Von der Pro­pa­gan­da zur Frie­dens­bot­schaft

1939 lu­den die Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker zum ers­ten Neu­jahrs­kon­zert

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Al­ki­mos Sar­to­ros

WI­EN (dpa) - „Pro­sit Neu­jahr“: Das Neu­jahrs­kon­zert der Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker ge­hört zum fes­ten Ri­tu­al in un­zäh­li­gen Wohn­zim­mern. Nach der Sil­ves­ter­nacht wird der Jah­res­an­fang mit ein­gän­gi­gen Wer­ken der Mu­si­ker-Dy­nas­tie Strauß be­gan­gen. Mitt­ler­wei­le ist es ein welt­um­span­nen­des Fern­seh­er­eig­nis mit Mil­lio­nen von Zu­schau­ern. Doch die An­fän­ge rei­chen in die NS-Zeit zu­rück. „Die­ses Kon­zert hat im Lau­fe der Zeit längst die Be­deu­tung ei­ner Bot­schaft der Völ­ker­ver­stän­di­gung und des Frie­dens be­kom­men“, sagt der Di­ri­gent Ma­riss Jan­sons im Interview der Deut­schen Pres­se-Agen­tur. Der 72 Jah­re al­te Let­te wird auch heu­er wie­der das po­pu­lä­re Kon­zert lei­ten.

Die Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker selbst schrei­ben auf ih­rer Home­page: „Der Ur­sprung die­ses Kon­zerts fällt in den düs­ters­ten Ab­schnitt der Ge­schich­te Ös­ter­reichs und des Orches­ters. In­mit­ten von Bar­ba­rei, Dik­ta­tur und Krieg, in ei­ner Pha­se stän­di­gen Ban­gens um das Le­ben ein­zel­ner Mit­glie­der oder de­ren An­ge­hö­ri­ger setz­ten die Phil­har­mo­ni­ker am 31. De­zem­ber 1939 ei­nen am­bi­va­len­ten Ak­zent: Der Rein­ertrag ei­nes der Strauß-Dy­nas­tie ge­wid­me­ten au­ßer­or­dent­li­chen Kon­zerts un­ter der Lei­tung von Clemens Krauss wur­de zur Gän­ze der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Spen­den­ak­ti­on Kriegs­win­ter­hilfs­werk ge­wid­met. 1941 wur­de die Phil­har­mo­ni­sche Aka­de­mie Jo­hann Strauss-Kon­zert am 1. Jän­ner ver­an­stal­tet und in­mit­ten des Krie­ges von vie­len Men­schen als ,echt wie­ne­ri­sches Freu­den­fest’ ver­stan­den, aber auch von der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Pro­pa­gan­da im ,Groß­deut­schen Rund­funk’ ver­ein­nahmt.“Bis zum En­de des Zwei­ten Welt­krie­ges lei­te­te Clemens Krauss die neu ge­schaf­fe­ne In­sti­tu­ti­on. In den Jah­ren 1946 und 1947 über­nahm Jo­sef Krips (1902- 1974) die Auf­ga­be. Krauss kehr­te 1948 nach Auf­he­bung sei­nes zwei­jäh­ri­gen Di­ri­gier­ver­bo­tes durch die Al­li­ier­ten zu­rück und lei­te­te bis 1954 sie­ben wei­te­re Neu­jahrs­kon­zer­te. 50 Mil­lio­nen Zu­schau­er In zeit­ge­nös­si­schen Zei­tun­gen wur­de die Auf­füh­rung als woh­li­ges Ent­rin­nen aus dem All­tag ge­prie­sen. Man dür­fe das Kon­zert mit sei­ner wun­der­schö­nen Mu­sik je­doch nicht po­li­tisch den­ken, sagt Jan­sons. Heu­te wird es in 92 Län­der über­tra­gen und von et­wa 50 Mil­lio­nen TV-Zu­schau­ern ver­folgt. We­gen der gro­ßen Nach­fra­ge aus al­ler Welt wer­den die Kar­ten für das Kon­zert im Gol­de­nen Saal des Wie­ner Mu­sik­ver­eins ver­lost. Von 2. Ja­nu­ar bis 29. Fe­bru­ar 2016 wer­den An­mel­dun­gen zur Teil­nah­me an der Ver­lo­sung der Kar­ten für die Kon­zer­te zum Jah­res­wech­sel 2016/17 ent­ge­gen­ge­nom­men.

