Viel mehr als ein Mäd­chen für al­les

Das Spek­trum der Aus­bil­dun­gen im haus­wirt­schaft­li­chen Be­reich ist sehr breit – Qua­li­fi­zie­rung mit Meis­ter­brief und Stu­di­um

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MEINE SEITE - Von Rolf Die­te­rich

ine ei­ge­ne Bran­che im üb­li­chen Sin­ne ist die Haus­wirt­schaft nicht. Sie stellt viel­mehr ei­ne Art Qu­er­schnitts­funk­ti­on dar, die vie­le Be­rei­che der Wirt­schaft und Ge­sell­schaft ver­bin­det. Mit ih­ren gut 200 000 Men­schen ist sie je­doch ein re­spek­ta­bler volks­wirt­schaft­li­cher Be­schäf­ti­gungs­fak­tor. Nicht zu­letzt aber hat die Haus­wirt­schaft ei­ne au­ßer­or­dent­lich lan­ge Tra­di­ti­on. Haus­wirt­schaf­te­rin ist wahr­schein­lich so­gar ei­ner der äl­tes­ten Be­ru­fe über­haupt.

Die weit­aus meis­te Zeit ih­rer Ge­schich­te hat­te die Haus­wirt­schaft frei­lich ei­nen aus­schließ­lich pri­va­ten Cha­rak­ter. Die Haus­frau führte den Haus­halt für ih­re Fa­mi­lie. Da­bei ging es vor al­lem um das Ko­chen, Wa­schen, Rei­ni­gen der Räu­me, Nä­hen, Fli­cken, Stri­cken und Stop­fen. Im 19. Jahr­hun­dert ka­men die Haus­halts­schu­len auf, in die bür­ger­li­che Fa­mi­li­en ih­re Töch­ter zur Vor­be­rei­tung auf de­ren haus­frau­li­che Pflich­ten als Ehe­frau­en und Müt­ter schick­ten. Um 1900 ent­stan­den auch die ers­ten Lehr­bü­cher mit haus­wirt­schaft­li­chem In­halt.

Erst im Lau­fe des 20. Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­ten sich aus die­sen zu­meist nur auf den ei­ge­nen pri­va­ten Haus­halt aus­ge­rich­te­ten Tä­tig­kei­ten an­er­kann­te und auf ei­ner spe­zi­el­len Aus­bil­dung be­ru­hen­de Be­ru­fe, mit de­nen vor al­lem Frau­en ih­ren Le­bens­un­ter­halt ver­dien­ten, et­wa als Haus­häl­te­rin oder Be­schlie­ße­rin. Die Haus­wirt­schaft im mo­der­nen Sin­ne ver­steht sich als ei­ne pro­fes­sio­nel­le und ver­ant­wort­li­che Wirt­schafts­füh­rung von klei­nen, mitt­le­ren oder gro­ßen haus­wirt­schaft­li­chen Ein­hei­ten. Die­se rei­chen vom pri­va­ten Haus­halt und dem Bau­ern­hof bis zu Kin­der- und Se­nio­ren­hei­men, von Ju­gend­her­ber­gen bis zu Re­ha­zen­tren, von So­zi­al­sta­tio­nen bis zu Ho­tels, um nur die wich­tigs­ten zu nen­nen. Die haus­wirt­schaft­li­chen Tä­tig­kei­ten um­fas­sen Pla­nungs- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­auf­ga­ben un­ter an­de- rem beim Ein­kauf und der La­ger­hal­tung, in der Kü­che, in der Ver­sor­gung mit fri­scher Wä­sche, in der Rei­ni­gung von Tex­ti­li­en und Räu­men, auch in der Vor­be­rei­tung und Ver­an­stal­tung von Fei­ern al­ler Art. Er­näh­rung und Ge­sund­heit Das Spek­trum der Aus­bil­dun­gen im haus­wirt­schaft­li­chen Be­reich ist sehr breit. Al­len aber ist ge­mein­sam, dass jun­ge Leu­te, die sich für ei­nen haus­wirt­schaft­li­chen Aus­bil­dungs­gang ent­schei­den, ein be­son­de­res In­ter­es­se an Er­näh­rungs-, Ge­sund­heits- und Um­welt­fra­gen, aber auch Or­ga­ni­sa­ti­ons­ta­lent und Krea­ti­vi­tät, Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein, die Fä­hig­keit zum selbst­stän­di­gen Pla­nen und Ar­bei­ten und nicht zu­letzt die Freu­de an der Be­treu­ung von Men­schen mit­brin­gen soll­ten.

