Zum Da­von­lau­fen

Kein Ver­gleich zu Ha­pe Ker­ke­lings Buch: „Ich bin dann mal weg“als Ki­no­film

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Horst Pe­ter Koll

BONN (KNA) - Das Buch war ein Me­ga-Er­folg und hat das Pil­gern wie­der ins Ge­spräch ge­bracht. Mit Span­nung ha­ben vie­le Fans auf die Ver­fil­mung von „Ich bin dann mal weg“ge­war­tet – und wer­den lei­der ent­täuscht.

Ha­pe Ker­ke­lings Buch über sei­ne Er­leb­nis­se bei ei­ner Pil­ger­rei­se auf dem Ja­kobs­weg war ei­ne be­mer­kens­wer­te Er­folgs­ge­schich­te. Zwei Jah­re lang do­mi­nier­te es die Sach­buchHit­lis­te – wohl in Er­man­ge­lung ei­ner pas­sen­de­ren Ka­te­go­rie, denn Ker­ke­ling ging we­der sach­lich noch gar do­ku­men­ta­risch mit sei­ner Rei­se um. Er be­ob­ach­te­te viel­mehr be­tont per­sön­lich – mal lau­nig, mal nach­denk­lich, in je­dem Fall aber sehr un­ter­halt­sam – das meist mehr tou­ris­tisch als re­li­gi­ös ge­präg­te Trei­ben um ihn her­um. Bra­ve Be­bil­de­rung Um die meis­ten ex­pli­zit christ­li­chen Pil­ger mach­te der sei­ner­zeit er­schöpf­te En­ter­tai­ner oh­ne­hin lie­ber ei­nen Bo­gen, weil er sie nicht als lern­fä­hig er­ach­te­te: Sie wür­den als „die glei­chen Men­schen die Rei­se be­en­den, als die sie sie be­gon­nen ha­ben“. Viel lie­ber be­ob­ach­te­te er die Son­der­lin­ge wie auch De­tails, in de­nen sich sei­ne ei­ge­ne Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit spie­gel­ten.

In Ker­ke­lings be­tont „mensch­li­chen“Be­trach­tun­gen konn­ten sich Mil­lio­nen von Men­schen wie­der­fin­den; sie lös­ten an­geb­lich so­gar ei­nen „Ker­ke­ling-Ef­fekt“aus – das lie­bens­wür­di­ge Rei­se­ta­ge­buch soll zahl­rei­che Deut­sche auf den Weg nach San­tia­go de Com­pos­te­la ge­führt ha­ben.

Wie aber lässt sich ein solch „luf­ti­ger“Stoff für die gro­ße Lein­wand ver­fil­men? Vor al­lem, so lau­te­te wohl die Stra­te­gie, sehr, sehr nie­der­schwel­lig, da­mit sich auch ja kei­ner durch ei­ne vom Buch ab­wei­chen­de Ei­gen­stän­dig­keit dü­piert füh­len könn­te. Was im End­ef­fekt vor al­lem nur zu ei­nem führte: zu ei­nem gänz­lich über­flüs­si­gen Ki­no­film, der rein gar nichts zu er­zäh­len hat, das Buch zwang­haft de­ko­ra­tiv be­bil­dert und sich we­der vi­su­ell noch the­ma­tisch ir­gend­et­was Ei­ge­nes zu­traut.

Exis­ten­zi­el­le Fra­gen, die auf ei­nen Ur­grund oder auf re­li­giö­se Emp­fin­dun­gen ver­wei­sen, gibt es im Buch durch­aus. Im Film da­ge­gen kom­men sie al­len­falls als ko­ket­te Bon­mots und lau­ni­ge Ka­len­der­weis­hei­ten da­her, die stets haar­scharf ne­ben der von Ker­ke­ling be­ab­sich­tig­ten Lie­bens­wür­dig­keit auf­schla­gen und ins tie­fe Loch des Ba­na­len stür­zen.

Die wei­ten Land­schaf­ten des Pil­ger­wegs wer­den von der Ka­me­ra sto­isch links lie­gen ge­las­sen, die Un­be­quem­lich­kei­ten der „Mas­sen­ab­fer­ti­gung“ge­ra­ten zu flüch­ti­gen Ne­ben­säch­lich­kei­ten. Und die Schick­sa­le der Mit­wan­de­rer, be­son­ders das der am frü­hen Krebs­tod ih­rer Toch­ter lei­den­den Stel­la, rei­chen ge­ra­de mal für pein­lich ober­fläch­li­che Rühr­se­lig­kei­ten, wie man sie eher aus dem „Traum­schiff“und ver­gleich­ba­ren Fern­seh­se­ri­en kennt. Kunst­ge­werb­li­che Nich­tig­kei­ten De­ren Pu­bli­kum ha­ben die Fil­me­ma­cher schein­bar auch als wich­tigs­te Ziel­grup­pe aus­er­ko­ren. War­um sonst spie­len sie eben­so kon­se­quent wie scham­los auf der Kla­via­tur kunst­ge­werb­li­cher Nich­tig­kei­ten, die nichts be­wir­ken, au­ßer dass sie wert­vol­le Le­bens­zeit rau­ben? Be­wun­derns­wert ist al­lein die stoi­sche Er­ge­ben­heit von De­vid Strie­sow als Ha­pe Ker­ke­ling, der sich aus künst­li­chen Fett­pols­tern und wir­rem Zot­tel­bart „her­aus­wan­dert“und mit­un­ter ver­blüf­fend prä­zi­se Ker­ke­lings Ton­fall trifft, oh­ne da­bei un­an­ge­nehm als Ko­pie auf­zu­fal­len. Al­lein Strie­sow hat der Film ei­nen ge­wis­sen Charme zu ver­dan­ken – aber auch die Er­kennt­nis, wie sehr sei­ne groß­ar­ti­gen mi­mi­schen Ta­len­te in ei­ner er­schre­ckend zahn­lo­sen Kom­merz­pro­duk­ti­on ver­brannt wer­den, die das Wort „Ki­no­film“nicht ver­dient. Ich bin dann mal weg. Re­gie: Ju­lia von Heinz. Mit De­vid Strie­sow, Mar­ti­na Ge­deck, Ka­ro­li­ne Schuch, Katharina Thal­bach, An­net­te Fri­er. Deutsch­land 2015, 90 Min, oh­ne Al­ters­be­schrän­kung.

FOTO: WAR­NER BROS. PICTURES

Mar­ti­na Ge­deck als Stel­la und De­vid Strie­sow als Ha­pe Ker­ke­ling in „ Ich bin dann mal weg“.

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