Die Haus­auf­ga­ben sind er­le­digt

Die deut­schen Ski­sprin­ger ge­hen die 64. Vier­schan­zen­tour­nee ge­las­sen an

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT - Von Joa­chim Lindinger

OBERST­DORF - Al­les wie 63-mal zu­vor? Al­les ganz an­ders? Wenn die 64. Vier­schan­zen­tour­nee heu­te um 15.15 Uhr mit dem Trai­ning auf der Gro­ßen Schat­ten­berg­schan­ze be­ginnt (Qua­li­fi­ka­ti­on: 17.15 Uhr/ARD und Eu­ro­sport), wer­den sie wie­der das Wort vom „My­thos“stra­pa­zie­ren – wie all­win­ter­lich, seit­dem Sepp Bradl An­fang 1953 die ers­te „Deutsch-Ös­ter­rei­chi­sche Sprin­ger­tour­nee“ge­wann. Längst wer­den die Luft­fahr­ten von Pe­ter Pre­vc, Ste­fan Kraft, Ken­neth Gang­nes und Kol­le­gen via Su­per­zeit­lu­pe se­ziert, längst sind die Prot­ago­nis­ten so glä­sern, dass et­wa Se­ve­rin Freund jetzt in Oberst­dorf ge­fragt wur­de, wie sehr sei­ne Ver­lo­bung ihn wohl be­flüg­le (Ant­wort: nicht gar so arg, denn „ich hab’ vor­her schon re­la­tiv lang ei­ne sehr, sehr sta­bi­le pri­va­te Si­tua­ti­on g’habt“).

Mo­der­ne Zei­ten. Doch das Rät­sel bleibt das al­te un­ter den bes­ten Ski­sprin­gern der Welt: Gibt es ein – das? – Re­zept für den Tour­nee­sieg? Nein, lehrt die Ge­schich­te, leh­ren die Ge­schich­ten. Von ab­ge­stürz­ten Fa­vo­ri- ten, von tri­um­phie­ren­den Au­ßen­sei­tern, von ...

... all den deut­schen Be­mü­hun­gen nach Sven Han­na­walds ein­ma­li­gem Vier-Etap­pen-Tri­umph 2001/02. Horst Hüt­tel, als Sport­li­cher Lei­ter Ski­sprung im Deut­schen Ski­ver­band wie Bun­des­trai­ner Wer­ner Schuster die ach­te Sai­son in der Ver­ant­wor­tung, spitzt da gern auch mal zu: „Uns ist in den letz­ten Jah­ren ex­trem vie­les ge­lun­gen im Ski­sprin­gen – aber die Tour­nee hat uns noch nicht so ge­mocht.“24 Sprün­ge bin­nen zehn Ta­gen bie­ten 24-mal die Ge­le­gen­heit zu Feh­lern. In Trai­ning, Qua­li­fi­ka­ti­on, Pro­be­durch­gang, Wett­kampf. 24-mal Höchst­leis­tung statt­des­sen! 24-mal sich dem ge­ball­ten Drum­her­um im nö­ti­gen Maß ent­zie­hen, fo­kus­siert blei­ben! Das kann man nicht er­zwin­gen.

Und auch nicht „1:1 si­mu­lie­ren“. Wer­ner Schuster weiß das. Trotz­dem hat der 46-Jäh­ri­ge in die Sai­son­vor­be­rei­tung ei­ne „Tour­nee auf Mat­te“ein­ge­baut: Oberst­dorf, Par­ten­kir­chen, Innsbruck, Bi­schofs­ho­fen, die glei­chen Schan­zen, die glei­chen Ho­tels, der glei­che Rei­se-/Trai­nings-/ Wett­kampf­rhyth­mus. Kei­nes­wegs nur ein psy­cho­lo­gi­scher Kniff mit Pla­ce­bo-Ef­fekt: Für ihn, sag­te Se­ve­rin Freund am Sonn­tag, „wa­ren das Ent­schei­dends­te die Schan­zen­wech­sel in der kur­zen Zeit“. Sich schnellst­mög­lich, mit nur we­ni­gen Ver­su­chen auf die ver­schie­de­nen Pro­fi­le der vier Bak­ken ein­stel­len – das ein­mal zu­sätz­lich durch­ge­spielt zu ha­ben, kann hilf­reich sein.

Ge­nau­so hilf­reich wie län­ge­re Pha­sen der Re­ge­ne­ra­ti­on. In­so­fern könn­te Wer­ner Schus­ters „ur­al­te Idee aus der Schub­la­de“ein Schlüs­sel sein: Gar­misch-Par­ten­kir­chen und Innsbruck vom glei­chen Quar­tier aus – in See­feld – an­zu­ge­hen, er­spart ei­nen Um­zug, bringt „ein biss­chen mehr Sta­bi­li­tät in die Ab­läu­fe“. Ein De­tail viel­leicht, viel­leicht aber auch mehr. Ei­ne gu­te Vor­aus­set­zung bei­spiels­wei­se: Lo­gis­tisch, or­ga­ni­sa­to­risch ist ge­tan, was ge­tan sein muss für ei­ne er­folg­rei­che Vier­schan­zen­tour­nee.

Trai­nings­me­tho­disch eben­falls. Der aus­ge­wie­se­ne „Spät­zün­der“Se­ve­rin Freund ist dank mo­di­fi­zier­ter Som­mer­ar­beit ak­tu­ell Welt­cup­Zwei­ter, hat zwei Sie­ge auf dem Ha­ben-Kon­to und blickt für sei­ne Ver- hält­nis­se fast eu­pho­risch auf die Sai­son­s­prin­gen eins bis sie­ben zu­rück. „Al­les, was bis jetzt war, ist schön und gibt ei­nem auch Selbst­ver­trau­en. Und bei mir hat ja ei­ni­ges schon gut funk­tio­niert.“Der Rest? My­thos? Ge­las­sen­heit eher: „Ich glaub’ bei der Tour­nee mehr denn je, dass vie­les aus dem Mo­ment her­aus pas­siert. Und ich bin zu­ver­sicht­lich, dass wir die Schrit­te im Vor­feld ge­macht ha­ben, dass es pas­sie­ren kann.“Wür­de der Bun­des­trai­ner so un­ter­schrei­ben. „Wir sind mit ei­nem gu­ten Ge­fühl hier, weil wir un­se­re Haus­auf­ga­ben er­le­digt ha­ben.“Und weil Wer­ner Schuster in Richard Frei­tag und Andre­as Wel­lin­ger im De­zem­ber 2015 zwei wei­te­re Sport­ler hat, de­nen er „je­der­zeit Top-Fünf-Ni­veau“at­tes­tiert.

Al­les wie 63-mal zu­vor? Man­ches ganz an­ders. Son­ne soll’s ge­ben zum Tour­nee­auf­takt, un­de­zem­ber­lich mild bleibt’s. Passt pri­ma zu ei­nem Schuster-Bon­mot; Se­ve­rin Freund hat es sich ge­merkt: „Der Wer­ner hat mal in ei­ner Be­spre­chung ge­sagt: ,Wenn je­mand in der Form ist, dann kann er im Zelt schla­fen und wird die Tour­nee trotz­dem ge­win­nen.“‘

FOTO: RO­LAND RASEMANN

Mit­fa­vo­rit bei der Vier­schan­zen­tour­nee: Se­ve­rin Freund.

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