Die UN ste­hen vor ei­nem schwie­ri­gen Jahr 2016

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MEINUNG & DIALOG - Von Chris Mel­zer, New York

er Ton ist rau ge­wor­den bei den Ver­ein­ten Na­tio­nen am New Yor­ker East Ri­ver und die Di­plo­ma­ten sind längst nicht mehr so di­plo­ma­tisch wie in der Zeit, als der Os­ten und der Wes­ten of­fi­zi­ell bes­te Freun­de wa­ren. Kann ei­ne Uno so über­haupt ef­fi­zi­ent sein? Und wel­che Mög­lich­kei­ten hat der neue Ge­ne­ral­se­kre­tär, der im Som­mer ge­wählt wer­den soll?

Die Uno war 1945 von den Sie­ger­mäch­ten aus der Tau­fe ge­ho­ben wor­den und die Struk­tur ist noch die von da­mals. Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en wer­den als Welt­mäch­te mit Ve­to­macht im Si­cher­heits­rat be­han­delt. In­di­en oder Bra­si­li­en da­ge­gen, Ja­pan oder Me­xi­ko dür­fen kei­ne grö­ße­re Rol­le spie­len. Und wenn sich die fünf stän­di­gen Mit­glie­der des Si­cher­heits­ra­tes strei­ten, ist der Rat po­li­tisch zur Pas­si­vi­tät ver­ur­teilt.

„Das ist nicht ein Ver­sa­gen der Uno, son­dern der Staa­ten“, sagt UNEx­per­te Klaus Die­ter Wolf. Der Pro­fes­sor der Hes­si­schen Stif­tung Frie­dens- und Kon­flikt­for­schung fin­det die Uno wich­ti­ger denn je. „In der Flücht­lings­kri­se hat man mit dem Ho­hen Flücht­lings­kom­mis­sar ge­nau das rich­ti­ge In­stru­ment zur Ver­fü­gung. Eu­ro­pa hät­te, statt hek­tisch zu strei­ten, lie­ber dem UNHCR un­ter die Ar­me grei­fen sol­len.“

Des­sen Bü­ro lei­de un­ter „dem mas­si­ven Miss­ver­hält­nis zwi­schen ex­plo­die­ren­den Auf­ga­ben und zur Ver­fü­gung ge­stell­ten Gel­dern“, meint Wolf. So könn­te die EU sinn­vol­ler­wei­se Geld für die Flücht­lings­la­ger im Na­hen Os­ten zur Ver­fü­gung stel­len. „Im Grun­de ist es Zeit, die Uno wie­der­zu­ent­de­cken.“

Nach der Öff­nung des Ost­blocks schien die Wel­t­or­ga­ni­sa­ti­on zum ech­ten Pro­blem­lö­ser zu wer­den. Doch als der Wes­ten die UN-Re­so­lu- ti­on 1973/2011 zur Ba­sis nahm, um mit Kampf­flug­zeu­gen den Sturz des li­by­schen Dik­ta­tors Mu­am­mar alG­ad­da­fi zu un­ter­stüt­zen, brach der Kon­flikt zwi­schen den USA, Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich auf der ei­nen und Russ­land und Chi­na auf der an­de­ren Sei­te of­fen aus. Der Sy­ri­en­krieg ze­men­tier­te lan­ge Zeit den Kon­flikt. Erst nach dem rus­si­schen mi­li­tä­ri­schen Ein­grei­fen auf­sei­ten von Da­mas­kus kam Be­we­gung in die Fron­ten.

Ban Ki-moon, der sich im­mer eher als Di­plo­mat und Ver­mitt­ler denn als po­li­ti­scher Füh­rer sah, konn­te kaum et­was be­we­gen. Im Som­mer wird ein neu­er UN-Ge­ne­ral­se­kre­tär ge­wählt, der sein Amt 2017 an­tritt. Dies­mal ist ein Eu­ro­pä­er aus dem al­ten po­li­ti­schen Os­ten dran; fünf Kan­di­da­ten gibt es schon. Als be­son­ders chan­cen­reich gel­ten zwei Frau­en: Unesco-Che­fin Iri­na Bo­ko­va aus Bul­ga­ri­en und Kroa­ti­ens Au­ßen­mi­nis­te­rin Ves­na Pu­sic. Aber könn­ten die wirk­lich mehr be­we­gen als der er­fah­re­ne Ban? „Man soll­te das Amt nicht un­ter­schät­zen“, sagt Tho­mas Ma­tus­sek. Deutsch­lands frü­he­rer UN-Bot­schaf­ter ver­gleicht es mit ei­ner an­de­ren pro­mi­nen­ten Per­so­na­lie. „So wie der Papst kei­ne ei­gent­li­che Macht hat, hat er doch sehr viel Ein­fluss.“Der UN-Ge­ne­ral­se­kre­tär sei „der welt­li­che Papst“.

Po­li­to­lo­ge Wolf sieht die Mög­lich­kei­ten je­doch pes­si­mis­ti­scher: „Die Hand­lungs­spiel­räu­me sind be­grenzt. Zu­dem le­ben wir in ei­ner Pha­se des Über­gangs: Die frü­he­re Ord­nungs­macht USA zieht sich zu­rück oder wird nicht mehr ak­zep­tiert und an­de­re Ak­teu­re, vor al­lem Chi­na, scheu­en da­vor zu­rück, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men.“Mo­men­tan ge­be es fast ein Va­ku­um. „Für ei­nen Ge­ne­ral­se­kre­tär, wer im­mer es sein wird, wird es sehr schwer sein, sich dar­in zu be­we­gen.“

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