Im Stall von Beth­le­hem wie­hern Pfer­de

Im Ost­all­gäu lockt der Len­gen­wan­ger Teil­ort mit sei­nem bi­bli­schen Na­men Weih­nachts­markt­be­su­cher und Schil­der­die­be an

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WEIHNACHTEN -

Der Au­to­fah­rer stutzt und ge­rät in Ver­su­chung, so­fort ei­ne Voll­brem­sung hin­zu­le­gen. Hat er das auf dem Schild eben rich­tig ge­le­sen? Fährt er ge­ra­de tat­säch­lich durch Beth­le­hem? Noch skur­ri­ler wird es ein paar Me­ter wei­ter. Dort weist ein Schild den Weg zu ei­nem Neu­bau­ge­biet na­mens Beth­le­hem-West.

So manch ei­ner tritt tat­säch­lich auf die Brem­se, parkt sein Au­to am Stra­ßen­rand und macht ein Foto von dem Orts­schild mit dem be­rühm­ten bi­bli­schen Na­men, hin­ter dem in südlicher Rich­tung die leicht an­ge­zu­cker­ten Gip­fel des Brei­ten­bergs, Ag­gen­steins, Säu­lings und Te­gel­bergs her­vor­lu­gen. Denn die­ses Beth­le­hem liegt nicht mit­ten in Is­ra­el na­he Je­ru­sa­lem, son­dern im Ost­all­gäu und ist Teil­ort der Ge­mein­de Len­gen­wang. Auch wenn die Tem­pe­ra­tu­ren wäh­rend der ver­gan­ge­nen Ad­vents­zeit eher zum Mit­tel­meer­raum denn zum Voral­pen­land pass- ten – in die­sem Beth­le­hem er­in­nert we­nig an die Ge­burts­stät­te Je­su. Die Men­schen hier pfle­gen den har­ten Ost­all­gäu­er Dia­lekt, die ba­ro­cken Kir­chen der Ge­gend ha­ben Zwie­bel­tür­me, und im ein­zi­gen Stall des Teil­orts ste­hen Pfer­de statt Ochs und Esel. Drech­sel­kur­se in Beth­le­hem Mäch­tig stolz sind die et­wa 25 Ein­woh­ner trotz­dem auf ih­ren Orts­na­men. Kei­nem wür­de es ein­fal­len, sich als Len­gen­wan­ger zu be­zeich­nen. „Nein, nein, wir sind na­tür­lich Beth­le­he­mer“, be­stärkt Mar­tin Ado­matt, des­sen Wohn­haus mit an­ge­schlos­se­ner Werk­statt in Beth­le­hem 11, 87663 Len­gen­wang steht. Ge­gen den Zu­satz „-stra­ße“ha­ben sich die Ein­woh­ner stets strikt ge­wehrt. Für Schrei­ner­und Drechs­ler­meis­ter Ado­matt, der auch Krip­pen­fi­gu­ren und En­gel fer­tigt, ist sei­ne Adres­se mar­ke­ting­tech­nisch von Vor­teil. Seit ei­ni­gen Jah­ren bie­tet er er­folg­reich „Drech­sel­kur­se in Beth­le­hem“an. „Das hört sich ori­gi­nell an und bleibt vie­len im Ge­dächt­nis“, er­zählt er. „Und wenn ich mich als Mar­tin Ado­matt aus Beth­le­hem vor­stel­le, löst das im­mer ei­ne Re­ak­ti­on aus.“Da­bei ist er gar kein ge­bür­ti­ger Beth­le­he­mer, son­dern stammt ur­sprüng­lich aus Hei­den­heim. Vor 30 Jah­ren hat er die Schrei­ner­werk­statt über­nom­men und sich selbst­stän­dig ge­macht. In sei­ner neu­en Hei­mat fühl­te sich der „Rei’gschmeck­te“, der mit ei­ner All­gäue­rin ver­hei­ra­tet ist, gleich wohl und gut auf­ge­nom­men. „Die Beth­le­he­mer sind um­gäng­li­che und sehr lie­be Leut“, sagt Ado­matt, der im baye­ri­schen Beth­le­hem ei­ne ganz an­de­re Er­fah­rung ge­macht hat als Ma­ria und Jo­sef vor rund 2000 Jah­ren im Bi­bel­ort glei­chen Na­mens.

