Hil­fe bei See­len­stress

Psy­chi­sche Er­kran­kun­gen sind lang­wie­rig – die rich­ti­ge Be­hand­lung und fi­nan­zi­el­le Ab­si­che­rung sind ele­men­tar

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - GELD & SERVICE - Von An­net­te Jä­ger und Fritz Him­mel

RA­VENS­BURG - Burn-out klingt für vie­le nach Mo­de-Dia­gno­se: Erst wer völ­lig aus­ge­brannt ist, macht sei­nen Job lei­den­schaft­lich. Von we­gen! Dau­er­stress kann zu hand­fes­ten psy­chi­schen Er­kran­kun­gen wie De­pres­sio­nen füh­ren. Sol­che Lei­den sind auf dem Vor­marsch. Das be­legt der DAK-Psy­cho­re­port 2015: 1,9 Mil­lio­nen Be­rufs­tä­ti­ge sind we­gen psy­chi­scher Pro­ble­me im Jahr 2014 krank­ge­schrie­ben ge­we­sen, heißt es dar­in. Be­trof­fen ist je­der 20. Ar­beit­neh­mer.

An­ders als bei ei­nem Bein­bruch, der in sechs Wo­chen ver­heilt ist, zie­hen sich psy­chi­sche Er­kran­kun­gen oft über Mo­na­te. Der Ar­beit­neh­mer kann mög­li­cher­wei­se über ei­nen lan­gen Zei­t­raum nicht ar­bei­ten. Wie si­chert er in die­ser Zeit sei­nen fi­nan­zi­el­len Be­darf? Und wel­che Be­hand­lun­gen ge­wäh­ren Kran­ken­kas­sen und pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­run­gen?

Psy­cho­the­ra­pie Es ist na­tür­lich ei­ne Fra­ge der Dia­gno­se, wel­che Be­hand­lung bei Fol­ge­er­schei­nun­gen von see­li­schen Er­kran­kun­gen in­fra­ge kommt. Doch an ers­ter Stel­le steht in der Re­gel die Psy­cho­the­ra­pie. Die ge­setz­li­che Kran­ken­kas­se (GKV) ge­währt am­bu­lan­te wie auch sta­tio­nä­re Be­hand­lun­gen. Be­din­gung ist, dass Kas­sen­pa­ti­en­ten bei ei­ner am­bu­lan­ten The­ra­pie ei­nen Psy­cho­the­ra­peu­ten mit Kas­sen­zu­las­sung auf­su­chen.

Die Kas­sen er­stat­ten auch so­ge­nann­te Pro­be­sit­zun­gen, die der ei­gent­li­chen The­ra­pie vor­aus­ge­hen. Sie die­nen da­zu, den The­ra­peu­ten ken­nen­zu­ler­nen und her­aus­zu­fin­den, ob Pa­ti­ent und Be­hand­ler zu­ein­an­der pas­sen. In der Re­gel sind das fünf Sit­zun­gen. „Lei­der sind im am­bu­lan­ten Be­reich The­ra­pie­plät­ze rar“, stellt Char­lot­te Hen­kel, Pa­ti­en­ten­be­ra­te­rin bei der Ver­brau­cher­zen­tra­le Ham­burg fest. Pa­ti­en­ten müss­ten oft mo­na­te­lang auf ei­nen The­ra­pie­platz war­ten. „Wenn Sie nach­wei­sen, dass Sie kei­nen Platz ge­fun­den ha­ben und auch die Kas­se kein An­ge­bot ma­chen kann, dür­fen Sie ei­nen The­ra­peu­ten oh­ne Kas­sen­zu­las­sung auf­su­chen.“Die Kas­se muss dies vor­her ge­neh­mi­gen. Ei­ni­ge Kran­ken­kas­sen, dar­un­ter auch die DAK, bie­ten neu­er­dings Online-The­ra­pi­en für ei­ne ers­te Lin­de­rung an. Wer privat ver­si­chert ist, muss sei­nen Ver­trag stu­die­ren: In äl­te­ren Ver­trä­gen sind die Leis­tun­gen für Psy­cho­the­ra­pie oft mi­ni­mal oder feh­len ganz. In neue­ren Ver­trä­gen da­ge­gen sind Leis­tun­gen für Psy­cho­the­ra­pie vor­ge­se­hen, der Um­fang va­ri­iert je­doch. Ei­ni­ge Ta­ri­fe ge­wäh­ren ei­nen be­stimm­ten Pro­zent­satz der Ge­samt­kos­ten, an­de­re ei­ne be­stimm­te An­zahl an Sit­zun­gen pro Jahr, wie­der an­de­re er­stat­ten die ers­ten 30 Sit­zun­gen zu 100 Pro­zent, wei­te­re Sit­zun­gen zu 70 oder 80 Pro­zent.