Zur Haus­wirt­schaf­te­rin (meist han­delt es sich ja um Frau­en, aber auch Män­nern steht die­ser Be­ruf selbst­ver­ständ­lich of­fen) führt ei­ne drei­jäh­ri­ge dua­le Aus­bil­dung in Be- trieb und Be­rufs­schu­le nach den Re­ge­lun­gen des Be­rufs­bil­dungs­ge­set­zes. Sie wird mit ei­ner schrift­li­chen und prak­ti­schen Prü­fung ab­ge­schlos­sen.

Der Ab­schluss als Haus­wirt­schaf­te­rin und ei­ne min­des­tens drei­jäh­ri­ge Tä­tig­keit in der Haus­wirt­schaft sind die Vor­aus­set­zung für ei­ne Wei­ter­bil­dung zur Haus­wirt­schafts­meis­te­rin. Be­rufs­bil­den­de Schu­len, haus­wirt­schaft­li­che Ver­bän­de oder Land­wirt­schafts­kam­mern bie­ten die Vor­be­rei­tungs­lehr­gän­ge für die Meis­ter­prü­fung an, so­wohl in Voll­zeit (et­wa 750 St­un­den) als auch in Teil­zeit (bis zu drei Jah­ren). Haus­wirt­schafts­meis­te­rin­nen ha­ben gu­te Chan­cen als Füh­rungs­kräf­te in den haus­wirt­schaft­li­chen Di­enst­leis­tungs­be­rei­chen der ver­schie­dens­ten so­zia­len Ein­rich­tun­gen.

Ei­ne an­de­re Wei­ter­bil­dungs­mög­lich­keit für Haus­wirt­schaf­te­rin­nen mit min­des­tens zwei Jah­ren Be­rufs­pra­xis führt zur Fach­haus­wirt­schaf­te­rin. Die ent­spre­chen­den Kennt­nis- se wer­den in ei­nem be­rufs­be­glei­ten­den Vor­be­rei­tungs­lehr­gang und ei­nem Prak­ti­kum in am­bu­lan­ten oder sta­tio­nä­ren Ein­rich­tun­gen der Al­ten­hil­fe ver­mit­telt. Ge­ra­de in der Be­treu­ung äl­te­rer Men­schen in am­bu­lan­ten so­zia­len Di­ens­ten, in Ta­ges­pfle­ge­ein­rich­tun­gen, in der Kurz­zeit­pfle­ge oder in Pri­vat­haus­hal­ten fin­den Fach­haus­wirt­schaf­te­rin­nen auch ihr Haupt­be­tä­ti­gungs­ge­biet. Da­bei geht es nicht zu­letzt dar­um, die Se­nio­rin­nen und Se­nio­ren bei ei­ner mög­lichst ei­gen­stän­di­gen Le­bens­füh­rung zu un­ter­stüt­zen. An­ge­sichts un­se­rer al­tern­den Ge­sell­schaft er­war­ten Ar­beits­markt­ex­per­ten ei­nen stei­gen­den Be­darf an sol­chen Fach­kräf­ten.