In der Ad­vents­zeit baut Ado­matt vor sei­nem Haus di­rekt an der Stra­ße, die durch den Wei­ler führt, ei­ne Krip­pe mit le­bens­gro­ßen Fi­gu­ren auf. Noch ein Hin­gu­cker, gleich nach dem Orts­schild. Wei­te­rer An­zie­hungs­punkt ist die Beth­le­he­mer Dorf­weih­nacht, die seit fünf Jah­ren im­mer am zwei­ten Ad­vents­wo­chen­en­de mit Weih­nachts­markt und Lich­ter­pro­zes­si­on statt­fin­det und zu der Tau­sen­de von Men­schen aus Nah und Fern pil­gern. Wer an die­sen Ta­gen nach ei­ner Her­ber­ge sucht, wird an­ders als einst Ma­ria und Jo­sef zum Bei­spiel bei Fa­mi­lie Gast schnell fün­dig. De­ren Früh­stücks­pen­si­on steht für je­ne, die auf der Stra­ße von Markt­ober­dorf an­rei­sen, „gleich links hin­ter Beth­le­hem“, wie Mat­thi­as Gast ger­ne den Weg be­schreibt. Bet­tel­hei­mer von Len­gen­wang We­nig bi­blisch und weih­nacht­lich ist der Ur­sprung des All­gäu­er Orts­na­mens Beth­le­hem. Hei­mat­kund­ler ver­mu­ten, dass er ge­gen En­de des 19. Jahr­hun­derts ent­stan­den ist. Da­mals leb­ten in den paar Häu­sern au­ßer­halb von Len­gen­wang vor al­lem Ta­ge­löh­ner, al­so recht ar­me Leut’. Bet­tel­hei­mer wur­den sie von den an­de­ren ge­nannt. Aus Bet­tel­heim wur­de nach und nach Beth­le­hem. Seit 1972 ist dies der of­fi­zi­ell ein­ge­tra­ge­ne Na­me des Orts­teils und deutsch­land­weit wohl ein­ma­lig, wie Bür­ger­meis­ter Jo­sef Kel­ler ver­mu­tet. Na­he Pfullendorf exis­tiert al­ler­dings noch ein Ge­höft na­mens Beth­le­hem.

Es kommt gar nicht so sel­ten vor, dass Kel­ler in der Zeit vor Weih­nach­ten Be­such von Jour­na­lis­ten emp­fängt. Sich im De­zem­ber mal in Beth­le­hem um­zu­se­hen, birgt halt ei­nen ge­wis­sen Reiz. Sich mit dem Bür­ger­meis­ter Beth­le­hems über die ak­tu­el­le Flücht­lings­pro­ble­ma­tik zu un­ter­hal­ten, auch. Zwölf Män­ner aus Sy­ri­en ha­ben Zuflucht in Len­gen­wang ge­fun­den, kein ein­zi­ger da­von lebt al­ler­dings im Teil­ort Beth­le­hem. Das wä­re wohl auch zu schön für ei­ne Weih­nachts­ge­schich­te ge­we­sen und hät­te ver­mut­lich für noch mehr me­dia­len Wir­bel ge­sorgt als der Schil­der­klau vor sechs Jah­ren. Da­mals schraub­ten am Hei­li­gen Abend – wäh­rend die Men­schen in der Kir­che wa­ren – Die­be das „Beth­le­hem“Schild ab und nah­men es mit. Ge­schnappt wur­den die Übel­tä­ter nie. Da­für neue Schil­der an­ge­bracht, al­ler­dings in ei­ner ver­än­der­ten Ver­si­on. Stand auf dem ge­klau­ten Ex­em­plar noch groß „Beth­le­hem“und klein dar­un­ter „Gde. Len­gen­wang, Kreis Ost­all­gäu“, ist auf dem neu­en Schild das Beth­le­hem klein in die Un­ter­zei­le ge­wan­dert. Und seit­dem wohl kein An­reiz mehr für Schil­der­die­be und Sou­ve­nir­jä­ger.

Ei­nes der we­ni­gen al­ten Orts­schil­der, auf de­nen nur Beth­le­hem in gel­ber Schrift auf grü­nem Grund steht, hält Bet­ti­na Hutter in Eh­ren. Ih­re Nach­ba­rin, Ger­ti Fritsch, hat für den Wir­bel, der in der Vor­weih­nachts­zeit um ih­re Hei­mat ge­macht wird, nur Kopf­schüt­teln üb­rig. Ihr El­tern­haus ge­hört zu den äl­tes­ten Ge­bäu­den des Teil­orts und ist wohl über 100 Jah­re alt. Und na­tür­lich ist sie be­son­ders stolz dar­auf, Beth­le­he­me­rin der vier­ten Ge­ne­ra­ti­on zu sein. Doch von dem gan­zen Zir­kus rund ums Orts­schild hält sie we­nig. So nahm sie vor we­ni­gen Ta­gen stau­nend und et­was mo­kiert zur Kennt­nis, dass ein Fern­seh­team aus Ra­vens­burg je­man­den ge­filmt hat, der mit dem al­ten Orts­schild über den Acker ge­gen­über ge­lau­fen ist. Doch da hat sie sich wohl ver­guckt. Denn, Ent­schul­di­gung Frau Fritsch, das war kein Ka­me­ra­team, son­dern nur un­ser Fo­to­graf, der dem Beth­le­hem-Schild mal wie­der Bei­ne ge­macht hat.

FOTOS: RO­LAND RASEMANN

Gleich hin­ter Beth­le­hem/ Len­gen­wang tür­men sich die Al­pen­gip­fel auf.

Sieg­fried Schmei­ser ge­hört der ein­zi­ge Stall in Beth­le­hem.

Das al­te Orts­teil­schild von Beth­le­hem hat im­mer wie­der Bei­ne ge­kriegt.

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