Ku­ren Auch ei­ne Kur­maß­nah­me kann als Be­hand­lungs­mög­lich­keit in­fra­ge kom­men. Je­der Pa­ti­ent hat ei­nen Den rich­ti­gen Psy­cho­the­ra­peu­ten zu fin­den gleicht oft­mals der Su­che nach der Na­del im Heu­hau­fen. An­lauf­stel­len gibt es bei der Kas­sen­ärzt­li­chen Bun­des­ver­ei­ni­gung ( www. kbv. de), der Deut­schen Psy­cho­lo­gen Aka­de­mie ( www. psy­cho­the­ra­pie­su­che. de), der Deut­schen Psy­cho­the­ra­peu­ten Ver­ei­ni­gung (www.psy­cho­the­ra­peu­ten­lis­te. de) und der Bun- Rechts­an­spruch auf ei­ne Kur­maß­nah­me zur Vor­sor­ge oder Re­ha­bi­li­ta­ti­on, so­weit sie me­di­zi­nisch not­wen­dig ist. In der Re­gel kommt ei­ne Kur für Pa­ti­en­ten in­fra­ge, die ge­fähr­det sind, rich­tig krank zu wer­den – die Kur dient so zur Vor­sor­ge. Bei Ar­beit­neh­mern über­nimmt der Ren­ten­ver­si­che­rer die Kos­ten, wer nicht ar­bei­tet, wen­det sich an die Kran­ken­kas­se. Hier muss der Pa­ti­ent im An­trag nach­wei­sen, dass am­bu­lan­te Maß­nah­men aus­ge­schöpft sind oder nicht aus­rei­chen und des­halb nur des­psy­cho­the­ra­peu­ten­kam­mer ( www. bptk. de). Bei der Su­che emp­fiehlt es sich, An­ru­fe mit dem je­wei­li­gen Na­men, Uhr­zeit und Da­tum zu do­ku­men­tie­ren. Bleibt die Su­che er­folg­los, kann der Pa­ti­ent dies bei der Kas­se nach­wei­sen. Das ist dann wich­tig, wenn er al­ter­na­tiv ei­nen The­ra­peu­ten oh­ne Kas­sen­zu­las­sung auf­su­chen möch­te. ( Bi­al­lo) noch ei­ne sta­tio­nä­re Maß­nah­me in­fra­ge kommt.

An der Be­grün­dung für ei­ne sta­tio­nä­re Kur gilt es sorg­fäl­tig zu fei­len – sie ist der Knack­punkt, ob der An­trag be­wil­ligt oder ab­ge­lehnt wird. Für Müt­ter gibt es spe­zi­el­le Mut­terKind-Ku­ren. „2,1 Mil­lio­nen Müt­ter hät­ten ge­mäß ih­rer ge­sund­heit­li­chen Si­tua­ti­on so­fort An­spruch auf ei­ne Kur­maß­nah­me, aber nur fünf Pro­zent ma­chen ei­ne“, sagt An­ne Schil­ling, Ge­schäfts­füh­re­rin vom Müt­ter­ge­ne­sungs­werk in Ber­lin. Die Kran­ken­kas­se ge­währt drei­wö­chi­ge Kur­auf­ent­hal­te für Mut­ter und Kind. „Die me­di­zi­ni­sche Not­wen­dig­keit der Kur muss gut be­grün­det sein“, rät Schil­ling.

Wird der An­trag ab­ge­lehnt, lohnt es sich, Wi­der­spruch ein­zu­le­gen und die per­sön­li­che Not­la­ge er­neut dar­zu­le­gen: 65 Pro­zent der Wi­der­sprü­che sind er­folg­reich. Be­ra­tungs­stel­len der Wohl­fahrts­ver­bän­de im Ver­bund Müt­ter­ge­ne­sungs­werk un­ter­stüt­zen da­bei. Auch für Vä­ter gibt es sol­che Ku­ren. Pri­vat­pa­ti­en­ten müs­sen ei­nen spe­zi­el­len Kur­ta­rif ab­ge­schlos­sen ha­ben, um ei­ne mehr­wö- chi­ge Aus­zeit fi­nan­ziert zu be­kom­men.