Der Un­ter­hal­tungs­cha­rak­ter war bei den Wie­ner Phil­har­mo­ni­kern an­fangs um­strit­ten. Vie­le der an Beet­ho­ven, Brahms und Mah­ler ge­wöhn­ten Mu­si­ker woll­ten „die­se Tanz­mu­sik“nicht spie­len, wie aus al­ten Sit­zungs­pro­to­kol­len des Orches­ters her­vor­geht.

Man kön­ne die Mu­sik nicht mit ei­ner Sym­pho­nie von Mah­ler oder Brahms ver­glei­chen, sagt Jan­sons. „Aber man muss das nicht me­cha­nisch her­un­ter­spu­len.“Mu­sik von Jo­hann Strauß sei nicht leicht. „Das muss man di­ri­gie­ren wie ein nor­ma­les Kon­zert, nicht als Be­glei­tungs­mu­sik zum Tan­zen.“

Auch aus Sicht des Di­ri­gen­ten Zu­bin Meh­ta passt das Neu­jahrs­kon­zert gut ins Port­fo­lio der Phil­har­mo­ni­ker. „Da ist die­se ein­ge­bau­te dis­zi­pli­nier­te Schlam­pe­rei“, cha­rak­te­ri­siert der 79-Jäh­ri­ge, der be­reits fünf­mal das Neu­jahrs­kon­zert lei­te­te, die Auf­trit­te der „Wie­ner“.

Für das Neu­jahrs­kon­zert la­den sich die Phil­har­mo­ni­ker stets Star­di­ri­gen­ten ein. Die Lis­te de­rer, die am 1. Ja­nu­ar im Gol­de­nen Saal des Wie­ner Mu­sik­ver­eins am Pult stan­den, ist lang und ein­drucks­voll: Clau­dio Ab­ba­do, Da­ni­el Ba­ren­boim, Ni­ko­laus Har­non­court, Her­bert von Ka­ra­jan, Car­los Klei­ber und Ric­car­do Mu­ti. .

„Es han­delt sich um ei­ne Ver­nei­gung vor be­son­de­ren Di­ri­gen­ten, mit de­nen die Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker ei­ne en­ge, fast fa­mi­liä­re Be­zie­hung pfle­gen“, sagt der der­zei­ti­ge Orches­ter-Vor­stand Andre­as Groß­bau­er. „Die Eh­re ist ge­gen­sei­tig, so­wohl für die Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker als auch für den Di­ri­gen­ten.“

Aus dem Ka­len­der der Phil­har­mo­ni­ker, die pro Jahr mehr als 100 Kon­zer­te spie­len, ist das Neu­jahrs­kon­zert nun längst nicht mehr weg­zu­den­ken. Groß­bau­er ist sich si­cher: „Das Neu­jahrs­kon­zert ist mehr als ein Kon­zert, es ist ei­ne Frie­dens­bot­schaft an die Zu­se­her, dass man mit­ein­an­der ei­nen Saal zum Klin­gen bringt und Mil­lio­nen von Men­schen­her­zen be­rüh­ren kann.“

Fern­se­hen über­tra­gen

Das Neu­jahrs­kon­zert wird auch im

am Frei­tag, 1. Ja­nu­ar, ab 11.15 Uhr von SRF, ORF2 und ZDF, am Sonn­tag, 3. Ja­nu­ar um 20.15 Uhr von 3sat.

AN­ZEI­GE

FOTO: APA

Seit 1939 ge­ben die Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker zum Jah­res­wech­sel ein Kon­zert, in dem die Wer­ke der Mu­si­ker­fa­mi­lie Strauß im Mit­tel­punkt ste­hen. Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, als Zu­bin Meh­ta am Pult stand.

FOTO: DPA

Heu­er lei­tet Ma­riss Jan­sons das Neu­jahrs­kon­zert.

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