Bun­des­wehr sieht sich „im ro­ten Be­reich“

Sol­da­ten­ver­tre­ter kla­gen über zu ho­he Be­las­tun­gen durch Ein­sät­ze im In- und Aus­land

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Micha­el Fi­scher

BER­LIN - Tor­na­dos für den Kampf ge­gen den so­ge­nann­ten Is­la­mi­schen Staat (IS), Blau­helm­sol­da­ten für Frie­den in Ma­li und jetzt Awacs-Auf­klä­rer für den Schutz der Tür­kei. Hat die Bun­des­wehr ih­re Ka­pa­zi­täts­gren­zen er­reicht – oder so­gar über­schrit­ten?

Und noch ein Ein­satz: Deut­sche Sol­da­ten sol­len dem­nächst in AwacsAuf­klä­rungs­flug­zeu­gen den Luf­t­raum über der Tür­kei über­wa­chen. Die Flug­zeu­ge sol­len dem an die Bür­ger­kriegs­län­der Sy­ri­en und Irak gren­zen­den Na­to-Part­ner Si­cher­heit ge­ben.

Sie wer­den am Ran­de der Mil­lio­nen­stadt Konya sta­tio­niert, 270 Ki­lo­me­ter west­lich vom Luft­waf­fen­Stütz­punkt In­cir­lik. Von dort aus star­tet seit zwei Wo­chen fast täg­lich ein deut­sches Tank­flug­zeug, um die Luft­an­grif­fe ge­gen den IS in Sy­ri­en und Irak zu un­ter­stüt­zen. Ab Ja­nu­ar sol­len sich auch deut­sche Tor­na­doAuf­klä­rungs­flug­zeu­ge an dem Ein­satz be­tei­li­gen. Et­wa zur glei­chen Zeit will das Ka­bi­nett die Be­tei­li­gung an der UN-Frie­dens­mis­si­on in Ma­li mit 650 Sol­da­ten be­schlie­ßen. Der Aus­bil­dungs­ein­satz in Af­gha­nis­tan wur­de be­reits kurz vor Weih­nach­ten auf­ge­stockt. Auch im Irak ist ei­ne Ver­grö­ße­rung der Bun­des­wehr­trup­pe ge­plant.

Was denn noch al­les? Das fra­gen sich jetzt der Wehr­be­auf­trag­te des Bun­des­tags und der Bun­des­wehr­ver­band im Chor. „Das al­les, was wir ma­chen sol­len, das geht mit dem jet­zi­gen Per­so­nal und Ma­te­ri­al so nicht mehr wei­ter“, sagt An­dré Wüst­ner, Chef der Sol­da­ten­ge­werk­schaft. „Wir sind ab­so­lut im ro­ten Be­reich.“Auch der Wehr­be­auf­trag­te Hans-Pe­ter Bar­tels, der sich als An­walt der Sol­da­ten ver­steht, sieht die Bun­des­wehr „per­so­nell im frei­en Fall“und for­dert ei­ne Trend­wen­de. Der­zeit nur 3100 im Aus­land Sind die For­de­run­gen Alar­mis­mus oder be­rech­tigt? Rich­tig ist, dass die Bun­des­wehr in den ver­gan­ge­nen 25 Jah­ren mas­siv ge­schrumpft ist – von fast 600 000 Sol­da­ten nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung auf heu­te nur noch 178 000 Sol­da­ten. Die letz­te Bun­des­wehr­re­form sieht vor, dass 10 000 Sol­da­ten gleich­zei­tig ins Aus­land ge­schickt wer­den kön­nen. Der­zeit sind es aber nur 3100. Auch wenn man al­le ge­plan­ten neu­en Ein­sät­ze und Auf­sto­ckun­gen da­zu rech­net, kommt man auf 5000 Sol­da­ten. In der Ver­gan­gen­heit war die Bun­des­wehr zeit­wei­se mit dop­pelt so vie­len Kräf­ten im Ein­satz. Zu­dem: Ein ent­beh­rungs­rei­cher Kampf­ein­satz am Bo­den wie über vie­le Jah­re in Af­gha­nis­tan ist heu­te gar nicht mehr da­bei. Sol­da­ten an die Na­to ge­bun­den Der jetzt von der Na­to be­schlos­se­ne Awacs-Ein­satz wird die Bun­des­wehr nicht zu­sätz­lich be­las­ten, weil die deut­schen Sol­da­ten, die dar­an teil­neh­men, oh­ne­hin an die Na­to ge­bun­den sind. Ob sie in Geilenkirchen bei Aa­chen oder im tür­ki­schen Konya sta­tio­niert sind, macht kei­nen Un­ter- schied. Au­ßer­dem be­en­det die Bun­des­wehr gleich­zei­tig den Ein­satz von 300 Sol­da­ten mit „Pa­tri­ot“-Ab­wehr­ra­ke­ten in der Tür­kei. Un­ter dem Strich spart die Bun­des­wehr beim Na­to-Ein­satz zum Schutz des Bünd­nis­part­ners al­so so­gar Per­so­nal. Die größ­te Be­las­tung sind für die Bun­des­wehr der­zeit nicht die Aus­lands­ein­sät­ze, son­dern die Flücht­lings­hil­fe im In­land, für die rund 7000 Sol­da­ten ge­braucht wer­den. Das ist al­ler­dings nur ei­ne vor­über­ge­hen­de Not­hil­fe für die zu­stän­di­gen Be­hör­den, die wahr­schein­lich nach und nach zu­rück­ge­fah­ren wird.

Hin­zu kom­men wei­te­re Na­to-Ver­pflich­tun­gen. Deutsch­land ist in die­sem Jahr mit 4600 Sol­da­ten maß­geb­lich an der schnel­len Ein­greif­trup­pe des Bünd­nis­ses be­tei­ligt, deut­sche „Euro­figh­ter“über­wa­chen den Luf­t­raum über dem Bal­ti­kum, und deut­sche Schif­fe sind in Na­to-Ma­ri­ne­ver­bän­den un­ter­wegs.

Das sind aber al­les Auf­ga­ben, die es auch vor der Ukrai­ne-Kri­se schon gab. An­ge­sichts der Un­be­re­chen­bar­keit der Kri­sen dürf­te Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en (CDU) gu­te Chan­cen ha­ben, mehr Per­so­nal für die Bun­des­wehr zu be­kom­men. Die Auf­sto­ckung des Ver­tei­di­gungs­etats ist von der Ley­en schon ge­lun­gen. Und auch vie­le Wäh­ler un­ter­stüt­zen ei­ne Ver­grö­ße­rung der Bun­des­wehr. In ei­ner ak­tu­el­len Um­fra­ge spra­chen sich 56 Pro­zent da­für aus, nur 30 Pro­zent da­ge­gen.

FOTO: DPA

Deut­sche Sol­da­ten sol­len von Ja­nu­ar an in Awacs- Flug­zeu­gen den Luf­t­raum über der Tür­kei über­wa­chen. Die­ses Foto zeigt ein Auf­klä­rungs­flug­zeug vom E- 3A- Ver­band der Na­to- Früh­warn­flot­te.

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