Fi­nan­zi­el­le Ab­si­che­rung Wer­den Ar­beit­neh­mer, die ge­setz­lich kran­ken­ver­si­chert sind, krank­ge­schrie­ben, er­hal­ten sie zu­nächst sechs Wo­chen lang Lohn­fort­zah­lung ih­res Ar­beit­ge­bers. Da­nach springt das Kran­ken­geld der Kran­ken­kas­se ein. Es be­trägt 70 Pro­zent des Brut­to­ein­kom­mens, ma­xi­mal je­doch 90 Pro­zent des Net­to­ein­kom­mens. Es wird längs­tens 78 Wo­chen lang aus­ge­zahlt. Im­mer wie­der ist aber zu hö­ren, dass bei lan­gen Kran­ken­geld­zah­lun­gen der Me­di­zi­ni­sche Di­enst der Kran­ken­kas­sen die Dia­gno­se des Pa­ti­en­ten nach Ak­ten­la­ge be­ur­teilt und die­sen rasch wie­der ge­sund­schreibt. Da­ge­gen kann der Pa­ti­ent na­tür­lich Wi­der­spruch ein­le­gen, es ist je­doch ein auf­wen­di­ges Ver­fah­ren, das er da­mit los­tritt. Wer we­gen Über­las­tung krank­ge­schrie­ben ist, hat in der Re­gel kaum Kraft für sol­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen. „Pa­ti­en­ten sind gut be­ra­ten, sich mit see­li­schen Lei­den gleich an ei­nen Psych­ia­ter zu wen­den, des­sen Aus­sa­gen mehr Ge­wicht ha­ben, als die des Haus­arz­tes“, rät Hen­kel. Selbst­stän­di­gen, die kei­ne Lohn­fort­zah­lung des Ar­beit­ge­bers er­hal­ten, ist zu emp­feh­len, ei­ne pri­va­te Kran­ken­ta­ge­geld­ver­si­che­rung ab­zu­schlie­ßen, um die fi­nan­zi­el­le Lü­cke im Krank­heits­fall zu schlie­ßen.

Be­rufs­un­fä­hig­keit Im schlimms­ten Fall führt ei­ne psy­chi­sche Er­kran­kung zu ei­ner Be­rufs­un­fä­hig­keit. Bei Krank­hei­ten, die län­ger als sechs Mo­na­te dau­ern und bei de­nen der Arzt dem Pa­ti­en­ten ei­ne Be­rufs­un­fä­hig­keit von min­des­tens 50 Pro­zent be­schei­nigt, kommt ei­ne Ren­te aus der Be­rufs­un­fä­hig­keits­ver­si­che­rung in­fra­ge.

„Wich­tig ist, die­se Ver­si­che­rung ab­zu­schlie­ßen, so­lan­ge man als Ar­beit­neh­mer ge­sund ist. Wer ein­mal we­gen Prü­fungs­stress oder Ehestreit ei­ne The­ra­pie ge­macht hat oder psy­cho­lo­gi­sche Be­ra­tung in An­spruch ge­nom­men hat und das im An­trag ehr­lich do­ku­men­tiert, läuft Ge­fahr, dass der Ver­si­che­rer psy­chi­sche Lei­den von den Leis­tun­gen aus­schließt,“stellt Ste­fan Al­bers, Prä­si­dent des Bun­des­ver­ban­des der Ver­si­che­rungs­be­ra­ter, fest.

Weil sich ge­ra­de bei psy­chi­schen Lei­den oft erst nach lan­ger Dau­er zeigt, dass der Pa­ti­ent be­rufs­un­fä­hig ist, ge­währt ein gu­ter Ver­trag rück­wir­kend Leis­tung – al­so ab Tag eins der Dia­gno­se.

FOTO: COLOURBOX. DE

Über­for­de­rung am Ar­beits­platz: Psy­cho­the­ra­pi­en oder Ku­ren kön­nen recht­zei­tig hel­fen.

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