„Ma­schi­nen­bau­er sind stark ge­for­dert“

VDMA-Ge­schäfts­füh­rer Dietrich Birk über Flücht­lin­ge und das Frei­han­dels­ab­kom­men TTIP

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIRTSCHAFT -

STUTTGART - Der ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Ma­schi­nen­bau ist gut durchs Jahr ge­kom­men. Doch die In­dus­trie ver­spürt Ge­gen­wind: Die Fol­gen der Fi­nanz­kri­se sind längst nicht aus­ge­stan­den, die Ver­lus­te in Russ­land sind schmerz­haft, der Wi­der­stand ge­gen das für den Ma­schi­nen­bau so wich­ti­ge Frei­han­dels­ab­kom­men TTIP ist groß. Auch die In­te­gra­ti­on der Flücht­lin­ge wird der Schlüs­sel­bran­che ei­nen Kraft­akt ab­ver­lan­gen, sagt Dietrich Birk, Ge­schäfts­füh­rer des Ma­schi­nen­bau­ver­bands VDMA, im Ge­spräch mit Stef­fen Ran­ge. Der Ma­schi­nen­bau ist ei­ne welt­of­fe­ne, in­ter­na­tio­nal aus­ge­rich­te­te Bran­che – und auf Ex­por­te ins Aus­land zwin­gend an­ge­wie­sen. Die EU al­ler­dings wirkt zer­strit­ten wie nie, na­tio­na­lis­ti­sche Par­tei­en er­zie­len rei­hen­wei­se gro­ße Er­fol­ge. Be­rei­tet Ih­nen der Zu­stand Eu­ro­pas Sor­gen? Wenn ich mir die öko­no­mi­schen Da­ten in Eu­ro­pa an­schaue, bin ich op­ti­mis­ti­scher als En­de letz­ten Jah­res. Es gibt ei­ne Rei­he von Staa­ten, die die Fi­nanz­kri­se or­dent­lich auf­ge­ar­bei­tet ha­ben. Die Nach­fra­ge aus Ita­li­en, Spa­ni­en, Po­len und Groß­bri­tan­ni­en zieht an. Auf der an­de­ren Sei­te tre­ten lei­der ei­ni­ge Län­der wirt­schaft­lich auf der Stel­le. Da­zu zäh­le ich Frank­reich. In Frank­reich hat die rechts­ex­tre­me Par­tei Front Na­tio­nal bei den Re­gio­nal­wah­len stark zu­ge­legt. Wie be­wer­ten Sie sol­che Wah­l­er­geb­nis­se? Es scheint lei­der tat­säch­lich so, dass in Eu­ro­pa der­zeit nicht die be­re­chen­ba­ren po­li­ti­schen Kräf­te der Mit­te er­star­ken, son­dern die Par­tei­en an den Rändern. Den­ken Sie an den Links­ruck in Por­tu­gal oder den Rechts­ruck in Frank­reich und Po­len. Kon­flikt­po­ten­zi­al se­he ich vor al­lem in der Fra­ge der künf­ti­gen Re­form­po­li­tik. Eu­ro­pa ist mehr als der EUBin­nen­markt und die ge­mein­sa­me Wäh­rung: Als po­li­ti­sche Wer­te- und Sta­bi­li­täts­ge­mein­schaft in der Welt müs­sen die po­li­ti­schen Ge­mein­sam­kei­ten in Eu­ro­pa wie­der stär­ker her­aus­ge­ar­bei­tet wer­den. Und wo se­hen Sie Ge­mein­sam­kei­ten? Wirt­schafts­po­li­tisch be­trach­tet bei­spiels­wei­se bei den Ver­hand­lun­gen zum Frei­han­dels­ab­kom­men TTIP. Hier er­ken­ne ich trotz of­fe­ner De­tail­fra­gen ei­ne ge­mein­sa­me Ver­hand­lungs­li­nie der Eu­ro­pä­er. Ei­ne Mehr­heit der deut­schen Be­völ­ke­rung frem­delt mit TTIP. Ist das Frei­han­dels­ab­kom­men nicht ein Eli­ten­pro­jekt der Po­li­ti­ker und Lob­by­is­ten? Nein, TTIP ist für un­se­re In­dus­trie in Ba­den-Würt­tem­berg au­ßer­or­dent­lich wich­tig. Es bie­tet gro­ße Chan­cen, auf der Grund­la­ge ge­mein­sa­mer Stan­dards und Re­gel­wer­ke stär­ker in den US-ame­ri­ka­ni­schen Markt zu ex­por­tie­ren. Da­mit si­chern wir Wert­schöp­fung und Ar­beits­plät­ze im In­land, ge­ra­de auch im ba­den­würt­tem­ber­gi­schen Ma­schi­nen­bau. Wie zu­ver­sicht­lich sind Sie, dass die Bun­des­re­gie­rung die Kraft hat, TTIP durch­zu­set­zen? Die Bun­des­re­gie­rung hat sich klar zu­guns­ten von TTIP po­si­tio­niert. Ich ver­traue na­tür­lich auch der Ver­hand­lungs­füh­rung auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne. An­de­re Län­der um uns her­um in Eu­ro­pa sind TTIP ge­gen­über deut­lich auf­ge­schlos­se­ner. Hier­zu­lan­de müs­sen wir noch viel Über­zeu­gungs­ar­beit leis­ten. Dietrich Birk ist Ge­schäfts­füh­rer des Ma­schi­nen­bau­ver­bands VDMA Ba­den- Würt­tem­berg. Der 48- Jäh­ri­ge