Der Star ist der Al­tar

Her­zog & De Meu­ron ha­ben das Mu­se­um Un­ter­lin­den in Col­mar er­wei­tert – Grü­ne­wald wei­ter im Mit­tel­punkt

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Chris­ta Sigg

COL­MAR - Drau­ßen zum Rat­haus hin wur­de eben noch Roll­ra­sen ver­legt. Und nun leuch­tet das win­ter­kah­le Are­al vor dem al­ten Klos­ter in früh­lings­haf­tem Grün. Die Tou­ris­ten, die sich in Scha­ren durch die Gas­sen mit ih­ren Fach­werk­häu­sern schie­ben, hät­ten lie­ber Schnee, und kaum ei­ner scheint No­tiz da­von zu neh­men, dass die Stadt ab so­fort et­was Ein­zig­ar­ti­ges zu bie­ten hat: Das Un­ter­lin­den-Mu­se­um ist wie­der ge­öff­net. Al­so das Haus, in dem der be­rühm­te Isen­hei­mer Al­tar steht.

Drei Jah­re lang wur­de das ehe­ma­li­ge Do­mi­ni­ka­ne­rin­nen­klos­ter um­fas­send sa­niert und durch die raf­fi­nier­te Ein­be­zie­hung ei­nes über 100 Jah­re al­ten Stadt­bads so­wie ei­nen for­mi­da­blen Neubau er­wei­tert. Wäh­rend für die his­to­ri­schen Be­rei­che Richard Du­plats Spe­zia­lis­ten­team im Ein­satz war, ent­schied das welt­weit agie­ren­de Ar­chi­tek­ten­duo Her­zog & De Meu­ron den Wettbewerb um den so be­zeich­ne­ten „Ack­er­hof“für sich.

Und um ei­ne Fra­ge gleich vor­ab zu be­ant­wor­ten: Ja, das Bud­get von 44 Mil­lio­nen Eu­ro wur­de ein­ge­hal­ten. Zieht man ver­gleich­ba­re Pro­jek­te her­an, ist das tat­säch­lich ein Klacks. Die Mu­se­ums­flä­che hat sich im­mer­hin von 4000 auf 8000 Qua­drat­me­ter ver­dop­pelt. Da­mit kann end­lich ein re­prä­sen­ta­ti­ver Qu­er­schnitt der 45 000 Ob­jek­te um­fas­sen­den Samm­lung des Un­ter­lin­den ge­zeigt wer­den – vom Neo­li­thi­kum bis zu dem, was die we­nigs­ten Be­su­cher auf dem Schirm ha­ben: die Mo­der­ne und die zeit­ge­nös­si­sche Kunst. Im Neubau ist al­so Platz für die Ver­tre­ter der Pa­ri­ser Nou­vel­le Éco­le wie Pier­re Sou­la­ges, Nicolas de Staël oder Ser­ge Po­lia­koff, für Ot­to Dix, ei­nen er­staun­lich üp­pi­gen Be­stand an Wer­ken von Je­an Du­buf­fet und ein paar Pi­cas­sos. Dar­un­ter ei­ne durch den Künst­ler in Auf­trag ge­ge­be­ne Wand­tep­pich­ver­si­on von „Gu­er­ni­ca“, die bis­lang im De­pot lag. Der ei­nem go­ti­schen Kir­chen­schiff nach­emp­fun­de­ne ge­schlos­se­ne Bau mit sei­nen lich­ten Räu­men bil­det ein ge­lun­ge­nes Pen­dant zur al­ten Klos­ter­kir­che auf der an­de­ren Sei­te des nun­mehr frei­ge­leg­ten Ka­nals. Drei­ge­schos­sig und mit we­ni- gen, vom Kreuz­gang in­spi­rier­ten Spitz­bo­gen­fens­tern ver­se­hen, be­sticht er vor al­lem im Son­der­aus­stel­lungs­raum un­term Walmdach. Mit 11,5 Me­tern ist die Hö­he au­ßer­ge­wöhn­lich, und ver­mut­lich wird der fast schon sa­kral an­mu­ten­de Saal nie mehr so be­ein­dru­ckend sein wie jetzt in lee­rem Zu­stand.

Zu­gleich wur­de ei­ne Art Schau­fens­ter­häus­chen über den un­ter­ir­di­schen Ver­bin­dungs­gang zwi­schen al­tem und neu­em Be­reich ge­baut. Der Blick nach un­ten soll die Be­su­cher mit drei für das Mu­se­um aus­sa­ge­kräf­ti­gen Wer­ken an­lo­cken. Mo­nets „Tal der Creu­se“et­wa mar­kiert die Kol­lek­ti­on der mo­der­nen Kunst.