Die Wei­ter­bil­dung zur Haus­wirt­schaft­li­chen Be­triebs­lei­te­rin setzt ne­ben ei­nem mitt­le­ren Bil­dungs­ab­schluss eben­falls ei­ne ab­ge­schlos­se­ne ein­schlä­gi­ge Be­rufs­aus­bil­dung und ei­ne be­ruf­li­che Tä­tig­keit vor­aus. Sie ist lan­des­recht­lich ge­re­gelt und wird von Fach­schu­len, Fach­aka­de- mi­en und Be­rufs­kol­legs an­ge­bo­ten. In Voll­zeit dau­ert die­se Wei­ter­bil­dung zwei bis drei Jah­re, in Teil­zeit vier Jah­re. Haus­wirt­schaft­li­che Be­triebs­lei­te­rin­nen ar­bei­ten häu­fig in gro­ßen haus- oder land­wirt­schaft­li­chen Be­trie­ben, in Kran­ken­häu­sern, Re­ha-Ein­rich­tun­gen und Sa­na­to­ri­en, aber auch in der Ho­tel­le­rie und Gas­tro­no­mie. Stu­di­en­fach Öko­tro­pho­lo­gie Zu ei­nem ei­gen­stän­di­gen aka­de­mi­schen Be­ruf ist die Haus­wirt­schaft in den 1960er-Jah­ren un­ter der Be­zeich­nung Öko­tro­pho­lo­gie (Hau­sund Er­näh­rungs­wis­sen­schaft) ge­wor­den, hat sich in­zwi­schen aber fest in der wis­sen­schaft­li­chen Leh­re und For­schung eta­bliert. Öko­tro­pho­lo­gie wird heu­te von vie­len Uni­ver­si­tä­ten und Fach­hoch­schu­len mit Ba­che­lor- und Mas­terab­schluss an­ge­bo­ten. Es han­delt sich da­bei um ei­nen in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Stu­di­en­gang, der na­tur­wis­sen­schaft­lich-me­di­zi­ni­sche (Er­näh­rungs­leh­re) mit psy­cho- so­zio­lo­gi­schen (zum Bei­spiel Er­näh­rungs­so­zio­lo­gie), öko­no­mi­schen und tech­ni­schen Wis­sens­ge­bie­ten (Le­bens­mit­tel­tech­no­lo­gie und Pro­zess­tech­nik) ver­bin­det. Laut Sta­tis­ti­schem Bun­des­amt wa­ren im Win­ter­se­mes­ter 2012/13 gut 9500 Stu­die­ren­de der Er­näh­rungs- und Haus­halts­wis­sen­schaf­ten in Ba­che­lor- und Mas­ter-Stu­di­en­gän­gen ein­ge­schrie­ben. Fast 85 Pro­zent da­von wa­ren Frau­en.

Aus­ge­bil­de­te Öko­tro­pho­lo­gin­nen und Öko­tro­pho­lo­gen sind für die Über­nah­me viel­fäl­ti­ger lei­ten­der Auf­ga­ben qua­li­fi­ziert. Ar­beits­plät­ze für sie gibt es in klas­si­schen haus­wirt­schaft­li­chen Di­enst­leis­tungs­be­rei­chen von so­zia­len Ein­rich­tun­gen, Kran­ken­häu­sern, Groß­kan­ti­nen und Ho­tels. Sie über­neh­men aber auch be­ra­ten­de Funk­tio­nen bei Kran­ken­kas­sen, in Be­trie­ben der Le­bens- und Ge­nuss­mit­tel­in­dus­trie, in der Markt­for­schung, bei PR-Agen­tu­ren oder un­ter­rich­ten als Lehr­kräf­te an Be­rufs- und Fach­schu­len.

Die haus­wirt­schaft­li­chen Tä­tig­kei­ten um­fas­sen auch Pla­nungs- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­auf­ga­ben, un­ter an­de­rem beim Ein­kauf und bei der La­ger­hal­tung.

FOTOS: BUN­DES­AGEN­TUR FÜR AR­BEIT

Die Kü­che ist seit je­her ein Kern­be­reich der Haus­wirt­schaft, die Auf­ga­ben rei­chen aber weit dar­über hin­aus.

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