.

Derek La­de­wig

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