Für Di­rek­to­rin Pan­txi­ka de Pa­epe ist das der Clou des gan­zen En­sem­bles, wenn­gleich sich die Ver­bin­dung zu ih­ren wert­volls­ten Schät­zen aus die­ser Per­spek­ti­ve kaum er­schlie­ßen lässt. Aber na­tür­lich weiß die Mit­tel­al­ter­spe­zia­lis­tin aus den Py­re­nä­en, dass für die Haus­hei­li­gen Mar­tin Schon­gau­er und erst recht Mat­thi­as Grü­ne­wald nie­mand trom­meln muss.

Die­se Spit­zen­wer­ke rund um den al­ten Kreuz­gang sind in er­hel­len­de Nach­bar­schaf­ten zu den ent­spre­chen­den Ar­bei­ten ober­rhei­ni­scher, schwä­bi­scher, frän­ki­scher oder baye­ri­scher Meis­ter ge­bracht. Der Isen­hei­mer Al­tar (um 1512-1516) steht selbst­re­dend al­lein und hat nun, zu­rück in der Klos­ter­kir­che, mehr Platz als je zu­vor. Über die dau­ern­de Prä­sen­ta­ti­on sämt­li­cher In­nen- und Au­ßen­sei­ten die­ses Wan­del­al­tars kann man dis­ku­tie­ren, doch de Pa­epe sieht das wohl­tu­end prag­ma­tisch: „Wir sind hier seit 1853 in ei­nem Mu­se­um, die Leu­te wol­len al­les se­hen.“ Aus­ge­tüf­tel­te Be­leuch­tung Und ge­nau das macht ei­ne mi­nu­ti­ös aus­ge­tüf­tel­te Be­leuch­tung nun auch im De­tail mög­lich. Nichts spie­gelt, und so­wie­so ha­ben die Re­stau­ra­to­ren klei­ne Wun­der voll­bracht. Das Ge­wand des von der Ver­su­chung ge­pei­nig­ten hei­li­gen An­to­ni­us leuch­tet jetzt in be­tö­ren­dem Azur­blau. Und über­haupt wird die Kunst die­ses kaum greif­ba­ren Ma­this Gothart Nit­hart aus Aschaf­fen­burg mit je­der Ent­fer­nung gelb­grün­li­cher Fir­nisRe­lik­te nur noch fas­zi­nie­ren­der. Über­ir­disch leuch­ten die Far­ben Je nach Su­jet wech­selt er spie­lend zwi­schen mit­tel­al­ter­lich ver­wur­zel­ter und ei­ner an der ita­lie­ni­schen Re­nais­sance ge­schul­ten Kör­per­auf­fas­sung. Licht kann er über­ir­disch leuch­ten las­sen und die Tran­szen­denz mit Far­ben fas­sen. Von der Ga­be, un­sag­ba­res Leid und ärgs­te Qua­len zu ma­len, ganz zu schwei­gen.

Die Kunst­sin­ni­gen un­ter den 3,5 Mil­lio­nen Tou­ris­ten pro Jahr wer­den wohl auch in Zu­kunft vor al­lem we­gen Grü­ne­wald kom­men, dar­an dürf­te die Er­wei­te­rung nichts än­dern. Al­ler­dings muss sich dar­über nie­mand grä­men, Col­mar hat ei­ne ge­lun­ge­ne, zur Stadt hin ge­öff­ne­te Mu­se­ums­an­la­ge ge­won­nen. Für 44 Mil­lio­nen Eu­ro ist das ei­ne gan­ze Men­ge. Und spä­tes­tens im Früh­jahr soll­te dann auch „rich­ti­ger“Ra­sen wach­sen. Mu­se­um Un­ter­lin­den, Öff­nungs­zei­ten: täg­lich au­ßer Di. 10- 18 Uhr, Do. 10- 20 Uhr. Wei­te­re In­fos un­ter www.mu­see-un­ter­lin­den.com

FOTOS ( 3): MU­SÉE UN­TER­LIN­DEN; COL­MAR

Auch nach der Er­wei­te­rung und Re­no­vie­rung ist und bleibt der Isen­hei­mer Al­tar von Mat­thi­as Grü­ne­wald das Pracht­stück des Un­ter­lin­den- Mu­se­ums in Col­mar.

Das Ar­chi­tek­ten­duo Her­zog & De Meu­ron hat sei­nen Neubau sehr ge­lun­gen an den Be­stand an­ge­passt. Dar­in ist nun Platz für die reich be­stück­te Samm­lung mo­der­ner Kunst.

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