Star-An­walt Bos­si ist tot

Münch­ner Ju­rist ver­trat Pro­mi­nen­te und Schwer­ver­bre­cher

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - JOURNAL - Von Sa­bi­ne Do­bel

MÜNCHEN (dpa) - Er wol­le „im Sat­tel“ster­ben, hat er stets an­ge­kün­digt. Noch bis ins ho­he Al­ter von über 80 Jah­ren eil­te der Star-An­walt Rolf Bos­si von Ter­min zu Ter­min, ver­trat Mör­der, Ga­no­ven und vie­le Pro­mis. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren war es al­ler­dings ru­hig ge­wor­den um den Ver­tei­di­ger. Er starb am Di­ens­tag im Al­ter von 92 Jah­ren. Dies teil­te die Münch­ner An­walts­kanz­lei Bos­si & Zie­gert am Mitt­woch mit.

Er ver­trat Ro­my Schnei­der bei ih­rer Schei­dung so­wie Ingrid van Ber­gen, die 1977 ih­ren Ge­lieb­ten er­schos­sen hat­te. Der Pro­mi­nen­tenan­walt ver­tei­dig­te auch Schwer­kri­mi­nel­le, et­wa ei­nen Gei­sel­neh­mer von Glad­beck so­wie den Ent­füh­rer des In­dus­tri­el­lener­ben Richard Oet­ker.

Bos­si hat­te nach der Hin­rich­tung sei­nes Va­ters durch die Na­zis be­schlos­sen, An­walt zu wer­den. Die er­folg­rei­che Re­vi­si­on im Fall Jür­gen Bartsch mach­te ihn in den 1970erJah­ren be­kannt. Der Metz­ger­ge­sel­le Bartsch, von klein an her­um­ge­sto­ßen, ein­ge­sperrt und miss­braucht, hat­te vier Jun­gen er­mor­det und ih­re Lei­chen zer­stü­ckelt. Bei der ers­ten Tat war er 15 Jah­re alt. Nach­dem Bartsch zu­nächst zu le­bens­lan­ger haft ver­ur­teilt wor­den war, er­reich­te Bos­si ei­ne zehn­jäh­ri­ge Ju­gend­stra­fe mit Un­ter­brin­gung in ei­ner Kli­nik.

Stets be­zog Bos­si den in­di­vi­du­el­len und ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Hin­ter­grund ein, zeig­te, dass Ver­bre­chen viel­fach Re­sul­tat ei­ner frü­hen Fehl­ent­wick­lung und Sym­ptom ei­ner see­li­schen Krank­heit sind. Bos­si trug so maß­geb­lich da­zu bei, die Psy­cho­lo­gie in die Ge­rich­te zu brin­gen. Er­folg in aus­sicht­lo­sen Fäl­len Mehr als ein­mal er­rang er da­mit in schier aus­sichts­lo­sen Fäl­len Er­fol­ge. Ein US-Oberst­leut­nant, der 1964 sei­ne schwan­ge­re Freun­din zer­stü­ckel­te, muss­te nicht ins Ge­fäng­nis, son- dern kam in die Psych­ia­trie und wur­de spä­ter ab­ge­scho­ben.

Nicht im­mer stieß Bos­sis schar­fe Art auf Lob. Kri­tik ern­te­te er et­wa bei der Ver­tei­di­gung ehe­ma­li­ger Mau­er­schüt­zen oder des Glad­be­cker Gei­sel­neh­mers Die­ter De­gow­ski, als er den da­ma­li­gen In­nen­mi­nis­ter Nord­rhein-West­fa­lens, Her­bert Sch­noor (SPD), für die Es­ka­la­ti­on des Gei­sel­dra­mas mit meh­re­ren To­ten ver­ant­wort­lich mach­te. Mehr­fach mach­te er mit rechts­po­li­ti­schen For­de­run­gen von sich re­den, et­wa, un­ge­rech­te Ur­tei­le aus derNach­kriegs­zeit durch in NS-Tra­di­ti­on ste­hen­de Rich­ter un­ter Um­stän­den auf­zu­he­ben.

Zu sei­nem 85. Ge­burts­tag zog Bos­si in ei­ner Au­to­bio­gra­fie „Hier ste­he ich“Bi­lanz. Er räum­te Feh­ler im Pri­vat­le­ben ein, im Um­gang mit sei­ner Toch­ter Ma­ri­on, die dro­gen­ab­hän­gig war und 2006 an Krebs starb.

Der An­walt be­rich­te­te dar­in auch von sei­nem erst im Al­ter ent­deck­ten Glau­ben. „Es muss ei­ne über­ge­ord­ne­te geis­ti­ge Macht ge­ben, die wir nur als Gott ver­ste­hen kön­nen“, sag­te er da­zu. In sei­nem Buch schrieb er, ge­ra­de bei Ge­walt und Ver­bre­chen blei­be Gott stumm. „Wo im­mer Men­schen an­de­ren Men­schen Bö­ses an­tun, da zürnt Gott nicht mit ih­nen. Son­dern er trau­ert. Und wer wirk­lich trau­ert, der schweigt.“

FOTO: DPA

Rolf Bos­si mit der Schau­spie­le­rin Ingrid van Ber­gen 1977.

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