pro­mo­vier­te Di­plom­Kauf­mann war von 1996 bis 2013 Vor al­lem in der Flücht­lings­fra­ge sind sich die eu­ro­päi­schen Län­der al­les an­de­re als ei­nig. Was kommt durch die Zu­wan­de­rung auf den Ma­schi­nen­bau zu? Der Ma­schi­nen­bau mit sei­nen über 300 000 Be­schäf­tig­ten in Ba­denWürt­tem­berg bie­tet auch für Flücht­lin­ge Be­schäf­ti­gungs­per­spek­ti­ven, die für uns in­ter­es­sant sein kön­nen. Den­noch ist nüch­ter­ner Rea­li­täts­sinn ge­fragt, die Her­an­füh­rung an den deut­schen Ar­beits­all­tag wird nicht ein­fach. Wir müs­sen ge­nau prü­fen, wel­che Qua­li­fi­ka­tio­nen die Flücht­lin­ge mit­brin­gen. Ganz we­sent­lich ist das Er­ler­nen der deut­schen Spra­che und die schritt­wei­se be­ruf­li­che Qua­li­fi­zie­rung. Wie vie­le Flücht­lin­ge sind für ei­ne Tä­tig­keit im Ma­schi­nen­bau ge­eig­net? CDU- Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter, von 2006 bis 2011 Staats­se­kre­tär im Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­um Ba­denWürt­tem­berg. Birk ist ver­hei­ra­tet und hat zwei Kin­der. ( sz) Vie­le Flücht­lin­ge ha­ben vor­her in Be­ru­fen au­ßer­halb der In­dus­trie, bei­spiels­wei­se in der Land­wirt­schaft, im Hand­werk oder als Händ­ler ge­ar­bei­tet. Das be­rich­ten uns Un­ter­neh­men, die sich auf dem Markt um­ge­schaut ha­ben. Das heißt, wir brau­chen die Res­sour­cen, um die­se Men­schen an ein Qua­li­fi­ka­ti­ons­ni­veau her­an­zu­füh­ren, das an­nä­hernd dem ei­nes deut­schen Fach­ar­bei­ters ent­spricht. Da­zu be­nö­tigt es Zeit, Ge­duld und Aus­dau­er. Wie lan­ge wird die In­te­gra­ti­on dau­ern? Ex­per­ten rech­nen da­mit, dass es min­des­tens fünf bis sie­ben Jah­ren dau­ert, bis die­se Men­schen voll in den deut­schen Ar­beits­markt in­te­griert wer­den kön­nen. Die Eu­pho­rie in der Wirt­schaft ist al­so ver­flo­gen? Wir ge­ben uns zu­min­dest kei­ner Il­lu­si­on hin, dass je­mand, der noch nie an ei­ner CNC-Ma­schi­ne ge­ar­bei­tet hat, die­se Fer­tig­keit in Kür­ze er­ler­nen kann. Wir sind weit da­von ent­fernt, von ei­nem Wirt­schafts­wun­der zu spre­chen. Die In­te­gra­ti­on der Flücht­lin­ge in das Ar­beits­le­ben ist viel­mehr ei­ne Auf­ga­be, die uns über Jah­re hin­weg for­dern wird. Nächs­tes Jahr wird in Ba­denWürt­tem­berg ge­wählt. Was sind aus Sicht des VDMA die wich­tigs­ten Schwer­punk­te für die neue Lan­des­re­gie­rung? Ganz klar Vor­fahrt für In­fra­struk­tur. Wir müs­sen so­wohl bei den Ver­kehrs­we­gen als auch beim Breit­band­aus­bau vor­an­kom­men. Das zwei­te gro­ße The­ma ist die Be­glei­tung des Ma­schi­nen­baus bei der In­ter­na­tio­na­li­sie­rung und Di­gi­ta­li­sie­rung. Da sind wir in Ba­den-Würt­tem­berg mit der Al­li­anz In­dus­trie 4.0 recht gut un­ter­wegs. Und ein drit­tes The­ma ist die Erb­schafts­steu­er­re­form. Hier se­hen wir er­heb­li­chen Kor­rek­tur­be­darf. Aber da ist doch in ers­ter Li­nie Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le ge­fragt. Was kann das Land tun? Über den Bun­des­rat gibt es Mög­lich­kei­ten, sich klar zu po­si­tio­nie­ren. Wir er­war­ten von ei­ner Lan­des­re­gie­rung, dass sie die mit­tel­stän­di­schen Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men aus Ba­den-Würt­tem­berg fest im Blick hat. Wir wol­len ei­ne Lö­sung, die un­se­re Un­ter­neh­men nicht zu­sätz­lich be­las­tet und da­mit die Kraft für In­no­va­ti­on und für In­ves­ti­tio­nen am Stand­ort Deutsch­land be­ein­träch­tigt. Ei­ne Lang­fas­sung des In­ter­views mit Dietrich Birk le­sen Sie un­ter www.schwa­ebi­sche.de/vdma

FOTO: PR

Die In­te­gra­ti­on von Flücht­lin­gen in den Ar­beits­markt er­for­dert laut Dirk Birk vor al­lem Zeit, Ge­duld und Aus­dau­er.

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